Offenbar auch ein Balanceakt: Nikos und Pandelis Sotiriadis’ Skulptur „Entführung der Europa“ am Europäischen Parlament in Straßburg.
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Offenbar auch ein Balanceakt: Nikos und Pandelis Sotiriadis’ Skulptur „Entführung der Europa“ am Europäischen Parlament in Straßburg.

Politische Bücher

Essays von Otfried Höffe und Rüdiger Görner: Ein Europa der Erziehung

  • vonReinhart Wustlich
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Herkunft beginnt nicht im Jetzt: Zwei ambitionierte Abhandlungen von Otfried Höffe und Rüdiger Görner über Europa als unserer Zukunft.

Europa mit dessen „politischem Kern“ zu verwechseln, der Europäischen Union, gar mit „Brüssel“, ist im Alltagsdenken verbreitet. Der Philosoph Otfried Höffe nennt dies eine Verengung, polemisch zugespitzt, „verbalen Imperialismus“. In seinem jüngst erschienenen großen politischen Essay, „Für ein Europa der Bürger!“, wendet er sich mit Verve „gegen die Verkürzung Europas auf die Union“: „Wer (...) Europa geographisch mit der Union gleichsetzt, macht sich nicht bloß einer Gedankenlosigkeit, sondern sogar eines gravierenden Unrechts schuldig. Denn er setzt den eigenen Teil, ein trotz aller Erweiterungen Rumpf- oder Kleineuropa, mit dem wahren Europa, dem Großeuropa, gleich.“ Geschrieben ist das Buch als „systematischer Versuch“, der jede „Engführung des Themenfeldes“ vermeiden will. Falls den Leser – je nach Generationszugehörigkeit – der Begriff „Großeuropa“ zusammenzucken lässt, bietet Höffe alternativ ein „Gesamteuropa“ an.

Das Gedenken an den „Tag der Befreiung“, den 8. Mai 1945, das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren, verband sich mit dem „Europatag“ – und der Erinnerung an die Erklärung Robert Schumans vom 9. Mai 1950: Markierungen eines historischen Bogens, der weit früher begann, in die Zukunft reichen sollte. Das Erschrecken vor einem Begriff wie „Großeuropa“ erklärt sich aus den Wurzeln des Friedensprojekts Europa, aus Zeiten der Finsternis, wie sie Romain Gary – während des Zweiten Weltkriegs entstandener – Roman „L’Éducation européenne“ (1945) beschreibt. In einer Episode der ums Überleben ringenden polnischen Résistance in den Wäldern gibt der Partisanen-Kommandeur Henryk Dobranski seinen Kämpfern auf, Abhandlungen über „konstitutionelles Recht“ zu studieren, dazu die „Französische Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte – 1789“.

Otfried Höffe: Für ein Europa der Bürger! Klöpfer, Narr, Tübingen 2020. 285 S., 28 Euro.

Im Winter 1942, in ihren Erdlöchern, zeigen sich die Kombattanten überfordert, die Idee der Menschenwürde als real zu empfinden: „Hatte Europa nicht die besten und ältesten Universitäten?“, fragen sie. „Entstanden in Europa nicht der Welt größte Schriften und Ideen: Freiheit, Menschenwürde, Brüderlichkeit? Wurde den Universitäten Europas nicht nachgesagt, die Wiege der Zivilisation zu sein? Und doch bekommen wir eine andere, die reale Éducation européenne: Gaskammern, Vergewaltigungen, Sklaverei und Erschießungskommandos im Morgengrauen. Sollte das alles nur ein Moment der Finsternis sein?“ Unsere Herkunft, Europas Herkunft, sie beginnt nicht im Jetzt.

„ Europäische Identität ist die jeweils verschiedene Art kollektiver Erinnerung, als Anlass verstanden für Extrapolationen in die Zukunft“, ein Zitat Rüdiger Görners zum Thema: „Europa wagen! Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse“, der mitreißende Imperativ des Literaturwissenschaftlers, gleichfalls kürzlich erschienen. „Wovon Europa erzählt?“, fragt Görner: „Vom Scheitern imperialer Ideen. Vom Sinn des Entwerfens. Von dem komplexesten Versuch in der Geschichte, Frieden zwischen Erzfeinden von einst zu wahren und zu sichern.“

Und Garys Blick aus der Finsternis ins Helle wendend: „Endlich wieder den Mut haben, sich zu den kulturellen Werten des Kontinents zu bekennen. Nein, sie haben zwei Weltkriege und die Shoah nicht verhindert; im Gegenteil, diese Ungeheuerlichkeiten sind aus ihrer Mitte hervorgegangen. Doch nicht einmal sie haben die europäischen Werte zerstören können. Umgeformt wurden ihre schwer beschädigten Reste in das politisch Kostbarste, was Europa bislang geschaffen hat: die Europäische Union.“

Zwei Plädoyers, Seite an Seite, im Zugang unterschiedlich. Otfried Höffe systematisiert das Thema im ersten Teil („Das politische Projekt“) in Fragen: Geografie oder Geschichte und Kultur? Pflichteuropa oder Wahleuropa? Europa als Heimat? Gemeinsame Grundwerte? Europäische Bürgeridentität? Wo bleiben Rechtsstaat und Demokratie? Europäische Öffentlichkeit?

