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Essad Bey in Baku – Der kosmopolitische Flüchtling

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Von: Sabine Vogel

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Essad Bey in Berlin, 20er/30er Jahre. Foto: Goethe-Zentrum
Essad Bey in Berlin, 20er/30er Jahre. Foto: Goethe-Zentrum © Goethe-Zentrum

Ein Besuch in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, wo das Goethe-Zentrum an das schillernde Leben des Schriftstellers Essad Bey aka Lev Nussimbaum erinnert. Dazu „Nebel des Krieges“ mit Kunst aus der Ukraine, Kasachstan und Deutschland.

Der brennende Berg könnte ein wenig mehr Tourismus vertragen. Ein modernes Besucherzentrum mit Souvenirshop, Omnibusparkplatz und einem betonierten Amphitheater zur Betrachtung des Spektakels umhegt die seit 1000 Jahren aus dem Fels austretenden Gasflämmchen. Am Hang darüber steht wie in Hollywood der Name des Ortes Yanardag, mitsamt social-media-tauglichem Hashtag. „Zoroaster“, nach den persischen Feueranbetern, nannten die Gebrüder Nobel 1878 den ersten Öltanker, den sie 1878 in Baku mit raffiniertem Kerosin beluden. Ende des 19. Jahrhunderts produzierte Aserbaidschan mehr als die Hälfte des weltweit geförderten Rohöls, noch im Juli dieses Jahres betonte Ursula von der Leyen bei ihrem Besuch in Baku, wie sehr die EU Aserbaidschan als zuverlässigen Energielieferanten schätzt.

Die kilometerlange Uferpromenade der Stadt am Kaspischen Meer ist blank gefegt und breit wie eine Landebahn. Palmen, Bänke, Buden, keine Möwen. Der Himmel spiegelt sich in einem regenbogenzarten Ölfilm auf dem Wasser. An einem Ende der Bucht funkelt der extra für den Eurovision-Contest 2012 erbaute Kristallpalast, zur anderen Seite ragen flammenförmige Glastürme auf. Als wären sie selber bloße Dekoration glitzern im Parterre die menschenleeren Geschäfte von Prada &Co..

Die mittelalterliche Altstadt mit Festungsmauern, Palästen, verwinkelten Gassen und einer Handvoll Souvenirläden mit Schaffellmützen ist picobello restauriert. Neoklassizistische Gründerzeitvillen und sowjetische Hochhäuser mit passend eklektizistisch verschnörkelten Fassaden säumen die Boulevards. Passagen, um die Verkehrsströme zu Fuß zu unterqueren, sind mit Marmor verkleidet. Die Fußgängerzone ist mit Mosaiksteinen gepflastert, im Springbrunnenpark posiert eine junge Frau auf Plateausohlen mit Handy – sie ist aus Bronze.

Unter Arkaden liegen Perserteppiche unter den Kaffeehaustischen auf dem Bürgersteig. Eine Frau bettelt, Männer trinken Tee. Deplatziert wie ein Ufo zerfließt der 2012 gebaute Kulturpalast von Zaha Hadid auf einem Hügel. Die schaumweiße Gebäudewelle ist benannt nach Heydar Alijew, seinerzeit KP-Führer der Sowjetrepublik, von 1991 an Präsident Aserbaidschans und Vater des seit 2003 herrschenden Autokraten.

Wie oft in sehr reichen und autoritär regierten Staaten, ist der öffentliche Raum blitzsauber. Und wie die schicken neuen Museen wirkt alles zwei Nummern zu groß, gönnerhaft großspurig. Das Volk darf auf den vielen Bänken sitzen, die Parks mit Zypressen, Brunnen und bimmelnden Karussells genießen und als Kulisse für Hochzeitsfotos nutzen, auch der Blick aufs Meer gehört allen. Ordnungshüter sind unsichtbar, aber ich sehe auch keine Kaviardosen.

Es gibt viele Buchhandlungen, manche mit Café, einige heißen „Ali und Nino.“ Wie der Liebesroman über ein georgisch-aserbaidschanisches, also christlich-muslimisches Paar von Kurban Said alias Essad Bey. Wegen ihm sind wir hier, genauer wegen einer Ausstellung, die das ortsansässige Goethe-Zentrum mit Künstlern und Künstlerinnen aus Baku und Berlin zu „Essad Beys Heimsuchung“ ausgerichtet hat.

Essad Bey ist nicht nur der idealtypische Emigrant des von Revolutionen und Kriegen geschüttelten Jahrhunderts, er ist auch „Der Orientalist“, wie er im Buch des Amerikaners Tom Reiss („Auf den Spuren von Essad Bey“, 2008, Osburg Verlag) steht. Als Autor von 18 Büchern, darunter Biografien von Muhammed, Schah Reza und Stalin, hat Essad Bey seiner abendländischen Leserschaft einen wunderreichen orientalischen Exotismus quasi aus der Innensicht vermittelt. Sein Bericht „Öl und Blut im Orient“ über seine Kindheit in Baku und die abenteuerliche Flucht durch die Wüsten Turkestans und den Kaukasus wurde 1929 in Berlin ein Bestseller.

