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Konrad Morgen im Jahr 1938.

SS-Richter

Ethisch selbstzufrieden

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Wer ist Konrad Morgen, der sich nach seiner Entnazifizierung 1951 in Frankfurt als Rechtsanwalt und Notar niederließ? Herlinde Pauer-Studer und David Velleman haben den Fall rekonstruiert.

Der Fall überschreitet Grenzen. Ermöglicht keine einfachen Antworten. Mutet fast obszön an: Die Rede ist von Konrad Morgen, Jurist, Mitglied der SS und der NSDAP. Von 1940 an SS-Richter. Konrad Morgen (1909-1982) verstand sein Handeln innerhalb des NS-Systems als eines in bester Absicht, als moralisch. Sah sich stets im Dienst einer höheren Sache. Im Dienst gegen Korruption in den Konzentrationslagern: Morgen wollte persönliche Bereicherungen nicht dulden. Dagegen ging er vor. Er verstand die Ausplünderung der Opfer als ungerecht. Der Massenmord und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren jedoch nicht sein Thema.

Wer ist dieser Konrad Morgen, der sich nach seiner Entnazifizierung 1951 in Frankfurt am Main als Rechtsanwalt und Notar niederließ? Ein ausgebuffter Parteigänger der Nazis? Oder intelligent genug, um die Pervertierung von Recht und Moral im Dritten Reich zu durchblicken? Oder einer, an dessen moralischer Integrität man seine Zweifel haben sollte, bei dem allerdings ein eindeutiges Urteil versagt?

Viele Fragen, die sich aus der überaus lohnenden Lektüre des von Herlinde Pauer-Studer und David Velleman verfassten Buches über Konrad Morgen ergeben. Denn Morgens Gerechtigkeitsverständnis, das „gerecht“ und „tugendhaft“ miteinander bis zur Unkenntlichkeit verschränkte, „zeigte sich der systematischen Inhumanität, die ihn umgab, nicht gewachsen“.

Saul Friedländer brachte in seiner Studie über „die Jahre der Vernichtung“ durch die SS „Mord“ und „Korruption“ eindeutig zusammen: Die Organisation sei zum Massenmord und „zur Plünderung in großem Stil bestimmt gewesen“. Auch der Historiker Nikolaus Wachsmann hat in seiner im vorigen Jahr publizierten Untersuchung des Systems der Konzentrationslager keinen Zweifel gelassen: Morgen habe nach dem Ende des Krieges seine Rolle bemäntelt – zunächst als Zeuge der Verteidigung im Nürnberger Prozess gegen die Kriegsverbrecher, schließlich als Zeuge der Anklage im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Morgen habe sich „als unermüdlicher Vorkämpfer für Recht und Ordnung dargestellt“. Darauf seien „verschiedene Historiker“ und „einige Richter hereingefallen.

Herlinde Pauer-Studer und David Velleman, Professoren für Philosophie in Wien und New York, sind mit dieser Sicht der Dinge nicht einverstanden. Sie geben in ihrer detaillierten Untersuchung zu bedenken, der Fall Morgen sei komplizierter. Sie machen ihn zum Gegenstand ihrer „moralischen Fallstudie“ und wenden gegen Wachsmanns Folgerungen ein, er habe sich allein auf Morgens Zeugenaussage in Nürnberg gestützt. Die beiden Autoren gehen davon aus, dass sich dieser zweifelsohne nach Kriegsende in einem vorteilhaften Licht dargestellt habe. Für sie ist der Jurist aber zugleich ein Beispiel dafür, dass man sich „das nicht immer intakte moralische Bewusstsein eines Konrad Morgen“ genauer ansehen sollte. Nicht zuletzt in Debatten, die bis heute in der Republik Wirkung entfalten: So haben die Diskussionen über das Schicksal der nach Millionen zählenden Zwangsarbeiter gezeigt, wie weitflächig die deutsche Bevölkerung in das Regime verstrickt gewesen ist.

Hat Morgen nun innerhalb seiner Möglichkeiten moralisch gehandelt? Unter „den Rahmenbedingungen eines totalitären Staates“? Der Fall Morgen bleibt der eines ambivalenten Charakters: „Morgen entzieht sich der Kategorie des aktiven NS-Täters und NS-Verbrechers“, befinden die Autoren. Morgen stand zustimmend zum Regime, er machte sich zum Komplizen, aber wähnte sich „auf der richtigen Seite, die mit Korruption nichts zu tun haben wollte“.

Im März 1964 steht er als Zeuge der Anklage im Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main vor Gericht. Dort gibt er am 25. Verhandlungstag zu Protokoll: „Ich wusste, dass die Zahnstationen der Konzentrationslager beauftragt waren, in den Krematorien das dort anfallende Gold der Leichenverbrennung zu sammeln und an die Reichsbank abzuführen. Und eine Goldplombe, das sind ja nur wenige Gramm.“ Also könnte man anhand der Zahnfüllungen durchaus auf ein Ausmaß der Morde schließen. Das Protokoll vermerkt eine Pause, bevor es weitergeht und Konrad Morgen sagt: „Ein erschütternder Gedanke.“

Ein Moment der Irritation? Ein kurzer Augenblick des Einfühlens? Von Mai 1943 an war es Morgens Aufgabe, die Korruption in den Konzentrationslagern zu untersuchen. Morgen kam nach Buchenwald und nahm sich des Falls Karl Otto Koch an, ehemals Kommandant des KZ. Morgen ermittelte gegen Otto. Er verdächtigte ihn, in die eigene Tasche zu wirtschaften, weil „ich nun einmal ein Gerechtigkeitsfanatiker bin“. In einer Bilanz notierte Morgen Unregelmäßigkeiten, die nach heutigen Wert fünf Millionen Euro umfassten. Der Fall ist für die Autoren ein weiterer Beleg für Morgens Widersprüchlichkeit: „Seine fanatische Verfolgung verbrecherischer Einzelfälle stand in krassem Gegensatz zu seinem fehlenden Sinn für den größeren politisch-verbrecherischen Zusammenhang, in dem diese standen.“ Die Autoren kommen zu der Einschätzung, Morgen entziehe sich „einer Schwarz-Weiß-Logik“, der Fall müsse differenzierter betrachtet werden: „Er teilte das Ethos der SS; an keinem Punkt rebellierte er entschieden dagegen.“ Zwar war Konrad Morgen keiner jener Juristen, die bei der SS hochrangige Ämter innehatten oder im Reichssicherheitshauptamt den Massenmord planten.

Dennoch war er als SS-Offizier und -Richter Teil des Systems und „Vollzugsorgan einer Institution“ des Regimes, das für den Holocaust verantwortlich war. So handele es sich bei ihm um „einen Fall moralischer Komplexität“. Im Sinne eines persönlichen Moralempfindens sei es für ihn allein um „ethische Selbstzufriedenheit“ gegangen. Die politische Ideologie der Nationalsozialisten und deren blanke Gewalt standen jedoch der Sphäre der Moral als normativem Standard entgegen. Diese Lehre gehört zu der Fallgeschichte, die Herlinde Pauer-Studer und David Vellmann darstellen. Eine bereichernde Lektüre, mit Erkenntnissen auch für die Gegenwart.

Die Autoren schließen gleichsam mit einer Direktive: „Moral sollte der oberste Standard sein, um Rechtssysteme kritisch zu prüfen.“

Herlinde Pauer-Studer/J. David Velleman: „Weil ich nun mal ein Gerechtigkeits- Fanatiker bin“ – Der Fall des SS-Richters Konrad Morgen. Suhrkamp, Berlin 2017, 349 Seiten, 26 Euro.

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