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Anna Weidenholzer schreibt nicht über ihre Lebenswelt.
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Anna Weidenholzer schreibt nicht über ihre Lebenswelt.

Anna Weidenholzer

Ethnologin der Einsamkeit

Anna Weidenholzers grandioser Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ erzählt sprachzart von einem verschrobenen Rentner.

Von Sabine Vogel

Und alle Fenster finster und hier draußen ich.“ Was für ein erster Satz! Was für ein narratives Versprechen, welch poetische Verdichtung, wie viele lose Enden. Das Ich, das spricht, sitzt schon im Auto, bereit, den Zündschlüssel umzudrehen und dieses Haus mit den dunklen Fenstern hinter sich zu lassen, das da abweisend vor ihm liegt.

Lange, viel länger als geplant, wohnte er als einziger Gast in diesem Gasthaus, mit der vereinsamten Wirtin, die ihn zum Strom- und Wassersparen anhielt. Schön fand er es in diesem unwirtlichen und klammen Hotel Post. Nun wird er losfahren, am Altstoffsammelzentrum vorbei, an der Tankstelle, die keine mehr ist und jetzt Imbiss heißt, zu einem anderen Ort, vierhundertneunundsechzig Kilometer weit entfernt, wie es die Kapitelüberschrift nahelegt. Er wird an der ersten Raststation übernachten, ehe er am nächsten Morgen zeitig aufbrechen wird zu einem anderen Haus, einem Zuhause? Er wird Blumen kaufen, eine Orchidee, denn Margit kann nicht gut mit Zimmerpflanzen. Schnittblumen nie, wegen dem „Friedhofsgeruch, würde sie jedes mal sagen, wenn sie an dem Strauss vorübergeht, wie hältst du das nur aus?“

Karl fährt besonnen, betätigt die Lichthupe vor dem Überholen, achtzig Stundenkilometer sind genug, es ist Wildwechselzeit. Margit würde sagen, Karl, dir klebt Blaukraut am Bart und Karl, du bist verschwunden, ohne Bescheid zu geben. Hat er keinen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen? „Hör wie der Regen fällt, Margit, würde er sagen.“

Die Sätze von Anna Weidenholzer sind von einer solchen Sogkraft, von so pulsierender Zartheit und subtiler Wucht, dass ich am liebsten das ganze Buch abschreiben möchte. Der Roman mit dem rätselhaften Titel „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ ist schon das dritte Kunststück der gerade mal 32-jährigen Österreicherin, und wieder ist ihr Protagonist denkbar weit entfernt von der Autorin selbst.

Denn Anna Weidenholzer gehört zu den sehr seltenen zeitgenössischen Schriftstellerinnen, die nicht über sich und ihre eigenen Lebenswelten schreiben. Ihre in hinreißend feinen Beobachtungen und oft schlagartig witzigen Details gezeichneten Helden sind sogenannte „kleine Leute“, deren Unbedeutsamkeit im größten Kontrast steht zu ihrer abgrundtiefen existenziellen Not. In ihrem vorhergehenden Roman „Der Winter tut den Fischen gut“ kam einer Frau mittleren Alters nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes zugleich die Sprache, die Welt, ihr ganzer Daseinssinn abhanden. „Sehen Sie, Frau Maria, das ist Ihr Leben, da ist noch viel Platz bis zum Ende, wie alt sind Sie, siebenundvierzig, sehen Sie.“ Mit Karl nun, der beim Gedanken an seine Margit in den Konjunktiv fällt, in den „Möglichkeitsfall“ des nicht für möglich zu haltenden, hat Weidenholzer einen verschrobenen Rentner erfunden, an dem sie ihre Ethnologie der Einsamkeit weiter treiben kann.

Karl bricht auf von dort, wo Margit mit ihm sprechen würde, um woanders herauszufinden, was die Bedingungen des Glücks sind. Er hat einen Fragebogen ausgearbeitet nach dem Vorbild von Bhutan, in dem das „Bruttonationalglück“ der Bürger ermittelt wird. Über 200 Fragen hat Karl aufgelistet, wissenschaftlich penibel, und wie in einer richtigen Umfrage will Karl „objektiv bleiben, keine Beziehungen eingehen“, die Namen seiner Befragten nicht erfahren. Er simuliert den „objektiven Forscher“, sein Herumirren nennt er „Studien betreiben zur Ortsstruktur“, er spricht in sein Diktiergerät: „Mittwochnachmittag, seit einer Stunde sitze ich an dieser Haltestelle, ich friere“.

Selbst die freudlose Wirtin im Hotel Post, die ihm mit unangemessen langen Blicken viel zu nahe tritt, bleibt namenlos. Auch im Hotel Post gab es einmal Leben, Betrieb, und jemanden, der nun weg ist. „Hier herrscht Horst“, steht auf dem Kühlschrank der ehemaligen Tankstelle, in der die Herren mit den Seesternen sich zum Trinken versammeln. Das Unglück aber, das an Horsts Stelle im Hotel Post eingezogen ist, bleibt wortlos. Wie das Ski-Resort ohne Schnee, das Tal ohne Licht, der Urlaubsort ohne Urlauber. Alles ist ohne. Etwas fehlt, immer. Der Mangel an Licht, Wärme, Freude, Liebe, lauert hinter jeder Ecke, kauert in allen Sätzen. Der Verlust ist die Leerstelle, die Lücke des Unaussprechlichen, die mit Fertigsätzen, Sprachfloskeln und Gefühlsschablonen notdürftig kaschiert wird – und sich in Weidenholzers lakonischer Prägnanz zu großer Literatur verdichtet.

„Ein unfassbar dicker Hund, denkt er, er sagt: Schön ist der.“ Der Hund liegt am Fußende des Bettes, als die Angst ihn in der Nacht einholt. Der Hund ist die einzige Wärmequelle, und er hat einen Namen. Er heißt Annemarie, nach der Urlauberin, die ihn im Hotel Post vergessen hat, wie kann jemand seinen Hund vergessen? „Was Margit sagte: Man muss behutsam vorgehen, sonst stolpert das Herz.“ Man muss dieses Buch behutsam lesen, sonst setzt der Atem aus.

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2016. 192 S., 20 Euro.

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