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Die amerikanische Rocksängerin Suzi Quatro in den 70ern in Deutschland.
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Die amerikanische Rocksängerin Suzi Quatro in den 70ern in Deutschland.

Glamrock

Die Essensreste ausräumen

  • vonStefan Michalzik
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Ein analytisch scharfes Buch über den Glamrock von Simon Reynolds erzählt auch, wie es zum Higher Glam kam.

Glamrock knallte nach vorne weg. „Erektionsrock“ ist das Wort, das Marc Bolan von T. Rex auf seine Erfolgsnummer „20th Century Boy“ prägte. „Die Rückkehr der Aufgeregtheit in die Musik“ – derart charakterisiert Simon Reynolds Glam mit seinem hysterisch aufgeladenen Sound triftig. Die Songs dieser Musikrichtung, die in der ersten Hälfte der siebziger Jahre die Charts dominierten, sollten das Teenagerpublikum gleich im ersten Moment kicken, mit einem triftigen Riff etwa, oder der Sirene zu Beginn von „Blockbuster“, einem der größten Kracher von The Sweet.

Das Prinzip der Hitfabrik feierte mit Glam und dem führenden Songschreiberteam Nicky Chinn und Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro, Mud) ein Comeback. Musikalisch, schreibt Simon Reynolds in seinem über 639 Seiten hinweg starken Buch „Glam – Glitter Rock und Art Pop von den Siebzigern bis ins 21. Jahrhundert“, handelte es sich bei einem Großteil dieser elektrisierenden Musik um „simpel gehaltenen Hardrock“, wenn man den Zuckerguss – die Produktion – weglässt.

Ein neuer Sound, der „mit den schalen Idealen der vergangenen Dekade aufräumen würde wie mit alten Essensresten im Kühlschrank“. Derart fasst Reynolds die Erwartung des Jahres 1970 zusammen. Die Hippiezeit war vorbei, einige der großen Popbands, vornan die Beatles, hatten sich aufgelöst. Dann kamen T. Rex und gaben „den Startschuss für die neue Popära“. Glamour als Konzept, so Reynolds, habe etwas Nostalgisches an sich, ob seines Bezugs zur goldenen Ära Hollywoods und ihren Diven. Das Feeling des Rock’n’Rolls der fünfziger Jahre ist Marc Bolan zufolge sehr wichtig gewesen.

Geschlechtergrenzen wurden nicht allein in Frisuren und Outfit übertreten. Zwar waren die meisten Künstler des Glam heterosexuell, in Texten wie Interviews spielten viele jedoch mit einer Ambiguität der Geschlechter. Ein wichtiges Kapitel: Suzi Quatro. Als eine der ersten Musikerinnen hatte sie deutlich gemacht, dass sie kein braves Mädchen ist. Die Lederdresserin war „Tomboy“ – und ein nicht zu unterschätzendes Rollenmodell der siebziger Jahre.

Zur Hochzeit des Glam hat eine Band wie Slade anerkennende Kritiken bekommen, gar wurde sie als Retter der Rockmusik gefeiert. Von der Rockgeschichtsschreibung indes sind die Bands der prolligen Seite des Glams später weitreichend links liegen gelassen worden. Simon Reynolds, namhaft für Grundlagenwerke über den Postpunk und die „Retromania“, zeichnet ein exzeptionell analytisch scharfes und akribisch punktgenaues Bild von dem Genre und zum Schluss auch seiner allgegenwärtigen Wirkung auf heutige Künstler wie Lady Gaga, Beyoncé oder Nicki Minaj.

Gleich Roxy Music gehörte David Bowie dem „high glam“ an. In einer parallelen chronologischen Führung ist dieses großartige Buch zugleich eine Monografie zu ihm. Ein auch anlässlich seines Todes weitgehend verdrängtes Thema ist seine problematische Affinität zur einer faschistischen Ästhetik und Nietzsches Theorie vom Übermenschen. In wirrköpfigen Äußerungen hatte er Mitte der siebziger Jahre einen politischen Autoritarismus verfochten. Generell ist higher glam antiegalitär orientiert gewesen. Eingehend behandelt Reynolds das – offenkundige – Spiel mit einer faschistischen Ästhetik bei Queen, vom Körperkult mit Leni-Riefenstahl-Flair über einen Gebrauch von Gesten nach Diktatorenart bis zu entsprechenden Textgehalten.

Ein Abschnitt gilt dem Missbrauch an pubertären Groupies. Weit über den Fall Gary Glitter hinaus haben viele Stars – eingeschlossen David Bowie und Iggy Pop – mit dem Wissen der Öffentlichkeit Sex mit Minderjährigen gehabt. Ein fatales Kapitel der Popgeschichte dieser Zeit.

Simon Reynolds: Glam – Glitter Rock und Art Pop von den Siebzigern bis ins 21. Jahrhundert. Ventil Verlag, 2017. 639 S., 34,90 Euro.

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