Der erste Globalist

Der große polnische Reporter und Reiseschriftsteller Ryszard Kapuscinski ist seit jeher mit Herodot unterwegs. Jetzt hat er erklärt, warum

Von JAN WAGNER

Cicero bezeichnete ihn als Vater der Geschichte, für Thomas de Quincey waren seine neun Bücher, die er der Nachwelt hinterließ, ein wahrer "Thesaurus fabularum", und Jorge Luis Borges wollte ihn in seiner persönlichen Bibliothek keinesfalls missen. Herodot aus Halikarnassos, dessen Historien das geschichtliche und mythische Wissen der alten Welt bündelten, die Ursachen der Kriege zwischen Persern und Griechen erkundeten und so die Geschichtsschreibung begründeten.

Als weiterer illustrer Verehrer gesellt sich Ryszard Kapuscinski hinzu, der erst unlängst zum polnischen Journalisten des Jahrhunderts gewählt wurde und der nun seinem großen Ahn- und Lehrherrn seine Reverenz erweist. Denn für Kapuscinski ist Herodot nicht nur Visionär und Schöpfer, gar "der erste Globalist", er erblickt in ihm den ersten aller Reporter, den - in Abwandlung von Ciceros rühmender Formel - Vater der Reportage schlechthin.

"In der Welt Herodots", schreibt Kapuscinski, "ist der Mensch beinahe der einzige Bewahrer der Erinnerung. Um zu erfahren, was erinnert wurde, muss man daher zu einem Menschen gehen, und wenn er weit weg wohnt, müssen wir zu ihm wandern, uns auf den Weg machen, und wenn wir ihn treffen, müssen wir uns mit ihm hinsetzen und hören, was er uns zu sagen hat, zuhören, es uns einprägen, vielleicht aufschreiben. So beginnt die Reportage, aus einer solchen Situation wird sie geboren."

Kapuscinski erzählt, wie er Herodot kennen und lieben lernte - nicht etwa in der Schule, da die Historien erst nach Stalins Tod erscheinen durften, sondern dank seiner ersten Chefredakteurin, die ihm Herodot anlässlich seiner ersten Auslandsfahrt nach Indien schenkte und derart hellsichtig den Grundstein für eine lebenslange griechisch-polnische Freundschaft über Jahrhunderte hinweg legte. Denn wohin es Kapuscinski während seiner Arbeit auch verschlagen mochte, Herodot war, ob in Buchform oder in Gedanken, stets dabei. Kapuscinski lässt den Leser an beidem teilhaben: An seiner von Mal zu Mal profunderen Lesart der Historien und der durch Liebe und Wahlverwandtschaft geschärften Kenntnis des Werkes wie auch an den eigenen Reisen, die Hintergrund und Kontrast der Lektüre bilden. So folgt man Kapuscinski nach Indien und China, schwitzt mit ihm bei dem absurden Versuch, in Nassers Ägypten eine Bierflasche zu entsorgen, und erlebt einen Raubüberfall auf der Spitze eines altersschwachen Minaretts in Kairo - eine wahrhaft schwindelerregende Szene. Man reist mit ihm nach Teheran, zu einem Armstrong-Konzert nach Khartum, wird Zeuge des Militärputsches in Algerien und des von Léopold Sédar Senghor initiierten "Premier Festival Mondial des Arts Nègres" in Senegal.

Kapuscinski setzt auf das Zeugnis derer, die dabei waren

Wie Herodot vertraut Kapuscinski dabei auf das Wort des Einzelnen, um zu erfahren, was den geschichtlichen Ereignissen, den spektakulären Eruptionen zugrunde liegt, er setzt auf das Zeugnis derer, die dabei oder immerhin in der Nähe waren - anfangs schon aus purer Not, weil er sich als einziger polnischer Journalist in Afrika weder auf ein Netzwerk noch auf technisches Kommunikationsgerät stützen konnte. Die "Neugierde auf die Welt", die er dem Verfasser der Historien attestiert, zeichnet auch ihn selbst aus, bringt ihn oft genug in riskante Situationen und macht Kapuscinski zum legitimen Urenkel Herodots.

Und dieser ist oft genug und mehr noch als die moderne Welt Objekt und Adressat dieser Neugierde: Was brachte die Babylonier vor der Belagerung ihrer Stadt durch die Perser dazu, fast alle ihre Frauen zu erwürgen, und wie hat man sich das mit allen seinen Folgen vorzustellen? Wie konnte eine Traumgestalt zum Auslöser des Kriegszuges werden, den Xerxes gegen die Athener unternahm, wie hinderte ein Hase die Skythen daran, das gewaltige Heer des Dareios zu vernichten? All das sind Fragen, die Kapuscinski Herodot am liebsten stellen würde und stattdessen mit Leidenschaft selbst zu beantworten sucht. Er richtet die eigenen Reiseschilderungen und zeithistorischen Betrachtungen an den Historien aus, stellt sie in einen größeren, weltgeschichtlichen Rahmen und versteht es, diese beiden Ebenen, die Reisen durch Schrift und Welt immer wieder miteinander zu verknüpfen und den grundlegenden historischen Gesetzen Herodots im aktuellen Geschehen nachzuspüren. Ihre Gültigkeit hat etwas Beruhigendes - und muss doch ernüchternd wirken, vergegenwärtigt man sich etwa die Zeitlosigkeit der schon im Altertum bemühten Kriegsgründe der Notwehr, der Verpflichtung Dritten gegenüber und des göttlichen Willens. Am besten, fügt Kapuscinski an, sei eine Mischung aller drei Motive - und wem fiele dabei kein aktuelles politisches Verhängnis ein.

Herodot wird zum Gegenentwurf nationaler Verbohrtheit

So wird Herodot, der den Barbaren nicht nur eine eigene Kultur zugestand, sondern die Notwendigkeit des kulturellen Austauschs betonte, zum Gegenentwurf nationaler Verbohrtheit und aller hegemonialen Bestrebungen. Wieviel Hybris verflöge wohl, wenn jener Einsicht, die Herodot seinem Geschichtswerk voranstellte, mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde: "Viele Städte, die einst mächtig waren", schreibt er, "sind klein geworden, und die zu meiner Zeit mächtig waren, sind früher klein gewesen. Ich weiß, dass menschliche Größe und Herrlichkeit nicht von Bestand ist, und darum will ich der Schicksale beider in gleicher Weise gedenken."

Ryszard Kapuscinski: "Meine Reisen mit Herodot". Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Die andere Bibliothek, Band 252. Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2005, 340 Seiten, 28,50 Euro.

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