Es ist selten leise, wo Kinder hingehören.
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Es ist selten leise, wo Kinder hingehören.

Nach der Wende

Erwin Berner: „In einer anderen Zeit, in einem anderen Land“ – Melancholie und Verdruss

  • vonCornelia Geißler
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Erwin Berner legt einen bedrückenden Band über sein Leben in Berlin-Friedrichshain vor.

Erwin Strittmatter erkundet sein Wohnviertel, den Berliner Samariterkiez, im Speziellen die Schreinerstraße, dann auch das Haus, schließlich die Wohnung, die er einst als Untermieter bei einer alten Dame aus Schlesien bezogen hatte. Allerdings nimmt er diese Erkundungen nicht unter diesem Namen vor. So wird er zwar von manchen Nachbarn angesprochen, doch nennt er selbst sich öffentlich Erwin Berner, um in der DDR ohne Prominentenbonus als Schauspieler arbeiten zu können und Erzählungen zu veröffentlichen. Er ist der älteste Sohn des Autorenpaars Eva und Erwin Strittmatter.

Wer in dem Buch „In einer anderen Zeit, in einem anderen Land“ etwas über die berühmten Eltern erfahren möchte, wird enttäuscht. Diesen Lesern seien Berners „Erinnerungen an Schulzenhof“ empfohlen. Im neuen Werk hingegen finden sich kaum mehr Indizien der Verwandtschaft, als dass die Mutter ihm über die Devisenverkaufsstelle Genex einen 80-Liter-Boiler und ein Auto besorgte. Erwin Berner führt sein eigenes Leben.

Was das Schlimmste war

Das Buch

Erwin Berner: Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 256 Seiten, 18 Euro.

Das Ende der DDR teilt die Erinnerungen wie ein Vorhang. Mal schaut der Autor dahinter, dann blickt er wieder auf die Vorderseite. Die Jahre bis 1989 sind für den 1953 Geborenen jene des beruflichen Aufbruchs und Erfolgs. Er spielt in zahlreichen Fernsehproduktionen mit, steht auf Bühnen und hat Kinorollen zum Beispiel in der Verfilmung des Tatsachenromans „Sonjas Rapport“. 1987 scheibt der „Filmspiegel“ über ihn. Der Erzähler nimmt die alte Zeitschrift zur Hand, betrachtet sich in Lederjacke auf dem Foto unter der Zeile „Schöne Grüße an den Zufall“ und notiert: „Zu DDR-Zeiten war’s dem Porträtierten noch möglich, die Zeitungsüberschrift zu beeinflussen.“

Er vergisst dabei, dass er von einem speziellen Bereich erzählt. Er vergisst die Arbeiter, Ingenieure und Wissenschaftler, deren Tätigkeiten für Heldenberichte herhalten mussten, die entsprechend betitelt wurden. „Das war das Schlimmste nach der Wende“, schreibt er, demütigende Casting-Angebote und ruhmlose Kleinstrollen zusammenfassend: „Zu wissen, eine ökonomische Sicherheit wie zu DDR-Zeiten würde es nie wieder geben.“

Erwin Berners frühe Jahre in dem Kiez bedeuten auch die Zeit seiner sexuellen Orientierung und Partnersuche. Nach einer Affäre mit einem Mann in Freiberg fragt er sich noch, ob es ihm gelänge, ein „normales“ Leben zu führen. Doch bald holt er sich Männer für die Nacht nach Hause. Phasenweise liest sich das Buch wie ein Führer durch die Schwulenszene Ost-Berlins. Berner benennt beliebte Treffpunkte, wo „Männer Männer anmachen konnten“. Oft aber lauerten Polizisten mit Taschenlampen. Die Behauptung, „die Schwulenpolitik der DDR sei toleranter als die der Bundesrepublik“ ärgert ihn, weil es beidseits der Mauer Schwulenhass gab.

Ärger ist leider eine Haltung des Erzählers, die immer wieder seine eigentlich schöne, melancholische Grundstimmung durchbricht. Viele Veränderungen in seinem Kiez im wiedervereinten Berlin betrachtet Erwin Berner mit Missfallen. Dabei taxiert er die Nachbarn – die stark geschminkte Kindsmutter, das blasse Mädchen, den kleinen halslosen Mann, den aufgedunsenen früheren Freund. Eine Frau hört er keifen, ein Mann spricht „im jämmerlich-weinerlichen Ton“. Am meisten stört er sich am Kinderladen in seinem Haus, wo die „spitznäsige junge Frau“ und die „Betreuerin, deren Augen asiatisch anmuten“ arbeiten; der Betreuer hat „ein südländisches Gesicht“.

Sein Verdruss über frühmorgendliches Staubsaugen, Toben mit Medizinbällen, Märchen-Hörspiele in Überlautstärke zieht sich durch das Buch. So verständlich der im Einzelnen ist, so unangenehm wirkt seine Häufung im Lauf des Erzählens.

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