Die Lebensgeschichte des 1905 in Baku als Lev Nussimbaum geborenen Sohn eines georgisch-jüdischen Ölmillionärs und einer russischen Revolutionärin (sie bringt sich 1911 um), nimmt 1917 ihre rasende Fahrt auf. Die alte Weltordnung bricht zusammen, die Reiche des Zaren, Sultans, Kaisers fallen, in Baku übernimmt eine bolschewistische Kommune die Herrschaft. Der Ölmagnat Abrahm Nussimbaum und sein Sohn Lev verlassen die Stadt, übers Kaspische Meer reisen sie nach Turkestan und Persien, kehren 1918 zurück ins nun deutsch-türkisch besetzte Baku.

Als zwei Jahre später die Rote Armee anrückt, fliehen sie erneut, diesmal nach Westen, Istanbul, Paris, Berlin. Hier tritt der 17-jährige Lev 1922 beim ehemaligen Imam des Botschafters des Osmanischen Reichs zum Islam über und nennt sich fortan Essad Bey.

Der Turban tragende Exzentriker, Kaffeehaus-Literat und Jazzfan legt im Berlin der 20er Jahre eine steile Karriere hin. Der muslimisierte Emigrant schreibt für die „Literarische Welt“, in der auch Walter Benjamin publiziert, gilt als Experte für den Orient. Seine fantastischen Erinnerungen an Bergsippen und Wüstenfürsten treffen den Exotismus-Geschmack der Zeit. Der Kosmopolit schreibt deutsch, seine deutsch-baltische Gouvernante dient ihm bis auf sein Sterbebett 1942.

1936 erhält Essad Bey von den Nazis Berufsverbot, seine jüdische Identität ist enttarnt, seine Frau hat ihn verlassen. Er ist mittellos. Um publizieren zu können, legt er sich das Pseudonym Kurban Said zu. Und schreibt 1938 den Liebesroman über ein Paar, das an den Grenzen von Religionen und Nationen scheitert. Da ist die italienische Geheimpolizei dem in Positano untergetauchten Trickser schon auf der Spur. In ihren Akten wird der Schriftsteller als „Fabulierer“ bezeichnet.

Dichtet er sein Leben zurecht, damit es im Malstrom der Geschichte Sinn macht? Erfindet er sich neu, um seine Verlorenheit zu verklären? Was ist Wahrheit, was Erinnerung, was machen Krieg, Flucht, Exil damit? Das sind die so universellen wie aktuellen Fragen, die „Essad Beys Heimsuchung“ stellt.

Licht, das von außen durch ein Fenstergitter fällt, wirft einen Schatten in den Raum. In ihrem Wandrelief interpretiert die ukrainisch-tunesische Künstlerin Nadia Kaabi-Linke einen solchen Schattenwurf als Metapher für die Erinnerung. Essad Beys Verklärung der Vergangenheit wird zum verzerrten Schatten der Wahrheit, in dem eine neue Ordnung aufleuchtet. Die Selbsterfindung des jüdischen Migranten als muslimischer Prinz erscheint so als verwestlichte Projektion eines orientalischen Musters.

Mit Tableaus alter Ansichtskarten illustriert Sabina Shikhlinskaya die romantischen Orientklischees, die auch Essad Bey in seiner geflunkerten Biografie „Öl und Blut im Orient“ bedient. Da puffen weiße Rauchwölkchen aus Fördertürmen als grenzenlose Zukunftsversprechen in einen hellblau colorierten Himmel. Dagegen zeigt ein dokumentarischer Filmschnipsel aus Baku von 1898 bereits die apokalyptische Landschaft aus hölzernen Bohrtürmen und stampfenden Pferdekopfpumpen in einem Inferno aus Feuersäulen und Rauch. Wie in einem animierten Comic verdichtet der Bakuer Künstler Orkhan Huseynov die Wirren jener Zeit. In einem Videoloop lässt er sieben Flaggen auf einem Rathausturm auf- und abziehen, jede für eine neue Regierung, die von 1917 bis 1922 in Baku die Macht übernahmen. Vom russischen Empire zur Bakuer Kommune, der Zentralkaspischen Diktatur bis zur Sozialistischen Sowjetischen Republik.

Von Huseynov stammt auch eine Serie bunter Flaggen für „Falsche Staaten“. Spottet der Künstler damit etwa über Nationalismus und Staatspatriotismus? Der permanent schwelende Kriegskonflikt Aserbaidschans mit Armenien hat erst im September wieder mehr als 200 armenischen Soldaten das Leben gekostet. Die satirischen Flaggen hängen unbeanstandet unterm Dachgebälk des Kapellhauses.

