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Wiederbelebung des Woodstock-Mythos, hier vor wenigen Tagen auf einem Festival im polnischen Küstrin.
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Wiederbelebung des Woodstock-Mythos, hier vor wenigen Tagen auf einem Festival im polnischen Küstrin.

"Das intensive Leben"

Ethische Fragen der Selbstbestimmung

  • Dirk Pilz
    VonDirk Pilz
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Der französische Philosoph Tristan Garcia versucht in seinem Essay "Das intensive Leben", die Moderne auf den Punkt zu bringen ? und uns von ihr zu erlösen.

Der Mann ist 36 Jahre alt. Philosoph, Schriftsteller, Autor von immerhin dreizehn Büchern, vor allem Essays und Romane. In Lyon unterrichtet er als Maître de conférences, vergleichbar einer deutschen Juniorprofessur, berühmt ist er in ganz Frankreich: gern gesehener Interviewpartner, gehandelt als Sensation, als Star, als die neue große Hoffnung am Philosophenhimmel. Solche Leute liebt die Kulturindustrie: jung, erfolgreich, eloquent. Allerlei Preise hat er auch erhalten, natürlich. 

Die Moderne beruhe auf einer einzigen Verheißung

Das hiesige Publikum konnte diesen Philosophen bislang in zwei Romanen kennenlernen, sie erreichten nicht die große Öffentlichkeit. Jetzt aber ist sein Essay „Das intensive Leben“ auf Deutsch erschienen, unmittelbar nachdem er in Frankreich auf eine aufgeregte, breite Leserschaft stieß. Ein „großartiges Buch“ glaubte das Nachrichtenmagazin „L’Express“ hier zu erkennen, verfasst von einem „einzigartigen Talent“, wie „Le Monde“ behauptet. Jubelzitate, die vom Suhrkamp Verlag auf den Umschlag der deutschen Ausgabe gedruckt wurden. Solche Leute liebt auch die Buchindustrie, und sei es in der Hoffnung auf Umsatzsteigerungen. Zur Ironie des Hypes um den jungen Superdenker gehört: dass man gerade bei ihm lernen kann, wie gefährlich, wie irreführend es ist, auf derlei Hypes zu setzen. Tristan Garcia: auch ein dialektisches Lehrstück in Sachen Aufmerksamkeitsproduktion. 

„Das intensive Leben“ also. Der Titel klingt nach womöglich harmloser Ratgeberliteratur; er spielt auch subtil mit dieser Erwartung. Aber Garcia geht es um mehr, es geht ihm ums Ganze, um die Moderne, um alles, was die gegenwärtige Welt im Innersten zusammenhält.  Das muss man sich trauen: Garcia stellt die jahrzehntelange Diskussion über die Moderne auf null, lässt den Großteil der Debatten einfach beiseite, macht Kant und Hegel, Foucault, Baudrillard oder auch seinen Zeitgenossen Houellebecq zu Randfiguren, lässt keinen Adorno, keinen Paul Valéry, keinen Proust auftreten, noch nicht einmal seinen Ziehvater Alain Badiou.

Tristan Garcia wischt den Tisch leer und behauptet: Die gesamte Moderne beruhe auf eine einzigen Verheißung, einem einzigen Versprechen: „dass wir intensive Menschen werden“. Der Gott der Moderne verpflichte seine treuen Jünger auf Maximierung, er erschaffe ausnahmslos „Menschen, deren Lebenssinn in der Intensivierung aller Vitalfunktionen besteht“. Diese „große moderne Idee“ verkünde weder Heil noch Wahrheit, sie flüstere dagegen so leise wie unabweisbar den stets gleichen Lockspruch: „Ich verheiße dir mehr vom Gleichen. Ich verheiße dir mehr Leben.“ 

Diesen Imperativ der Intensität sieht Garcia im 18. Jahrhundert durch die Entdeckung der Elektrizität entstehen – die Moderne als „Domestikation des elektrischen Stroms“, durchaus originell. Dass das Intensitätsideal von den Romantikern in die Pop-Geschichte und in die derzeit so beliebten Fitness- und Ernährungsstrategien der Selbstoptimierung eingewandert ist, leuchtet umstandslos ein. Und dass der Kapitalismus dieses Loblied des Steigerns und Mehrens mitsingt, wird niemanden überraschen: Er sieht darin sein Wachstumsdenken befördert, entsprechend wird der neue Kaffee genauso wie die Kreuzfahrt als intensives Erlebnis beworben. 

Kapitalismus singt ein Loblied

Der entscheidende Punkt bei Garcia ist dabei, dass Intensität zum inhaltsleeren, rein formalen Ideal geworden ist. Ihr Leitspruch lautet „intensiv das zu sein, was man ist“. Ihm folgen Dschihadisten genauso wie Vegetarier, Kommunisten wie Neoliberale. Intensität als totaler Begriff: Er meint alles und gemeindet alle ein. Ein Versprechen, das sich selbst auflöst – und zerstörerische Kräfte entwickelt. Die Moderne steht damit bei Garcia als Extremismus da, denn dessen Kennzeichen ist stets, alles und alle auf eine einzige Perspektive, eine einzelne Letztbegründung zu beziehen. 

