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Erzählungen von Nikolai Gogol: Wenn mit Geschichten Geschichten passieren

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Von: Christian Thomas

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Der fiktive Kriegsheld: Eine „Taras Bulba“_Illustration von Alexander Michailow Gerasimov.
Der fiktive Kriegsheld: Eine „Taras Bulba“_Illustration von Alexander Michailow Gerasimov. © imago/United Archives Internatio

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (17): Die ukrainischen Erzählungen Nikolai Gogols.

Er, sie, es. Er, der Glaube. Sie, die Geschichte. Es, das Gerücht. Worüber der 22-Jährige erzählte, entwickelte sich zu einer Kettenreaktion, häufig tödlich. Die Erzählungen, in denen das 1831/1832 geschah, als sie in zwei Teilen herauskamen, spielten in der Ukraine, auf dem Land, in Dörfern, in Kiew, auf trubeligen Jahrmärkten, im Hintergrund der Dnjepr. Und auch wenn sie so geschrieben waren, dass sie sich grotesk lasen, lag das daran, dass die Meisterschaft des Debütanten darin bestand, dass das schier Unglaubliche nicht etwa unglaubwürdig daherkam.

Er nun wieder, hieß es bald, Nikolai Gogol, der, kaum dass er „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“, veröffentlicht hatte, einen zweiten folgen ließ, 1835 vier Novellen unter dem Titel „Mirgorod“, auch sie angesiedelt in „Kleinrussland“, denn das Wort Ukraine war verpönt im zaristischen Russland. Die Sprache wurde unterdrückt, als Schriftsprache verschmäht – russisch schrieb auch der 1809 im Bezirk Poltawa geborene Gogol.

Zuhause wurde ausgiebig phantasiert. Eine Jugend aus Tagträumen, der Vater weltfremd, die Mutter schrieb dem Sohn später gar die Erfindung der Dampfmaschine zu. Unbedingt verrückt bereits die erste Erzählung, „Der Sorotschinsker Jahrmarkt“, angesiedelt in seinem Geburtsstädtchen, „wo man lebt in Saus und Braus“. Im Anschluss an ein Vorwort, in dem der Autor einen fiktiven „Herausgeber“ vorschickt, ist es dann eine für die handelnden Figuren doch nicht nur „erquickende“ Geschichte, zumal sie im Bann der Gerüchte steht. Es läuft auf den Satz hinaus: „Das Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des schon still gewordenen Zeltlagers, und jeder hätte es für ein Verbrechen gehalten, nicht daran zu glauben.“

In Gogols ukrainischem Kosmos herrschte die Selbstherrlichkeit eines Zaren. Sein Roman „Tote Seelen“ war 1842 die Anklage gegen die Leibeigenschaft, gegen Adel, Klerus, Bürokratie – die Vertikale der Macht. Seine frühen Erzählungen aber sahen noch eine andere Herrschaft am Werk. In ihnen führte der Aberglaube ein schauderhaftes Eigenleben, führten die Fiktionen zu fatalen Abhängigkeiten, nicht selten tödlich.

Unbedingt realistisch, dass sich unter der Knute der Herrschaften die Bauern duckten und unter der Knute des Bauern Frau und Kinder. In einem Kosmos der Ungerechtigkeit, die zum Himmel schrie, ohne ein Echo zu bekommen, verschaffte sich das Ungestüme Luft. Was die Menschen langsam angehen ließen, aufwachend wie aus tiefer Betäubung, endete nicht nur ausgelassen, sondern geradezu tobsüchtig. Gern übertrieb dieser Autor, und auch darin war er ein Meister. Das Switchen zwischen Wirklichkeit und Wahn so tollkühn wie ein Pferdewechsel im gestreckten Galopp.

Und das Doppelbödige lebt weiterhin, lebt von einem grellen Kolorit in einer trüben Welt, die von Geiz und Gier bewirtschaftet wird – herrisch tritt die Geilheit auf, übergriffig bis zum Inzest. Obsessionen beherrschen die Köpfe und die Träume, das Verdrängte vollzieht „Schreckliche Rache“, der Alltag ist für die Tochter, die dem Vater ausgeliefert ist, eine Alptraumwelt.

Die Kleine Ukraine-Bibliothek:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Gogols Erzählungen: Es gibt in den Taschenbuchpublikationen renommierter Verlage nicht eine einzige vollständige Ausgabe der beiden Erzählbände. Um die „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“ sowie „Mirgord“ lesen zu können, empfiehlt sich immer noch – antiquarisch – die (Dünndruck-)Ausgabe aus dem Winkler Verlag, 1961ff. 892 S., nicht billig. Auf Reprints spezialisierte Verlage locken mit Reproduktionen historischer Werkausgaben.

