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Judith Kerr, hier 2003 in London.

Exil

Die erste Biografie zu Judith Kerr: Not und Glück des Exils

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„Die Frau, der Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Astrid van Nahl: In Deutschland ist jetzt die erste Biografie zur verstorbenen Illustratorin und Autorin Judith Kerr erschienen.

Judith Kerr hätte so gern das Erscheinen ihres neuen Buches „The Curse of the School Rabbit“ erlebt, sie starb einige Wochen zu früh. Ich habe zehn Tage vor ihrem Tod noch mit ihr telefoniert. Es war eine lange Bekanntschaft. 1971 drückte mir meine Schwester (die 1939 mit zwölf Jahren mit einem Kindertransport nach England kam) Judiths eben in England erschienene Erinnerung „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ in die Hand mit den Worten: „So war das, ohne Englisch in London anzukommen; vieles erinnert mich an unseren Vater.“

Judith erzählte von ihrem Vater, dem berühmten Kritiker Alfred Kerr, ich war davon so gefangen, dass ich bald begann, über ihn zu arbeiten. So kam ich mit Judith ins Gespräch, das bis zu ihrem Tod nicht abbrach. Ich erlebte mit, wie sie in England allmählich, mit jedem ihrer Bücher mehr, zum National Treasure avancierte und zu einer der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen des gesamten englischen Sprachraums wurde. Generationen von Kindern sind in England aufgewachsen mit ihrem „The Tiger Who Came to Tea“ (1968) und mit „Mog der Kater“. Diese Bücher enthalten alle Buchstaben zum Lesenlernen, weil Judiths Kinder mit den vorhandenen Büchern dafür unglücklich waren. 2015 brachte eine Supermarkt-Weihnachtswerbung mit ihrem „Mog’s Christmas Calamity“ 1,5 Millionen Pfund für die Organisation Save the Children ein.

Ihr Tod war, wie die langen Nachrufe zeigten, fast ein nationaler Trauerfall. Judith Kerr ist in England, aber auch inzwischen darüber hinaus in der englischsprachigen Welt, viel mehr als die Autorin vom „Rosa Kaninchen“.

In Deutschland, nicht in England, ist jetzt die erste Biografie über Judith Kerr erschienen, nicht rasch nach dem Tod hingeschrieben, sondern seit längerem geplant. Das Hauptgewicht legt die Autorin Astrid van Nahl dem Titel entsprechend auf die Exilzeit (84 Seiten). Es beschäftigt sich vor allem mit dem Exil der Familie, das in den ersten Monaten des Jahres 1933, mit der Flucht des Vaters aus Berlin, begann. Judiths Vater hat sie geschildert, Judith hat sie geschildert.

Man merkt auch an diesem Buch, wie schwer es immer noch ist, das Exil zu verstehen. Nach dem Weggang aus dem frühen Fluchtort, der Schweiz, wäre es für Alfred Kerr undenkbar gewesen, sich in Südfrankreich aufzuhalten, wie die Verfasserin vorschlägt. Er hatte schon in Prag und in der Schweiz nicht genug für die Familie verdienen können, es kam nur Paris in Frage. Da er perfekt Französisch sprach, erhoffte er sich dort Verdienstmöglichkeiten. Kerr versuchte, in Paris eine neue Existenz zu gründen, es sind viele Artikel. auch viele Briefe der Eltern und Freunde aus der Pariser Zeit erhalten.

Bei den Familienverhältnissen kommt es hier übrigens zu Verwechslungen, etwa bei Großtante Lucy in Paris, die der Verfasserin zufolge ihre Nichte Julia (Kerrs Frau) hätte mehr unterstützen sollen. Es handelt es sich um die Großtante Lucy Reichenbach geborene Weismann, eine Schwester des Großvaters, nicht der Großmutter mütterlicherseits, die mit einem wohlhabenden Schweizer verheiratet war. Es gab wiederholte Einladungen und Hilfsangeboten, die Alfred Kerr nicht annehmen wollte. Aus dem zitierten Brief Kerrs an Einstein in der Hoffnung, in die USA gehen zu können, sehen wir seine Verzweiflung.

Astrid van Nahl: Judith Kerr: Die Frau, der Hitler das rosa Kaninchen stahl. wbg Theiss, Darmstadt 2019. 256 S., 25 Euro.

Die umfangreiche erhaltene Korrespondenz mit dem besten Freund Rudolf Kommer, der oft mit Geld aushalf, hätte eingesehen werden können, um das Exil in Paris und den Sommer in Belgien zu erleuchten. Man kann sich vorstellen, wie schwer es Kerr fiel, am 11. Dezember 1934 ein Telegramm an Kommer nach New York zu schicken, das nur aus den Worten bestand: „SOS Alfred Kerr“. Kommer kabelte sofort 250 Dollar.

Zu Kerrs Sohn Michael schreibt van Nahl, die Schule in Berlin habe ihn unterfordert. In Paris und in England war die Schule allerdings das einzige, was er hatte, und die einzige Chance, die er auch ergriff. „There was nothing else for me“, schreibt Michael in seinen Erinnerungen. Dieser Satz prägt den Rest seines Lebens. In Frankreich bekam er 1935 den prix d’excellence als bester Schüler, obwohl er erst so kurz in Frankreich lebte.

