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Surreale Propaganda: Offizielles Foto zu einem Waisenhaus-Neubau in Nordkorea, 2015.

Französische Literatur

Der Erzähler kann ja nichts dafür

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Ein Roman fliegt auseinander, ein Text geht seinen Weg: Jean Echenoz’ furioses Buch "Unsere Frau in Pjöngjang"

Dass der französische Schriftsteller Jean Echenoz jemals in Pjöngjang war, ist sehr zu bezweifeln. Seine Beschreibungen einer surrealen Funktionärsgesellschaft im totalitären Überwachungsmodus führen eher vor, was der Spaß des Schreibers als Erfinder ist. Sein Roman „Unsere Frau in Pjöngjang“ kommt zunächst als leicht schrullig schräger Agententhriller daher, in dem nicht alles mit der banalen Kausalität der Wirklichkeit kompatibel ist.

Ein dubioser General auf Nikotinentzug plant eigentlich nur so aus Zeitvertreib und zur Abwehr des drohenden Ruhestandes die Destabilisierung Nordkoreas. Dazu sucht er eine Frau, möglichst hübsch und etwas dusselig, als Lockvogel. Sein Vertrauensmann Objat entführt dazu die attraktive Constance und setzt sie einer längeren, aber komfortablen Isolationshaft aus. Mit zwei netten Bewachertrotteln. Constances Lebensgefährte Tausk wird erpresst, aber der früher einmal erfolgreiche Popmusiker macht jetzt lieber Nadine, die Sekretärin seines Bruders an, der sich als Mafiaanwalt versucht. Nach dem erfolglosen Versuch mit einem abgeschnittenen Fingerglied wird das Lösegeld-Projekt fallen gelassen.

Schleudergang aus Verkettungen, Affären und Plänen

Parallel dazu hat Tausk eine uralte Geschichte mit einem Kompagnon und einem misslungenen Banküberfall am Laufen. Der gelinkte Kumpel von damals, Pognol, ist wieder frei und bringt gerade Tausks Friseurin bestialisch um, die einen Hund hat, den Pognol dann doch ins Herz schließt, was ihn nicht daran hindert, nein fast dazu prädestiniert, sich wenig später in Nordkorea bei Constances Flucht nützlich zu machen. Kurz vor dem Ziel geht Pognol im Todesstreifen der demilitarisierten Zone dann in chinesischem Gewehrfeuer selber drauf.

Es geht so einiges kreuz und quer und drunter und drüber in diesem Schleudergang aus absurden Verkettungen, slapstickhaften Wendungen, ins Leere laufenden Affären, sinnlosen Plänen und Aktionen von Tölpeln und Knallchargen. Ja, die Erzählung läuft dermaßen aus dem Ruder, dass der Autor selbst die Verantwortung für das Tohuwabohu von sich weist. „Wenn die Dinge sich so (unwahrscheinlich) ereignet haben, kann ich ja nichts dafür.“ Wenn man es nicht gerade postmoderne Dekonstruktion nennt, ist das der grandiose Spaß an diesem Roman: Echenoz’ Erzähler, auch er eine hemmungslos lustige Erfindung des Romanciers, räumt bei „all unserer Allwissenheit“ ein, dass er den Faden verloren hat. Nicht nur die Figuren und die Handlung, der ganze Text macht sich selbständig. „Urplötzlich scheint das neue Kapitel nicht mehr so recht beginnen zu wollen. Es hakt. Das Kapitel knirscht.“

Egal. Könnte sowieso anders gelaufen sein. „An sich hatten wir vor“ – wir sind schon mehrere Erzähler –, „das Gespräch hier detailliert zu transkribieren. Da es immer belebter und interessanter wird, wollten wir sogar die angesprochenen Themen vertiefen – politische, gesellschaftliche, kulturelle und bald auch private. Gerade wollten wir damit beginnen, doch da läutet es an der Tür, eine absteigende große Terz, der doppelte Gong der Klingel.“ Es passiert dann doch nichts Wichtiges. Nadine schläft aus, Tausk isst beim Chinesen, der General fängt wieder mit dem Rauchen an.

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