Zuletzt ins Regal gestellt: Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“, Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“, Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“ und Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“.

Das nächste Buch wird Andrej Kurkows „Herbstfeuer“ sein.

Die Menschen fühlen sich von Hexen geritten, von den „widerlichen Schwänzen“ des Teufels „berührt“. Kaum eine Erzählung ohne Dämonen, kaum eine ohne die Dämonisierung des Sexuellen, keine ohne einen solchen Männerbund wie die Kosaken. 1835 erschien in der Sammlung „Mirgorod“ die Geschichte des Taras Bulba, eines fiktiven Helden im Krieg gegen die polnische Herrschaft. Dem krassen Kodex der Kosaken opfert der Hetman den Sohn, denn nicht nur in „Taras Bulba“, aber erst recht in dieser Geschichte wird die Gewalt zum verheerenden Selbstzweck, von Gogol brutal erzählt, mit den Mitteln der Kolportage auch. Die pathetisch beschworene Ehre der Kosaken unterstellte der Autor in einer überarbeiteten Fassung ausdrücklich zaristisch-orthodoxen Zielen. Überhaupt ein Affront, dass Gogol Kosakenstolz und russischen Nationalstolz zusammenfallen ließ.

Anders als in dieser vermeintlich historischen Erzählung leben in den phantastischen Geschichten Reales und Irreales eine unfriedliche Koexistenz. Raum ist für sie in der bedrückendsten Hütte ebenso wie auf einem recht prächtigen Gutshof. Ungemütlich wird es bei diesem Zusammenleben allerdings ausschließlich für die Wirklichkeit. Ununterbrochen wirkt das Unheimliche auf sie ein. Furchterregend fährt das Übersinnliche zum Kamin hinein, schauderhaft das Böse zum Schornstein hinaus.

Es war in den 1830er Jahren die Zeit der Hochkonjunktur des phantastischen Erzählens, etwa bei Puschkin. Äußerst angetan davon auch Gogol, obwohl die Behauptung, der Dämon Wij in seiner gleichnamigen Erzählung aus dem Band „Mirgorod“ sei eine Phantasiegestalt der ukrainischen Volkspoesie, eine Fiktion war. Gar ein bewusster Fake? Jedenfalls fand Gogol die Schreckensgestalt in einer britischen Schauerballade vor. Wie man überhaupt anmerken muss, dass Gogol auf besondere Weise mit den Meistern der Phantastik in Verbindung stand, etwa mit E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck. Und womöglich auch mit William Beckford, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allen Poe? Spekulation! Denn erwiesenermaßen gab es keinen singenden Draht zwischen Russland, Berlin und Britannien oder bereits ein Atlantikkabel.

Kein gutes Haar ließ Gogol an den Faulpelzen (kein einziges). Die Idylle, in der sich ein gutmütiges Gutsherrenpaar eingerichtet hat, erweist sich als die mechanisierte Monotonie von Marionetten. Ein soeben noch kreuzbraver Gatte ist nicht mehr wiederzuerkennen, seine herzensgute Frau aber auch nicht. In seiner Version der Weihnachtsgeschichte muss man dem Erzähler glauben, dass es der Teufel ist, der den Mond in die Tasche steckt, um Unheil anzurichten. Doch zum satirischen Gehalt dieser sentimentalen Geschichte gehört, dass es den Leibhaftigen selbst trifft, schlimm trifft. Schadenfreude deshalb?

Schlecht in den Geschichten das Image „der Weiber“, schlechter das „der Polen“, ebenfalls ressentimentgeladen sein Bild „der Juden“. Schlimm die Entwicklung, die es mit dem Autor selbst nahm. Zunehmend mehr davon überzeugt, die Rolle eines Propheten spielen zu müssen, auch davon, dass seine Literatur Reue und Beichte zu sein habe, verfolgte er während der letzten Jahre seines kurzen Lebens obskure Glaubensvorstellungen, abhängig von dubiosen Einflüsterern.

Er: der Aberglaube. Sie: seine Gewaltherrschaft. Es: das Opfer Gogol, sein Selbstopfer. Obwohl Gogols in seinem eigenen Frühwerk darüber erzählte, satirisch, doppelbödig, grotesk. Auch deswegen waren seine Figuren nicht dazu geschaffen, um sich in ihnen wiederzufinden. Die berühmte Identifikation – aber nicht doch! Keine Figur, die eine Hauptrolle spielte, denn der wichtigste Protagonist in Nikolai Gogols Geschichten war sowieso die Geschichte. Deshalb ein so verheißungsvoller Anfangssatz: „Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert.“

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