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Herta Müller in Königstein.

Herta Müller

Das erschrockene Herz

Laudatio auf Herta Müller zur Verleihung des Eugen-Kogon-Preises.

Die Unverzichtbarkeit von Schriftstellern liegt in ihrer Meisterschaft im Umgang mit Sprache begründet, nicht in ihrer Lebensgeschichte. Denn das, was ihnen zustößt oder zugestoßen ist im Leben, und bei Herta Müller haben wir es mit einem Leben in der Diktatur zu tun, das stößt unzähligen anderen auch zu. Das macht ja das Wesen der Diktatur aus: dass sie ein System etabliert, das für alle gilt. Aber es sind vor allem die Schriftsteller, die diese Erfahrung als universelle Erfahrung erst erfassbar machen.

Der Namenspatron des ehrwürdigen Preises, der heute an Herta Müller verliehen wird, Eugen Kogon, war Historiker, Journalist und Politologe, und zwar einer der ersten überhaupt in der jungen Bundesrepublik. Die beeindruckende Liste der Persönlichkeiten, die mit dem Eugen-Kogon-Preis ausgezeichnet wurden, enthält entsprechend politische Autoren oder Politiker; Literaten im emphatischen Sinne waren bisher nicht dabei, mit Ausnahme des Schriftstellerpolitikers Vaclav Havel, dem der Kogon-Preis im Jahre 2012 posthum verliehen wurde.

Ich freue mich ausdrücklich, dass dieses Jahr mit der Auszeichnung Herta Müllers eine der wirkmächtigsten literarischen Stimmen der Gegenwart geehrt wird. Das ist in der Geschichte dieses Preises ein Novum; und ich möchte sagen, die Auszeichnung kommt im richtigen Moment. Denn den Blick auf das Zusammenspiel von Denken, Wahrnehmung und Sprache zu legen, ist notwendig in Zeiten der sprachlichen Verrohung und Enthemmung, der Spaltung, der zunehmenden Respektlosigkeit vor der Anstrengung, verstehen zu wollen.

Genau diese Anstrengung, verstehen zu wollen, teilt Herta Müller mit Eugen Kogon. Und noch etwas teilt sie mit ihm: das Sujet des Terrors in einer Diktatur. Bei Müller geht es um die rumänische Variante der sowjetischen Diktatur, die sie als Rumäniendeutsche durchlitten hat, ein Dorfkind, das es in die Stadt zum Studium und zur Literatur trieb, bespitzelt und bedroht von der Securitate. Kogon durchlitt die nationalsozialistische Diktatur, davon über sechs Jahre als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald. Grenzerfahrungen, in beiden Fällen, über die der eine sachlich, die andere literarisch und poetisch geschrieben hat.

Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ über das „System der deutschen Konzentrationslager“, wie es im Untertitel heißt, ist unauslöschlich mit seinem Namen verbunden. Dieses umfangreiche Werk, der Buchhandel würde es heute als Sachbuch-Bestseller einordnen, entstand unter bemerkenswerten Umständen unmittelbar nach Kriegsende. Man erfährt von diesen Umständen im Vorwort zur Neuauflage von 1974, da wohnte Eugen Kogon bereits in Königstein. Es war der amerikanische Geheimdienst gewesen, der nach der Auflösung des Konzentrationslagers Buchenwald den gewissermaßen altgedienten Häftling und promovierten Historiker Eugen Kogon bat, einen Bericht über das Lager zu verfassen; sein Name war dem „Intelligence Team“ von Emigranten in den USA genannt worden.

In Windeseile und schier unglaublicher Systematik diktierte Kogon, was er über das Lager wusste und wie er dessen Mechanismen einschätzte; es muss in ihm alles abrufbereit, quasi innerlich archiviert, bereitgelegen haben. Zwischen der Erstausgabe von 1947 und der Neuausgabe von 1974 liegen knapp dreißig Jahre; und die Erfahrung, dass die Bundesrepublik Deutschland sich ihrer Vergangenheit gestellt und damit, so Kogon im Vorwort zur Neuauflage, diese „nicht moralisch, sondern politisch bewältigt“ habe. Mit dieser positiven Entwicklung einer politischen Bewältigung, an der er durchaus wesentlichen Anteil hatte, konnte der aus der Hölle von Buchenwald Entkommene nach der Befreiung noch lange nicht rechnen.