Ein Bestand an Grundlagen, darin auch „Binsenwahrheiten, die längst ihren Platz in der Staatsbürgerkunde gefunden haben“, wie Höffe selbst in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 22.2.2020 notiert. „Ernsthafte Probleme wirft erst ein Umstand auf, den unter den großen Rechts- und Staatsphilosophen bloß Kant gebührend erörtert hat: dass es die Staaten im Plural gibt, weshalb sich die Legitimationsaufgabe des Gesellschaftsvertrages (zunächst gegenüber den natürlichen Individuen, dann auch auf der Ebene der Staaten) wiederholt.“

Darunter ein Auftrag, „den die öffentliche Debatte meist unterschlägt, (...) die im EU-Vertrag enthaltene Beistandsverpflichtung: ‚Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates schulden die anderen Mitgliedstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung.‘“ Ein Modell für gemeinsames Vorgehen zum Schutz auf Gegenseitigkeit im Rahmen der gegenwärtigen Pandemie-Krise.

Rüdiger Görner – der seinem Buch einen Satz des Schweizer Historikers Herbert Lüthy voranstellt: „Europa kann sich nicht in bloßer Selbsterhaltung, sondern nur in einer großen Gefahr oder einer großen Aufgabe finden“ (1957) – geht essayistisch-kursorisch vor. Er beginnt mit einer Erweiterung des Blicks auf die „junge Lyrik Europas“. Mit einer Präambel treffender Short-Cuts: „‚Europa‘, das sind nicht die Anderen, sondern immer Wir.“ „Eingrenzung, Abgrenzung, Ausgrenzung: auch das Grenzbewusstsein ist europäisch. Die Geschichte Europas ließe sich als eine Dialektik von Trennungen und Vereinigungen beschreiben.“ Die „Erkenntnis ihrer Bewohner, dass der Eigenwert dieser Union alles übersteigt, was Europa bislang hervorgebracht hat.“

Görner rekapituliert, quasi an Garys Diktum anknüpfend, den „Weg zu einer europäischen Bildungsgesellschaft“, nennt bildungspolitische Herausforderungen, auch für die europäischen Universitäten. Knüpft an Schiller und Nietzsche an („Sind wir im 21. Jahrhundert wirklich angekommen? Oder erleben wir auf absehbare Zeit (…) eine aufgrund unserer geschichtlichen Lasten nicht wirklich verständliche Regression?“).

Rüdiger Görner: Europa wagen! Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse. Tectum, Baden-Baden 2020. 188 S. 28 Euro.

Er referiert erhellende Perspektiven, die Europa als Kontinent neu buchstabieren, in dem sie von den Rändern, den Peripherien her, gegen die hegemonialen Zentren anschreiben. Das ist ein dem Rezensenten vertrautes Terrain, das die Vielfalt lokaler Kulturen gegen die Standardisierung europäischer, globaler Überformungen verteidigt. Mit aller Wertschätzung führt Görner die „essayistisch-literarische Zugehensweise“ von Rafael Chirbes, Karl-Markus Gauß und Hans Magnus Enzensberger an, vielleicht zu erweitern um osteuropäische Perspektiven bei Andrzej Stasiuk und Juri Andruchowytsch, die er Jürgen Habermas’ diskursiver Methode gegenüberstellt.

Zwischen den Polen, den Eigenarten der Peripherien, den hegemonialen Tendenzen der EU, stehen bei Höffe ein „aufgeklärter Heimatbegriff“ (FR v. 12.2.2020) und der Versuch zu einer „europäischen Bürgeridentität“. Sie wären ins Verhältnis zu setzen zu den „historisch-gesellschaftlichen Artefakte(n), die in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit anerkannt werden wollen“ – den Nationalstaaten, „die mehr sind als nur Museen ihrer jeweiligen Emanzipationsgeschichte“, wie Wolfgang Streeck an anderem Ort notiert: „Ihre Legitimation als Demokratien beziehen sie nicht zuletzt aus ihrem Beitrag zur Verteidigung und Entwicklung von gewachsenen Identitäten und erkämpften Lebensmöglichkeiten.“

Wie komplex-gegenläufig, wohlbegründet oder gewalttätig diese Prozesse verlaufen, zeigen nicht nur die Historie(n) des Baskenlandes, der irischen Insel. Die EU könne, so Görner, „Antagonismen überwölben und bis zu einem gewissen Grad neutralisieren“. Ohne die überragende Rolle des „kulturellen Reichtums“ Europas, dem Höffe den gewichtigen zweiten Teil seines Buchs widmet und Überlegungen eines „Pflichteuropas“, eines „Wahleuropas“ ableitet, kann sie es nicht.

Europa – unendliches Thema, das sich mit jedem Stichwort verzweigt, mit jeder Metapher, jedem Bild weiter vernetzt, stellt, so Görner, „keineswegs etwas Stagnierendes dar, sondern einen politischen Avantgardismus. Die Nationalismen wirken dagegen abgestanden, retrogrierend, konzeptionslos in sich kreisend.“ Europa also – das bleibende Wagnis.

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