Judith, die weniger Anpassungsdrang hatte, brauchte länger zum Einleben, aber dann fühlte sie sich in der französischen Schule wohl und gewann 1935 einen Preis für einen französischen Aufsatz. Als Alexander Korda ein Filmskript des Vaters für tausend Pfund kaufte, wurden die Kinder Anfang 1936 von Nizza (wo sie von den Großeltern in der Not aufgenommen worden waren) nach London gebracht. Michael wurde sofort in eine gute Schule geschickt, er bekam sehr schnell ein Stipendium. Sir Michael Kerr wurde einer der höchsten Richter Englands. Auch wenn Judiths Autobiographie diese Zeit nur knapp schildert, sind die Informationen über die ersten vier Jahre in England nicht so schwer zu finden, wie van Nahl meint. Sehr viele Briefe sind noch erhalten, eine Dissertation gerade dazu gibt es seit zehn Jahren.

Nach dem Krieg ging es Judith besser, laut Michael war sie erst ab 1946 glücklich. Da war sie 23 und lebte in der Nähe der Eltern. Michael wurde 1946, Alfred, Julia und Judith Kerr erst im Mai/Juni 1947 britische Staatsbürger, was manches erleichterte. Aber da Julia die kümmerlichen Sekretärinnen-Stellen nicht mehr bekam, als die jungen Leute aus dem Krieg zurückkamen, nahm sie das Angebot an, als Übersetzerin und Dolmetscherin nach Nürnberg zu gehen. „Zum ersten Mal hatte Julia Vorteile davon, eine verheiratete ‚Kerr‘ zu sein“, schreibt van Nahl, führt das aber nicht weiter aus: Der stellvertretende Chefankläger Robert Kempner war ein entfernter Verwandter Alfred Kerrs, der ja ursprünglich Kempner hieß, und er gab ihr aufgrund ihrer hervorragenden Englisch-Kenntnisse die Stelle (Julias Übersetzungen erschienen in den Protokollen der Prozesse).

Julia verdiente sehr gut, eine Europa-Reise für Kerr war möglich. Er konnte 1947 zwar nicht, wie es im Buch heißt, die Familie Fizaine besuchen und Wärme, Sonne und Wein genießen. Er übernachtete einmal in Frankreich und fuhr zur P.E.N.-Tagung in die Schweiz, genoss die Gesellschaft von Erich Kästner und anderen und machte einen Abstecher nach Nürnberg zu Julia. Robert Kempner lud ihn in den Gerichtssaal ein. Der nächste Besuch in Hamburg endete mit Kerrs Schlaganfall und dem nachfolgenden Suizid.

Einiges ist hier zu berichtigen. Judith erwähnt im „Rosa Kaninchen“ den Polizisten, der ihren Vater am 14. Februar 1933 gewarnt hat, sein Pass würde eingezogen. Sie wollte sich immer bei ihm bedanken, wusste aber nicht, wer es war – nämlich kein Freund und kein Vertrauter. Kerrs geliebte Schwester Annchen ging 1934 nach Palästina, nicht später. Er kratzte das Geld zusammen, um sich in Marseille von ihr zu verabschieden. Judith klammert die Armut keineswegs in ihren Romanen aus, schon die ersten Seiten des zweiten erwähnen den Mangel an Geld und dass sie sich wie ein Paket gefühlt habe, das herumgeworfen wurde, tagtäglich musste mit jedem Penny gerechnet werden. Bei der BBC wurde ihr Vater nicht brüskiert. Der Nachlassverwalter seines Todfeindes Karl Kraus, Heinrich Fischer verhinderte wohl manches, aber er hat nie für die Schweizer Abteilung der BBC gearbeitet, sondern für die lateinamerikanische. Kerrs französisch geschriebene Texte wurden ins Spanische übersetzt und nach Lateinamerika gesendet.

Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis wurde nicht 1998 etabliert, sondern mit Hilfe des „Tagesspiegels“ 1991. Er wurde viermal, von 1991 bis 1994, dann wieder von 1999 an verliehen, nachdem der Band „Berliner Briefe“ ein so großer Erfolg wurde, dass Michael Kerr von einer „Wiederauferstehung“ seines Vaters schrieb.

Judith heiratete 1954 und war 52 Jahre lang glücklich mit ihrem Mann Tom Kneale (er starb 2006) und ihren beiden Kindern Matthew und Tacy. Ihr Sohn hat in England viele Literaturpreise gewonnen. Es ist schön, dass die erste Biografie in Deutschland erscheint. Zugleich hat man den Eindruck, dass in van Nahls Schilderungen nicht ausreichend deutlich wird, welche Rolle Judith in England gespielt hat – und wie bewundernswert es ist, was sie aus ihrem Exil gemacht hat.

In Berlin wurde eine Schule nach Judith Kerr benannt (obwohl, wie man ihr erklärte, es eigentlich nicht ging, weil sie nicht tot war). Ich habe dort 2016 eine wunderbare Diskussion mit ihr und zweihundert Kindern erlebt. Und jetzt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich sie nie wieder in ihrem geliebten Haus in Barnes sehen werde, mit Garten, Teetisch, Katzen.

Deborah Vietor-Engländer, 1946 in London geboren, ist Literaturwissenschaftlerin. Ihre große Alfred-Kerr- Biografie erschien 2016 bei Rowohlt.

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