Das Lagerschicksal von Heranwachsenden

Kogon, aufgebracht und erkaltet gegenüber den Deutschen und doch davon überzeugt, dass man diese Nation in die europäische Zivilisation zurückholen müsse, schreibt im Rückblick: „Der deutsche Geistesträger – bezeichnenderweise ,Akademiker‘ genannt – hatte selbst kein reales Verhältnis zur Politik außer dem des Untertanen. Sein Reich war der Geist, das Denken und Dichten. Viele widerspruchsvolle Züge im deutschen Charakter und in der deutschen Geschichte werden durch diese Grundveranlagung erklärlich. Deutschland hat niemals eine politisch prägende nationale Gemeinschaft hervorgebracht, die ihrerseits das Volk durch Generationen geschützt und gehalten hätte. Deutschland ist gegen den Terror des Nationalsozialismus nicht aufgestanden, weil es bis jetzt ein politisches Volk im Sinne des Wortes nicht gewesen ist.“

Einen erschütternden Abschnitt von „Der SS-Staat“ widmet Kogon den Kindern und Jugendlichen in den Konzentrationslagern. Ungeheuerlich, was diese jungen und jüngsten Menschen erleben mussten! „Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe für Pädagogen“, schreibt Kogon mit Blick in die Zukunft, „einmal dem weiteren Schicksal der Jugendlichen jeder der geschilderten Arten nachzugehen, die der KL-Zeit lebend entronnen sind, und ihr Verhältnis zur Umwelt, insbesondere zu älteren Kameraden, die nicht einen auch nur annähernd ähnlichen Weg gegangen sind, zu studieren.“

Eines der Kinder, die im April 1945 in Buchenwald befreit wurden, war der spätere ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész. Dessen „Roman eines Schicksallosen“ erzählt aus der Perspektive eines Kindes von Auschwitz und Buchenwald. Das Buch begründete Kertész’ Weltruhm, mit vielen Jahren Verzögerung; der Nobelpreis ereilte ihn mit über siebzig. Das Schreiben war sein Weg gewesen, um eine Souveränität als Subjekt behaupten zu können. Wie ungemein mühevoll jedoch der Weg zu seinem eigenen Stil war, diesem unvergleichlichen Tonfall der Beiläufigkeit, bezeugen seine Tagebucheintragungen aus den Jahren 1952–1962, die kürzlich in der Zeitschrift „Sinn und Form“ posthum erschienen sind. Es ist ja gerade die Kinderperspektive, aus der Kertész die Deportation und den Lageralltag schildert; so spricht er beispielsweise im Tagebuch von „der Notwendigkeit des Anpassungsvermögens, das den Menschen – das Kind – den Problemen gegenüber gleichgültig macht“.

Es trifft sich, dass Herta Müller, als sie im Jahre 2009 den Nobelpreis erhielt, soeben den Roman „Atemschaukel“ veröffentlicht hatte, worin die Lagererfahrung ebenfalls aus der Perspektive eines Heranwachsenden geschildert wird. Und selbstverständlich hat auch sie mit dem Stil gekämpft, der sowohl den Gesetzen historischer Wahrhaftigkeit als auch der Poesie gehorchen sollte, beides ist auf beeindruckende Weise gelungen. Nicht die eigenen Erfahrungen, sondern die ihres Freundes Oskar Pastior waren es, die zu Literatur wurden. Und auch hier ist das Anpassungsvermögen eine notwendige Triebkraft beziehungsweise Überlebenstechnik.