Letztbegründung: das ist das Metier der Metaphysik. Es geht nicht mit ihr, es geht nicht ohne sie, meint Garcia, sicher zurecht. Er macht es sich folglich zur Aufgabe, eine neue Metaphysik zu begründen, die auf die klassischen Bezugspunkte wie den Gott der Theologen oder das Ideal der Philosophen verzichtet – er hält beides nicht mehr für möglich, ohne dies allerdings eigens zu begründen, leider. Er zeigt aber, dass die traditionellen Versuche, alles unter die Vorherrschaft des Denkens und der Vernunft zu stellen, genauso einseitig und unmöglich sind wie das gegenteilige Vorhaben, alles nach dem (Lebens)Gefühl auszurichten. Sein Essay mündet deshalb in das Plädoyer für eine Ethik, mit der man „auf der Kammlinie im Gleichgewicht“ zu bleiben versuchen solle: weder sich ganz der Intensität hingeben noch versuchen, sich ganz von ihr zu befreien. 

Plädoyer für einen Konservatismus

Im Grunde ein antikes Vorgehen: das Mittelmaß zwischen bloßem Gefühl und abstraktem Gedanken zu finden. Im Grunde der Versuch, die Moderne vor sich selbst in Schutz zu nehmen, indem man zwei Schritte hinter ihr zurückgeht. Man kann auch sagen: Tristan Garcia plädiert für einen Neokonservatismus, der das gute Leben im gelungenen Einstimmen auf die kapitalistischen und existenziellen Widersprüche der Gegenwart erkennt. In dieser Hinsicht gehört er zu jener diffusen Richtung unter jüngeren Philosophen, die sich auf einen Neuen Realismus geeinigt haben. Mit ihm verabschieden so verschiedene Autoren wie der Bonner Philosoph Markus Gabriel, der Berliner Armin Avanessian oder die US-Amerikaner Paul Boghossian und Graham Harman die postmodernen Dogmen von der Zufälligkeit und Relativität aller Werte und Erkenntnisse – und suchen in einem noch unbestimmten, offenen Gelände nach einer neuen „Kraft“, wie Garcia schreibt. Eine Kraft, um dem Strudel der Intensitäten zu widerstehen, ohne „in den Abgrund der Lebensverneinung“ zu stürzen. Es ist die Suche nach gottgleichen, unveränderlichen Haltepunkten im Wissen um ihre (angebliche) Unmöglichkeit. 

Insofern ist „Das intensive Leben“ ein offenes, ungeschütztes Buch. Dass es für Debatten sorgt, hat auch darin seinen Grund – Philosophen sind selten derart forsch. Es ist allerdings auch ein selbstverräterisches Manifest eines Denkens, das vollständig auf eine radikal individualethische Perspektive setzt. Intensität war in der französischen Philosophie in den 70er Jahren schon einmal ein viel diskutiertes Konzept, bei Autoren wie Lyotard und Deleuze. Dort aber war an Intensität die Hoffnung auf ein anderes, utopisches Leben geknüpft, an eine Daseins-Differenz, die sich auch gesellschaftlich niederschlägt. 

Das alles gibt es irritierenderweise bei Garcia nicht: keinen Bezug zu sozialen Fragen, zu gesellschaftlichen Zusammenhängen. Der Mensch ist bei ihm der Vereinzelte, Losgelöste, ein Einsamer im Strom der Intensitäten. Das aber ist eine philosophische Fiktion. 

Autonom sind wir nie

Man begreift es gut, wenn man den parallel erschienenen „Versuch über das gelungene Leben“ der Amsterdamer Philosophin Beate Rössler liest. Sie liefert nicht nur eine sehr gründliche Geschichte des modernen Grundwertes der Autonomie, dem Hauptfeld intensiven Erlebens; sie zeigt, dass man gerade in ethischen Fragen der Selbstbestimmung nie bei Null anfängt, nie allein, sondern stets ein soziales Wesen ist. Sie zitiert die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch: „Man steckt immer schon bis zum Hals in seinem Leben.“ Autonom, so Rössler deshalb, sind wir nie isoliert, sondern immer mit anderen. Intensiv, so kann man mit Garcia ihm selbst entgegenhalten, ist nichts für sich, sondern immer nur im Zusammenhang mit anderen und anderem: Jede „Kraft“ braucht Bezugspunkte, um wirken zu können. 

Das berührt die zentralen, heißen Fragen: Welchen Werten folgen die Wanderungen auf den Kammlinien? Welcher Hoffnung gehorchen die Versprechungen der Demokratie, der Selbstbestimmung – und des Kapitalismus? Dass Garcias Essay teils heftig kritisiert wurde, hat hierin seine Ursache: Er verschiebt diese Fragen ins bloß Private. Aber sein Buch hat auch deshalb für so viel Aufmerksamkeit gesorgt, weil er solche Fragen immerhin stellt.    Tristan Garcia: Das intensive Leben.  Eine moderne Obsession. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Suhrkamp, Berlin 2017. 215 S., 24 Euro.   Beate Rössler: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben. Suhrkamp, Berlin 2017. 443 S., 29,95 Euro.

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