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Der Dom Sankt Peter und Paul zu Brandenburg an der Havel.

Günter de Bruyn

Etwas Wut und viel Geduld

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Nach mehr als 30 Jahren erzählt Günter de Bruyn wieder eine Geschichte aus der deutschen Gegenwart.

Der brandenburgische Schriftsteller Günter de Bruyn ist der letzte Bewohner des 19. Jahrhunderts. Kein anderer hat in den zurückliegenden Jahrzehnten die preußische Geschichte derart intensiv von ihren Nebenschauplätzen her ergründet und den Blick geweitet für eine ländliche Kultur, die wenig zu tun hat mit dem Idyll, dem man bei einem Sommerausflug in die Uckermark oder anderswohin zu begegnen meint. Aber während sein großes Vorbild Theodor Fontane die Mark Brandenburg durch seine „Wanderungen“ literarisch Flecken um Flecken kartographiert hat, ist Günter de Bruyn immer mehr in die Tiefe gegangen. Mit seinen kulturhistorischen Miszellen und Porträts („Als Poesie gut“ und „Die Zeit der schweren Not“) hat er eine andere Geschichte Preußens erschlossen, und mit Erkundungen wie die über das Schloss Kossenblatt im Südosten Berlins hat er in liebevoller Versessenheit eine vergessene Kulturlandschaft in die Erinnerung zurückgerufen. Die gediegene Langsamkeit, die diese zugleich sehr leicht zugänglichen Texte ausstrahlen, scheint dabei den enormen Fleiß überspielt zu haben, mit denen der bald 92-jährige unermüdlich ein Buch nach dem anderen veröffentlicht hat.

Umso mehr verblüfft es, dass Günter de Bruyn nach mehr als 30 Jahren belletristischer Abstinenz nun mit „Der neunzigste Geburtstag“ einen Zeitroman vorlegt, in dem auch die dörfliche Abgeschiedenheit, in der das Geschwisterpaar Hedwig und Leonhardt Leydenfrost seinen Lebensabend verbringt, von der politischen und sozialen Großwetterlage erfasst wird.

Hedwig Leydenfrost, die nach einem Leben als engagierte westdeutsche Linke und Vorkämpferin der außerparlamentarischen Opposition in das brandenburgische Dorf ihrer Kindheit zurückgekehrt ist, sieht ihrem 90. Geburtstag entgegen, dessen Feierlichkeiten die Familie mit einer Spendenaktion für Flüchtlingskinder in Not verknüpfen möchte. Es ist wohl auch eine gehörige Portion Ironie, wenn nicht gar Spott mit von der Partie, wenn Günter de Bruyn die Aktion Neue Heimat (ANH) als Parallelaktion zur gemächlich voranschreitenden Handlung durch das Buch laufen lässt.

Was für die einen eine Demonstration des guten Willens im Sinne der für den Moment moralisch geboten erscheinenden Willkommenskultur darstellen soll, ist für andere nur eine günstige Gelegenheit, bei den Geschäften mit der Unterbringung von Flüchtlingen mit dabei zu sein. Aber was sich in der kurzen Nacherzählung nach dem Plot eines kritischen Gesellschaftsromans anhört, bleibt in der lakonisch notierten Darstellung Günter de Bruyns eher skurriles Randgeschehen in einer Dorfgemeinschaft, die von den politischen Ideologien seit jeher eher gestreift als mitgerissen wurde.

Günter de Bruyns alter Ego in dem Roman ist zweifellos der frühere Bibliothekar Leonhardt Leydenfrost, der die alltagskulturellen Veränderungen oft kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt und sich dabei doch an das Motto Fontanes hält, so lange wie möglich mit dem Alten zu gehen, und mit dem Neuen nur, wenn man muss. Aber weil das so ist, lauscht man dem nörgelnden Grundton ganz gern, auch wenn Leo Leydenfrost die Grenze zum Ressentiment bisweilen überschreitet, was durch die Lebensklugheit seiner Schwester Hedwig aber sogleich wieder abgemildert wird.

Leo hadert mit dem „Wir schaffen das“ der Kanzlerin, seine innere Empörung aber nimmt rasant zu, wenn es um die sprachlichen Zumutungen geht, die politische Korrektheit und „Gender Mainstreaming“ zur Regel zu erklären versuchen. An den schwächeren Stellen des Buches meint man einen kulturpessimistischen Autor mit Aussagen zur aktuellen Tagespolitik zu vernehmen.

Seinen Reiz entfaltet dieser kleine, hintersinnige Roman aber dort, wo er den nahen Kosmos einer Kultlandschaft entfaltet, die mit der Bezeichnung Dorfleben nur unzureichend charakterisiert ist. Das Dorf, macht Günter de Bruyn unmissverständlich klar, ist schon lange nicht mehr jene vielleicht seit jeher als Illusion gepflegte homogene Einheit, die man sich als Hort der Geborgenheit vorgestellt haben mag. Die jeweils herrschenden politischen Regime haben die Biografien der Menschen, die hier leben, kräftig durchgeschüttelt. Und doch scheinen die Stimmen und Stimmungen, die Günter de Bruyn in liebevoller Sorgfalt registriert, geduldiger und mit einem gebührenden Abstand auf das politische Klima zu reagieren.

Das „ländliche Idyll“, auf das der Roman im Untertitel anspielt, ist verloren und nur noch als literarische Erinnerung zu haben, die Günter de Bruyn mit großem Sinn für topografische Details geradezu plastisch aufscheinen lässt. Der politische Zorn hält sich demgegenüber in Grenzen. Leonhardt denkt noch nicht daran zu sterben. Lieber freut er sich auf das Ergebnis der nächsten Wahlen, zu welchem Vergnügen auch immer.

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