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Der österreichische Komponist Ernst Krenek.
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Der österreichische Komponist Ernst Krenek.

„Die drei Mäntel des Anton K.“

Schrecken und Irrsinn der Emigration

  • vonMarkus Schwering
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Zur Wiederentdeckung von „Die drei Mäntel des Anton K.“, einer fesselnden, rhythmischen Novelle des Komponisten Ernst Krenek.

Man wird der Organisation nicht gerecht“, verkündet der „Konsul“ im zentralen Dialog der Erzählung seinem Gesprächspartner, „wenn man sie als bestimmten Zwecken des sogenannten realen Lebens dienend betrachtet. Sie hat ihren weit erhabeneren Zweck in sich selbst.“ Und ein paar Seiten später: „Sie täuschen sich jedoch immer noch über die hier herrschenden Kategorien. Die Frage der Humanität liegt in einer ganz anderen Dimension, die in unserer Welt gar nicht vorkommt.“

Wer sich für Systemtheorie interessiert, könnte in dieser Selbstdarstellung einer für Visum- und Passangelegenheiten zuständigen Behörde einen Abglanz Luhmann’scher Denkfiguren erkennen. Die Handlung spielt allerdings im Jahre 1938 – da gab es noch keine Systemtheorie. Beim unbefangeneren Lesen dürfte sich spontan die Erkenntnis einstellen, dass man selbst eher nicht in das Räderwerk einer Bürokratie mit einem solchen Verständnis des eigenen Tuns geraten möchte. Anton K., die Hauptfigur in Ernst Kreneks Novelle „Die drei Mäntel des Anton K.“, möchte es auch nicht, hat allerdings keine Alternative – er wird ohne Möglichkeit des Entkommens in diese Albtraumwelt hineingestoßen.

Krenek hat eine Novelle geschrieben? Mit seinem Namen verbindet sich eine Musikerexistenz, verbinden sich Werke wie die Opern „Johnny spielt auf“ und „Karl V.“, das Chorwerk „Lamentatio Jeremiae Prophetae“ und schließlich nicht weniger acht Sinfonien. Die Musikgeschichte kennt Krenek – 1900 in Wien geboren und 1991 in Kalifornien gestorben – als produktiven Komponisten im Umfeld des Schönberg-Kreises und auch als Briefpartner Theodor W. Adornos. Indes gibt es einen Band Krenek’scher „Prosa, Dramen, Verse“ – zuletzt bei Langen/Müller in München/Wien erschienen.

Diese Ausgabe ist jedoch einigermaßen verschollen, so dass die Neuveröffentlichung der „Drei Mäntel des Anton K.“ nahezu eine Entdeckung ermöglicht. Zumal die in der Edition Memoria des Hürther Verlegers Thomas B. Schumann publizierte Ausgabe nicht nur den deutschen Text enthält, sondern auch die von Krenek im amerikanischen Exil selbst erstellte englische Übersetzung. Dazu (ebenfalls zweisprachig) ein instruktiv-einordnendes Vorwort des Herausgebers Matthias Henke.

Die Novelle hat einen eindeutig autobiografischen Charakter. Der Hintergrund: Als Krenek 1938 von einer USA-Reise nach Europa zurückkehrte, waren die Tage seines Heimatlandes Österreich gezählt: Der „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland stand unmittelbar bevor. Damit wurde auch Kreneks österreichischer Pass von heute auf morgen ungültig, unbrauchbar, wertlos. Weil der als „entartet“ verfemte Musiker auf keinen Fall in die unwirtlich gewordene Heimat zurückkehren wollte, begann ein aufreibender Kampf um neue Papiere, um Ausweise, Bescheinigungen, Transitvisa, ein privater Krieg gegen unwillige, verständnislose, ignorante bis böswillige Behörden in den Gastländern, in denen zu wohnen sich Krenek ja nicht ausgesucht hatte.

Das Buch

Ernst Krenek: Die drei Mäntel des Anton K.. Novelle. Dt./Engl ., hrsg. von Matthias Henke, Edition Memoria, Hürth 2020, 144 S., 24 Euro.

All diese Erlebnisse – typische Emigrantenschicksale, wie sie zum Beispiel auch Stefan Zweig in seiner Autobiografie „Die Welt von Gestern“ beschreibt – sind in die im selben Jahr entstandene Novelle eingeflossen. So beginnt der Leidensweg des wie sein Autor staatenlos gewordenen Anton K. damit, dass er einen bei der Post hinterlegten Brief dort nicht mehr abholen darf. Der Beamte, dem K. gut bekannt ist, bedeutet ihm: „Leider geht es nicht. Ich muss eintragen, aufgrund welchen Ausweispapiers ich den Brief ausgefolgt habe, und Sie sehen gewiss ein, dass das dann Schwierigkeiten geben könnte.“

Das ist so ein „klassischer“, geradezu an Kleist gemahnender Augenblick, in dem eingefahrene Lebensroutinen nicht mehr funktionieren und dem Opfer plötzlich der Boden unter den Füßen wegbricht. Noch näher als Kleist liegt in diesem Zusammenhang selbstredend Kafka, auf den bereits der Namen des Helden unüberhörbar anspielt und der in der Novelle seinerseits zum Thema wird.

Kafkas Romane „Der Prozess“ und „Das Schloss“ sind immer wieder als prophetische Vorwegnahmen der Terrorbürokratien im bevorstehenden Zeitalter der Diktaturen gelesen worden. Diese Interpretation wurde freilich in gleicher Weise beharrlich als zu „platt“ zurückgewiesen – in Kreneks Novelle indes erfährt sie eine eindrucksvolle Beglaubigung.

Eindrucksvoll ist die Erzählung aber nicht nur wegen ihres Themas: Die tragisch-tragikomischen, die absurden Umschwünge der Handlung sollen hier nicht ausführlich nacherzählt werden: K., auch ein Verwandte von Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, irrt von Pontius zu Pilatus, er wird unschuldig in eine Passfälschergeschichte verwickelt, landet in Staatswesen, aus denen er nicht mehr herauskommt. Zweimal kommt ihm sein Mantel abhanden, der hier symbolisch für personale Identität stehen mag.

Aber noch einmal: Dieser Plot macht allein noch keine gute Kunst. Die aber ist „Die drei Mäntel des Anton K.“ in hohem Maße: Beflügelt wohl noch durch die Fassungslosigkeit angesichts des selbst Erlittenen, hat Krenek seiner Prosa eine bemerkenswerte Dichte und Eindringlichkeit mitgegeben. Stilistische Allusionen an Kafka sind anzutreffen, auffallender ist eine gewisse zeremonielle Umständlichkeit, die an den österreichischen Kanzleistil erinnert – man kann sich das Stück gut im Wiener nasalierenden Tonfall vorgetragen vorstellen.

Exzellent sind auch die quasi kompositorischen Proportionen der Erzählung, der Rhythmus von Stillstand und ruckhaften Umschwüngen, der das Lebensschiff des Anton K. umso hilfloser auf den Wellen der Zeitläufte tanzen lässt. Höhepunkt des Ganzen darf dann in der Tat die Unterhaltung mit dem Konsul genannt werden, die den Vorgängen die philosophische Krone aufsetzt.

Es wird schwierig sein, sich fortan beim Anhören einer Ernst-Krenek-Komposition nicht daran zu erinnern, dass der Mann auch ein überdurchschnittlicher Autor war.

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