Dort, im ehemaligen Gemeindehaus einer lutherischen Kirche findet die zweite Ausstellung statt, die vom Goethe-Zentrum Baku und dessen Leiter Alfons Hug ausgedacht und realisiert wurde. Nach einem Clausewitz-Zitat widmen sich Künstler und Künstlerinnen aus Aserbaidschan, der Ukraine, Kasachstan und Berlin dem „Nebel des Krieges“.

Und der ist plötzlich ganz nah. Auf den Stufen zum Eingang des Kapellhauses liegt ein Körper, bedeckt von der ukrainischen Flagge, nur eine Hand lugt hervor. Wer in die Ausstellung will, muss fast darüber steigen, das ist gruselig. Die von einem Dorf auf der Krim stammende Ukrainerin Maria Kulikovska hat die Performance schon 2014 in Moskau gezeigt. Im März floh sie aus Kiew in den Westen, seither nomadisiert sie mit Kleinkind und Partner von einem Aufenthaltsstipendium zum nächsten und zeigt, wo immer es geht, diese Performance (inzwischen auch in Berlin sowie bei der Frankfurter Buchmesse).

Postkarteninstallation zu Essad Bey, von Sabinen Shikhlinskaya. Foto: Goethe-Zentrum
Postkarteninstallation zu Essad Bey, von Sabinen Shikhlinskaya. Foto: Goethe-Zentrum © Goethe-Zentrum

Direkt und „unvernebelt“ sind auch die Beiträge der anderen Beteiligten. Deutlich wie ein Ausrufezeichen steht ein teertriefender Obelisk mitten im Raum. Der mehrere Meter hohe Dorn ist vermutlich hohl, aber das macht nichts, er stellt ein Zitat eines „harten Zeichens“ dar. Demontierte Denkmäler, fallende Monumente, umgeschriebene Geschichte und trügerische Erinnerungen, sind Thema des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan. Heute arbeitet er in Kiew in einem Bunker, zeichnet, schreibt, agitiert, postet Slogans, verbreitet Parolen: „Fuck War“. Im Krieg wird der Künstler zum Aktivisten.

Performance 254 von Maria Kulikovska. Foto: Sabine Vogel
Performance 254 von Maria Kulikovska. Foto: Sabine Vogel © Sabine Vogel

Die Realität ist das Material der Kasachin Almagul Menlibayeva. Mit Hilfe eines KI-Computerprogramms erzeugt sie aus Dokumentarfotos vom kurzen, brutal niedergeschlagenen Aufstand in Almaty im Januar diesen Jahres am Computer virtuelle Schlachtgemälde von grausam barocker Fleischlichkeit. Flankiert von Frank Thiels Porträts alliierter Wachsoldaten am Checkpoint Charlie sind das starke Statements.

Doch all die Kunstfertigkeit wird geschlagen durch die Wucht der Wirklichkeit. Sie fällt einen an mit den stolzen Blicken versehrter Soldaten. Es sind verwundete, zerlumpte Kämpfer des Asov-Regiments im Stahlwerk von Mariupol. Das ist keine Kunst! Was da auf einer riesigen Diashow läuft, ist echt! Die dokumentarischen Fotos zeigen verletzte und zerlumpte Krieger in den zerbombten Bunkerruinen. Einer steht mit ausgebreitete Armen in einem Lichtstrahl, der die Ruinenkathedrale diagonal durchschneidet. „Light will win“ hat jemand das Foto betitelt. Viel näher können Bilder dem Grauen nicht kommen, gerade weil da Individuen sind, die frieren, Karten spielen, sich beistehen, ungebrochen in die Kamera schauen.

Die Aufnahmen hat Dmitry Kozatzky gemacht, ein 25-jähriger ukrainischer Soldat und Fotograf des Asov-Regiments. Am 21. Mai schreibt er auf seinem Twitter-Account als „Orest“, dass sie nun in Kriegsgefangenschaft gehen. Er stellt die Fotos aus den letzten Tagen in den Katakomben des Stahlwerks frei ins Netz. Jeder soll sehen, was geschieht. Die Fotos gehen sofort viral. Inzwischen wurde Dmitry Kozatsky mehrfach für seine ikonographischen Fotos aus der Hölle ausgezeichnet.

Am 21. September kommt er mit 214 weiteren Kriegsgefangenen im Austausch frei. Am 5.Oktober publiziert „Kyiv Post“ Fotos, auf denen er abgemagert bis aufs Gerippe ist, 30 Kilo hat er in der Haft verloren. Am Tag nach der Freilassung sei er gleich zum Friseur gegangen, heißt es, er wollte nicht wie ein Opfer aussehen.

Die Ausstellung „Nebel des Krieges“ soll (jeweils mit modifizierter Liste der Künstlerinnen und Künstler) nach Eriwan, Almaty und Berlin wandern.

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