Das Lager der „Atemschaukel“ ist kein deutsches, es ist ein russisches Lager. Alle Rumäniendeutschen zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren – Pastior selbst stammte von Siebenbürger Sachsen ab – mussten nach dem Zweiten Weltkrieg für die Verbrechen der Nationalsozialisten büßen und beim Wiederaufbau der Sowjetunion helfen. Wobei nicht verschwiegen sei, dass unter ihnen natürlich tatsächlich überzeugte Nazis und Rassisten waren. Das Lager, in dem Pastior schuftete, lag in der Ukraine, und dort liegt auch das Lager, in das der Romanheld Leo Auberg für ganze fünf Jahre seines jungen Lebens verfrachtet wird. Abgeholt wird er im Januar 1945, Leo ist siebzehn Jahre alt, ein typischer Pubertierender voll Sehnsucht im Bauch, wohnhaft im rumänischen Hermannstadt als Deutscher, und zunächst sogar froh, rauszukommen aus der Familienenge.

Die Ansammlung von Lagerbaracken, nach Männern und Frauen getrennt, bleibt im Roman abstrakt. Wie unter der Lupe werden die Szenen beim Friseur betrachtet, die Liebeständel, die Schikane bis hin zur Folter, die Dramen ums Brot. Niemals ist Herta Müller versucht, ein Panorama zu liefern oder gar eine Theorie: Verdichtung ist Prinzip. Nach Erklärungen für das, was geschieht, sucht die Autorin auf fast schon akribische Weise nicht. Es ist eher so, als suche sie in der Erniedrigung aller die Würde des Einzelnen.

Auch Herta Müllers Mutter ist in einem russischen Lager gewesen, hat darüber aber wohl nur in vorwurfsvollen Andeutungen gesprochen – ja, die Literatur kann durchaus ein Aufbegehren gegen das Schweigen der Eltern, der Großeltern sein. Es ist nicht Jedermanns Wahrnehmung des Lageralltags, die sich in „Atemschaukel“ niederschlägt, es ist die Wahrnehmung eines der sprachlichen Benennung fähigen Menschen, eines Schriftstellers, ja eines Dichters, könnte man sagen, wenngleich Leo Auberg selbst kein Schriftsteller ist; aber Oskar Pastior, auf dessen Biographie der Roman zurückgreift, war ein Dichter, und was für einer!

Im Lager erfährt Leo alias Pastior, mit dem Herta Müller unendlich viele Gespräche geführt hatte, die Auflösung seines Ich. Die Macht über das, was vom Lagersubjekt übrigbleibt, übernimmt nicht etwa der russische Lagerkommandant oder der Kapo, sondern ein Wort namens „Hungerengel“. Den Hungerengel muss man sich wie einen Geist vorstellen, den der Hungernde sich schafft, um gegen ihn kämpfen zu können. Das gelingt dem jungen Romanhelden auch, immerhin überlebt er die „Hautundknochenzeit“ im Unterschied zu vielen anderen, aber, und das ist ein gewichtiges Statement: Der Hungerengel nimmt Besitz von ihm für immer. Als nach drei Jahren härtester Haft plötzlich etwas Geld gezahlt wird und er auf dem Basar Essen kaufen kann und sein Fleisch wieder üppiger wird, da hat der Hungerengel ihn immer noch im Würgegriff. Das heißt: Das Lager hat seine Seele zugerichtet, auf Lebenszeit. Niemandem wird Leo jemals wieder sein Herz schenken können.

Herz, übrigens, gehört zu jenen Wörtern, die Herta Müller oft und gern benutzt. „Und noch erschrickt unser Herz“ heißt etwa ein Text aus dem fantastischen Essayband „Hunger und Seide“, der bei Erscheinen 1995 für Aufsehen sorgte in der literarischen Landschaft der größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland, um nicht von Wiedervereinigung zu sprechen. Dieser Begriff ist ohnehin missverständlich, denn hier wurde ja vereinigt, besser zusammengefügt, was es so vorher nicht gegeben hatte. Herta Müller ihrerseits hat die alte Bundesrepublik noch kennengelernt; sie war bereits 1987 aus Rumänien nach West-Berlin gekommen.

Den Neofaschismus heute hat sie vorausgesehen

„Berlin“, schreibt sie in dem erwähnten Essay über die Zeit ihrer Ankunft, „war damals eine Stadt, in der die Mauer sich bewegte. Manche Tage stand sie an Straßenenden, wo sie an anderen Tagen nicht stand. Ich war überzeugt: Die Mauer wandert auf dem Rücken der Tiere, die auf dem kahlen Streifen Erde hausen. Kaninchen und Krähen, diese Tiere der Erschossenen, machten mir so Angst wie die Gewehrläufe. Die Mauer ist weg, die Tiere der Erschossenen haben sich ins Land gerettet. Kann sein, dass auch ihnen auf der Flucht das Herz tobte wie den vielen Gejagten davor.“

1953 in Rumänien geboren, aufgewachsen mit der Muttersprache Deutsch, das Rumänische später perfekt gelernt, und lieben gelernt, obwohl es die Sprache der Unterdrücker war, aber eben auch der Freundschaften und der Literatur; so ausgerüstet, alles verstehend, alles sprechend, und mit einem Dialekt, der ungewohnt klingt in den Ohren der Einheimischen, kommt sie nach Deutschland. Da hört sie dann oft und ganz unverblümt das Wort „Ausländer“. Sie ist damit gemeint, die Deutsche aus Rumänien, die sich ständig rechtfertigen muss, woher sie denn komme? Man macht ihr Komplimente, sie spreche aber gut deutsch. So wohlmeinend, und damit verletzend, sind keineswegs nur die einfachen Leute, die Bäckersfrau oder die Blumenverkäuferin; nein, auch die Intellektuellen und Schriftstellerkollegen aus dem Westen sagen solche Sachen. Dabei können sie selbst Bukarest von Belgrad und Budapest nicht unterscheiden.

„Egal, wohin man sieht: für Menschen aus Demokratien und Menschen aus Diktaturen ist nichts gleich verlaufen“, schreibt Herta Müller in dem Essay, der das erschrockene Herz im Titel trägt, und wenn ich ehrlich bin, so erschrickt mich dieser Text, ja der gesamte Essayband „Hunger und Seide“ heute, beim Wiederlesen, fast mehr als damals. Jener Essay geht auf einen Vortrag in Berlin zurück, 1993 war das, man sprach über die „tolerante und weltoffene“ Stadt – oder besser gesagt, man hoffte, dass Berlin tolerant und weltoffen sei. Man unterschied auf der Tagung zwischen „Staatskindern“ und „Landeskindern“, und tatsächlich erinnere ich mich daran, wie Christa Wolf kurz nach dem Mauerfall in eine Fernsehkamera sprach: „Ich habe dieses Land geliebt.“ Womit sie die DDR meinte.

Vermutlich hatte Eugen Kogon genau dies im Sinn, als er das verklärte Verhältnis der deutschen Geistesträger zur politischen Wirklichkeit diagnostizierte. Denn die DDR war ja kein Land, sondern ein Staat und als solcher die deutsche Variante der sowjetischen Diktatur. Herta Müller, die niemals den Sozialismus mit menschlichem Antlitz gesucht hat, weil sie das unmenschliche Antlitz der Securitate-Offiziere allzu gut kannte, teilt diese Perspektive Christa Wolfs nicht, im Gegenteil. Das Deutschland, das Herta Müller kurz vor dem Mauerfall kennenlernt, das „Land“ ihrer Muttersprache, ist ihr fremd und unheimlich. Warum? Ganz einfach: weil sie, die Deutsche aus Rumänien, als Fremde kategorisiert wird, als „Ausländerin“.

Die Umbrüche von 1989 aber sind ein Gradmesser keineswegs nur für Menschen aus dem damals noch Ostblock genannten Sowjetreich mit seinen Satellitenstaaten. Das gilt ganz genauso auch für Westmenschen, die von der anderen Seite des ideologischen Universums aus die Umstürze verfolgten. Ich zum Beispiel, damals Studentin in West-Berlin, erinnere mich genau an den Tod Nicolae Ceausescus. Oder besser, ich erinnere mich an das flimmernde, wacklige schwarzweiße Fernsehbild des toten rumänischen Diktators, seines im Schnee liegenden Kopfes. Ich war damals in Schweden in den Ferien, draußen lag ebenfalls Schnee, genauso wie in Rumänien. Es muss der 25. Dezember 1989 gewesen sein. Das rumänische Militär hatte sich auf die Seite des aufständischen Volkes geschlagen; zwei Offiziere erschossen Ceausescu und seine Frau, denen zuvor ein schneller Prozess gemacht worden war von einem schnell einberufenen Militärtribunal. Die Bilder wurden sofort verbreitet in alle Welt und verfehlten ihre Wirkung nicht.

Das tote Diktatorenpaar, so Herta Müller, wurde bald schon wieder verklärt – von den ehemaligen Nutznießern der Diktatur, vor allem aber von den Armen, denen es nach dem Ende der Diktatur nicht besser ging. In dem Text mit dem schönen Titel „ER und SIE – Armut treibt die Menschen an Ceausescus Grab“ beschreibt Herta Müller eine winterliche Szene auf dem Friedhof in Bukarest: „Da steht eine alte Frau in dünnen Kleidern neben SEINEM Grab. Ihr Kinn zittert vor Kälte, nicht vom Beten. ,Ich kann von meiner Rente nicht leben‘, sagt sie, ,ich habe kein Haus und kein Essen. ER hätte das nicht getan.‘“

Und Müller fährt fort: „Sie lügt nicht. Sie hat die Wahrheit des Elends, die Verklärung, die die Ärmsten erfasst. Sie trägt die Folgen einer vergangenen Zeit als Gegenwart. Als Hunger und Kälte. Die Veränderung zertritt sie, treibt sie an dieses Grab. Sie wird wie viele alte Menschen diesen Winter nicht überleben, auf den Straßen verhungern oder erfrieren. Meine Wahrheit, dass ER eine niedergetrampelte Welt hinterlassen hat, widerspricht der ihren nicht. Doch den Luxus der Logik kann sie sich nicht leisten.“

Diesen Text, erschienen am 28. Dezember 1993 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, also nur wenige Jahre nach den Ereignissen, las man damals und liest man noch heute mit angehaltenem Atem, nicht weil man etwas historisch Neues erführe, das hatte ja das flimmernde Fernsehbild längst erledigt, sondern weil Herta Müller ihre unverwechselbare Sprache, ihren lakonischen Ton, ihre scheinbar einfache Wortwahl demonstriert, weil sie ihre Wahrnehmung, ihre Erfahrung, ihre Empfindungen und ihr Denken in den Ring wirft, und ihre Ethik.

Die Armut der damaligen Zeit, den Hass auf die Armen als Ausdruck der Abwehr der eigenen Armut: Diesen historisch-psychologischen Mechanismus analysiert Herta Müller in ihren großartigen, mutigen Essays aufs Schonungsloseste. Die Armut der Zigeuner Rumäniens erscheint unter dieser Perspektive als die äußerste Manifestation der alle erfassenden Armut. Die Scham und der Selbsthass durch Armut als Folge des dauerhaften, sozialistischen Mangels, dies schildert Herta Müller ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen, und so werden ihre Texte zu Kristallen der Erkenntnis, die das Kommende in der Vergangenheit viel früher erkennen als wir, die halbwissend Hoffenden. Wir, die damals dachten, die Auflösung der Sowjetunion würde quasi naturgemäß lauter glückliche Demokratien hervorbringen. Mit dieser Hoffnung haben wir uns Illusionen hingegeben, aus denen wir schockartig erwachen, spätestens jetzt, da die Autokraten und Nationalisten weltweit auf dem Vormarsch sind und rechtsradikale Parteien die Parlamente erobern und Polizisten in beunruhigender Zahl wegen rechtsradikaler Gesinnung suspendiert werden müssen.

