feu_sturm_131020
+
„Das Meer und seine unermüdliche Vertilgungsarbeit.“

Roman Ehrlich

Ernst, Ironie und gar keine Bedeutung

Der dystopische Roman „Malé“ von Roman Ehrlich kommt ziemlich spannend daher, aber der wirkliche Alptraum steckt dahinter.

Nachher zeigt sich, dass auch die 2030er Jahre inzwischen Vergangenheit sind. Angespannte Zeiten, wie es scheint, ohne dass man aus Sicht von 2020 darüber ernsthaft überrascht wäre. Der nach den Unruhen („Finanzkrisen“, „Riots und Lootings“, „Serversabotagen“) jeweils „wiederhergestellte Konsens“ aber bestand offenbar stets darin, „dass ein radikaler Bruch einzig mehr Gewalt, mehr Waffen, mehr Einschließung bedeuten könnte, aber keinesfalls mehr Freiheit für alle“. Das Große, Ganze wird hier eher selten und schon gar nicht verbindlich in den Blick genommen. Es ist aber wesentlich für die Grundstimmung, dass die in den 20ern diskutierten diffusen Wünsche nach dem großen Knall, der großen gesellschaftlichen Veränderung vorüber sind.

Roman Ehrlich, 1983 geboren, hat sich in seinem Debüt „Das kalte Jahr“ (2013) und seinem fabelhaften Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ (2017) mit Themen aus dem Science-Fiction- und Horror-nahen Spektrum befasst. Auch „Malé“ bewegt sich am Rande der Genreliteratur, die ironisiert, persifliert und ins Irrwitzige, nämlich auch total Sinnlose getrieben wird, alles Elemente freilich, die diese Literatur schon in sich trägt. Im Kern des Romans aber steckt eine selbstauferlegte Resignation der Figuren, die sich zwar vor sich her tragen, an die sie sich jedoch nicht unbedingt halten.

„Sie denkt“, heißt es über eine abgeklärte Protagonistin, „dass alles, was hier an diesem Ort passiert, das Vergehen von Zeit ist. Das Meer und seine unermüdliche Vertilgungsarbeit sind die wahrhaftige Entsprechung der vergehenden Zeit. Schon lange ist in dieser Stadt nichts anderes mehr passiert.“ Aber auch das ist Gerede. Es ist einiges los hier, auch wenn von Hoffnung nicht gesprochen werden kann. Oder nur, wenn sie jemand verneint. Nein, keine Hoffnung.

Zum Buch

Roman Ehrlich: Malé. Roman. S. Fischer. 288 S., 22 Euro.

Malé ist die Hauptstadt der Malediven, hier herrschen inzwischen postapokalyptische Zustände. Nach der gewaltsamen Auflösung der Republik kontrollieren Milizen die versinkenden Atolle, auf denen die Ruinen des Tourismus malerische Szenarien schaffen. In vielen und immer mehr Straßen steht das Wasser, man muss flexibel bleiben. Eine lose internationale Kolonie Ausgewanderter hat sich dennoch eingerichtet, die unter dem Schutz eines mysteriösen „Professors“ steht. Treffpunkt ist ein Lokal mit dem schiefen literarischen Namen „Blauer Heinrich“.

Neuankömmlingen bleibt nichts anderes übrig, als hier und beim Professor vorstellig zu werden, aber tatsächlich ist es auch nicht Freiheit, die sie suchen. Über einen von ihnen sagt ein anderer: „Frank hat gehofft, dass er hier in Malé unter den Ausgewanderten eine Situation vorfinden könnte, die so wäre, wie er sich immer das Westberlin aus den achtziger Jahren vorgestellt hat, das ja auch eine Insel gewesen ist, die ein bisschen verloren war, und wo auch nur hingewollt hat, wer schon etwas gesponnen hat und mit der ordentlichen Gesellschaft nicht richtig zurechtgekommen ist.“ Übrigens hat sich der Schriftsteller Roman Ehrlich, wie Fotos zeigen, seinerseits von Kopf bis Fuß auf die Achtziger eingestellt.

Jetzt aber ist Frank, Judy Frank, ein Lyriker, verschwunden. Die Leiche seiner Begleiterin, der Schauspielerin Mona Bauch, ist zwar aufgetaucht, deren Vater jedoch, