Rezension

Erste Liebe und erster Verrat

György Dalos' schnörkellose Novelle "Jugendstil"Der erfahrene Autor und Zeitungsmann György Dalos, aus Ungarn stammend, in Berlin lebend, legt mit seinem jüngsten Buch "Jugendstil" eine Novelle mit menschlicher und ästhetischer Tiefendimension vor.

Von ROLF-BERNHARD ESSIG

Schon nach wenigen Jahren konnte man in der kommunistischen Jugendorganisation Ungarns ein stolzer "Veteran" sein und doch ein Schüler mit feuchten Händen vor dem ersten Rendezvous. Robert Singer ist so ein nervöser Jungfunktionär, und er muss selbst im Jahr 1961 noch förmliche Antrittsbesuche bei den wohlhabenden Eltern seiner Angebeteten machen.

Auf mehr als scheuen Zärtlichkeitsaustausch ist für ihn als Kommunisten kaum zu hoffen, denn er hat sich den Idealen der neuen Gesellschaft mit Haut und Haaren verschrieben: "Zwischen Tristan und Isolde lag das Schwert einer völlig verinnerlichten sozialistischen Sexualmoral, die ebenso streng die Unschuld schützte wie die Religion."

Es ist nicht das einzige Dilemma, in dem sich der fast Achtzehnjährige befindet, denn sein enthusiastischer Rigorismus im Politisch-Moralischen wird außer von der Liebe auch vom gut verborgenen Antisemitismus untergraben, der im sozialistischen Ungarn nur etwas veränderte Argumente ins Feld führt gegen die misstrauisch beäugten Juden.

Der erfahrene Autor und Zeitungsmann György Dalos, aus Ungarn stammend, in Berlin lebend, legt mit seinem jüngsten Buch "Jugendstil" eher eine Novelle vor als einen Roman, worauf nicht nur der Umfang, sondern auch die strenge Komposition sowie die Konzentration auf wenig Personal, auf wenige Themen und Orte, auf einen Höhe- und Wendepunkt und schließlich die Rahmenhandlung hinweisen.

Roman, Novelle, Jugendbuch

Die beginnt damit, dass der gutsituierte Jude und Jugendstil-Experte Robert Singer in seiner ehemaligen Heimatstadt Budapest einen alten Bekannten trifft, ohne sich genau an ihre gemeinsame Vergangenheit zu erinnern. Das Essen mit Feri K. wirft den am Rande des Pensionsalters stehenden Singer zurück in seine Schülerzeit.

Ab diesem Moment gleicht die Handlung und ihre Darstellung durchweg einem guten Jugendbuch, an dem ja schließlich vorurteilsfreie Erwachsene ebenfalls ihre Freude haben können.

Dalos zeichnet klar und rasch, dabei umsichtig und psychologisch überzeugend das ärmliche, doch stolze Leben des jungen Robert Singer, der mit einer kranken Großmutter allein lebt, weil sein Vater im Lager umgekommen, seine Mutter in der Nervenheilanstalt untergebracht ist. Als Jude hat er sich nach einiger Zeit auf einer konfessionellen Schule im wahrsten Sinne zum Kommunismus bekehrt und will später Jugendstil-Experte werden.

Macht besitzt er als Funktionär der Jugendbewegung, hat aber gleichwohl Angst vor mächtigeren Funktionären. Er gehört zur "ersten 'sauberen' Generation" in Ungarn, die weder durch die Zeit vor dem Sozialismus noch durch die "Konterrevolution" von 1956 besudelt ist.

Tribunale, Dekrete, Einschüchterungen

Dalos erklärt zum Glück nicht viel, er verlässt sich auf das Zeigen. So schildert er eindrucksvoll, wie der "demokratische Zentralismus" damals funktioniert, mit Tribunalen, Dekreten, indirektem Druck, Einschüchterung.

Manchmal genügt auch das Argument eines zurückgeschobenen Blusenarms, der "die Tätowierungsnummer des KZ Buchenwald" freilegt, um die "freiwillige" Zurücknahme einer einstimmigen Entscheidung der Jugendfunktionäre zu erreichen. Die Nachwuchskommunisten können aber auch - wie es Singer geschieht - in die Mühlen der Polizei geraten, wo ihnen ihr sozialistisches Engagement nichts mehr nützt.

Ob es am Autor liegt, der eine Rohübersetzung herstellte, oder an der Bearbeiterin Elsbeth Zylla, immer wieder holpert die Sprache, gerade wenn es um die Liebesgefühle zwischen Robert Singer und seiner angebeteten Ilona geht: "Das kann ich nicht aushalten, dachte ich und beugte mich zu Ilona hinunter, dass ihr Atem mich erreichte. Zudem brannte im offenen Mund, zwischen den schneeweißen Zähnen, wie eine winzige Flamme, ihre Zunge."

Verrat, Enttäuschung, Tapferkeit

Solche Gemeinplätze fallen genauso auf wie die seltsame Differenz zwischen der anfänglich behaupteten extremen Vergesslichkeit des Ich-Erzählers Singer und seiner extrem genauen Erinnerung, aber sie stören nicht besonders, weil die Handlung durchaus wirkungsvoll - mit reflektierenden Passagen und Vorhalten am richtigen Ort - auf Spannung hin komponiert ist.

Existenzielle Interessenskonflikte, Verrat, Enttäuschung, Enthusiasmus, Tapferkeit, Außenseitertum, es sind klassische Jugendbuchthemen, die Dalos mit leichter Hand präsentiert. Dass der größte Teil des Buches in der Vergangenheit des jungen Singer spielt, verstärkt den Eindruck noch.

Und doch sind da Beobachtungen über das heutige Ungarn mit seiner Amnesie den Kommunismus betreffend und weiterhin latentem Antisemitismus, es sind da die geplatzten Träume eines älteren Mannes, die Erkenntnis, ein einziges Mal im Leben genau das Richtige getan zu haben, obwohl es ihm nicht half. Diese melancholische, nachdenkliche Spur - ein Genuss für den Leser - gibt dem Buch seine menschliche und ästhetische Tiefendimension.

György Dalos: Jugendstil. Roman. Deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla. Rotbuch Verlag, Berlin 2007, 173 S., 17,90 Euro.

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