Ich bin, die Essays der neunziger Jahre wiederlesend, schlicht und ergreifend verblüfft und respekterfüllt, wie genau Herta Müller am Ende der alten Weltordnung bereits den Neofaschismus unserer Gegenwart vorausgesehen hat, geradezu prophetisch. Dass der Hass auf die Armut einerseits immer den Fremden meint, andererseits identitätsstiftend wirkt, hat Herta Müller damals in Deutschland genau beobachtet; ich zitiere aus einem Essay aus „Hunger und Seide“: „Diese Lebendigkeit im Hass wird zur Selbstverständlichkeit. Das gemeinsame Feindbild muss nie korrigiert werden, weil seine Züge erfunden sind. Die Gesprächspartner erfahren durch das gemeinsame Feindbild Bestätigung ohne Verantwortung. Das macht süchtig.“

Klingt das nicht, als spräche sie von heute? Ich zitiere weiter: „Die Steinewerfer und Brandstifter, die Menschenjäger aus Hoyerswerda und Rostock sind nicht Randgruppen. Sie bewegen sich in der Mitte. Sie können sich nicht nur auf den Applaus am Straßenrand, sondern auch auf die Zustimmung derer verlassen, die äußerlich nicht als Skinheads zu erkennen sind. Brave Bürger, die sich die Köpfe nicht kahlscheren, sondern, unauffällig und still, an der persönlichen und öffentlichen Meinung stricken, die Menschenjagd gesellschaftsfähig macht. Die Neonazis mit den harten Fäusten sind seit mindestens zwei Jahren die Vollstrecker einer öffentlichen Meinung. Deshalb flüchten sie nicht. Sie agieren vor den Kameras der Reporter und toben eine Nacht nach der anderen sogar am gleichen Ort. Sie haben keinen Grund, sich zu vermummen oder in den Untergrund zu gehen. Denn sie fühlen sich beauftragt von der Gemeinschaft.“

Lange vor der Aufdeckung des NSU – die neuen Nazimörder gingen eben doch in den Untergrund – und lange vor Gründung der AfD, deren Existenz man im Keim hier schon mitliest, hat Herta Müller allein durch Hinsehen und Hinhören und natürlich vor dem Hintergrund eigener Erfahrung ein dunkles Geschichts- und Menschenbild entworfen.

Dank ihrer Fremdheit, die nicht die Ihre war, sondern ihr als Projektion entgegenschlug, erkannte Herta Müller den fatalen Geist des völkischen Deutschtums, jenes Gespenst, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs weitergelebt hat und weiterlebt, in der DDR mit ihrem staatlich verordneten Antifaschismus genauso wie in der alten Bundesrepublik mit ihrer weltweit geachteten Gedenkkultur.

Eugen Kogon hatte vor siebzig Jahren bei allen spürbaren Zweifeln gehofft, dass Deutschland „rückblickend“ sich selbst erkennen möge, „damit das entstellte, das verzerrte Antlitz wieder Gleichmaß gewinne“. Es ist nichts weniger als die Kraft der Buße, die er beschwört: „Weit werden die Konzentrationslager dann hinter dem erneuerten Deutschland liegen – nur noch eine Mahnung aus den Zeiten der Finsternis dieses Dritten Reiches.“

Herta Müller wusste und weiß es besser. Die Mahnung droht längst wieder überhört zu werden. Umso mehr kommt es darauf an, die richtigen Worte zu finden, und das tut Herta Müller beispielhaft und in unübertrefflicher Weise.

Der Eugen-Kogon-Preis

Herta Müller, Jg. 1953, wuchs im rumänischen Banat auf und reiste 1987 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Für ihr Werk erhielt sie 2009 den Literaturnobelpreis.

Eugen Kogon wurde 1903 in München geboren und starb 1987 in Königstein i. Ts.. 1946 öffnete er den Lesern seines Buches „Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager“ die Augen.

Ina Hartwig ist Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt. Ihre Laudatio auf Herta Müller, die sie am 22. März in Königstein hielt, veröffentlichen wir in vollständiger Länge.

Autorin: Ina Hartwig

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