Ticka und der ausgeschnittene Zug.
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Ticka und der ausgeschnittene Zug.

Graphic Novel

Esther Shakine „Exodus“: „Dann habe ich lange Zeit nicht mehr geweint“

  • vonMichael Schleicher
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In einer bemerkenswerten Graphic Novel erzählt Esther Shakine die Geschichte ihrer Rettung.

Eine Katze hat nicht nur sieben Leben. Eine Katze kann auch Leben retten. Pitsy heißt das Tier, das Ticka zu ihrem fünften Geburtstag bekommen hat – und das dem jüdischen Mädchen einen unschätzbar wertvollen Dienst erweist. Als eines Nachts die Polizei in die Wohnung der Familie stürmt, auf der Jagd nach Juden, versteckt die Mutter in letzter Sekunde ihre Tochter im Schrank. Doch das leise Weinen des Kindes macht die Eindringlinge misstrauisch; einer reißt die Türen des Möbelstücks auf: „Seine Stiefel waren direkt vor meinen Augen. Pitsy fauchte vor Angst und rannte davon. Der Polizist wollte ihr einen Tritt versetzen und wäre dabei fast hingefallen. ,Verdammte Katze!‘, fluchte er. Ich blieb allein im Schrank zurück. Ich weinte nicht mehr. Dann habe ich lange Zeit nicht mehr geweint.“

Ticka gibt es wirklich. Ihre Geschichte ist die von Esther Shakine, die 1932 im ungarischen Szeged, einer Großstadt im Süden des Landes, geboren wurde. Nach der Deportation ihrer Eltern überlebte sie – nicht nur dank Pitsy – Schoah und Weltkrieg. Schließlich emigrierte sie nach Israel, wo sie in einem Kibbuz aufwuchs.

Von ihrer schier unglaublichen Rettung erzählt Shakine nun in einer eindrucksvollen Graphic Novel, die soeben auf Deutsch erschienen ist: „Exodus“ ist benannt nach dem Schiff, das 1947 rund 4500 jüdische Überlebende des Nazi-Terrors nach Palästina bringen sollte – was von den Briten gewaltsam verhindert wurde.

Das Buch:

Esther Shakine: Exodus. Graphic Novel. Klinkhardt & Biermann, München 2020. 48 Seiten, 15 Euro.

Esther Shakine, die in Tel Aviv Kunst studierte und später als Illustratorin, Malerin und Designerin Karriere machte, legt ein bemerkenswertes Comic-Debüt vor – auch deshalb, weil die Künstlerin die Regeln des Genres frei interpretiert. Im Tonfall eines Tagebuchs lässt sie Ticka von der Emigration berichten. Das geschieht in längeren Texten, manche Seiten sind in die klassischen Panels aufgeteilt, dann wieder gibt es Zeichnungen, die derart kraftvoll sind, dass sie den Rahmen eines Einzelbilds sprengen. Virtuos wechselt Shakine zudem zwischen Collage und Illustrationen, die an Scherenschnitte erinnern. Letztere nutzt sie vor allem, um Brutalität zu abstrahieren, somit „erträglicher“ zu gestalten.

Der lange Weg

Kunstinteressierte kennen womöglich Shakines Sohn Eran: Vor zwei Jahren präsentierte der 1962 in Tel Aviv geborene Künstler in Berlin und München seine so warmherzige wie gewitzte Ausstellung „A Muslim, a Christian and a Jew – Knocking on Heaven’s Door“. Skurril und wahrhaftig porträtierte er in meist großformatigen Arbeiten Vertreter der drei Weltreligionen in alltäglichen Situationen. Nun können die Leser in Deutschland endlich auch das Schaffen der Mutter kennenlernen, und das in ihrem wohl persönlichsten Werk. „Exodus“ richtet sich dabei an Kinder ab acht Jahren ebenso wie an Erwachsene – und natürlich an alle Freunde der grafischen Literatur.

Ihre Odyssee führte Shakine einst zurück ins Land der Täter, nach Hamburg: Die Briten beschlagnahmten die „Exodus“ und verfrachteten die Flüchtlinge wieder nach Europa. 1948 gelang der 16-Jährigen dann auf der „Andorra Panama“ die Überfahrt nach Israel: „Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich angekommen war.“

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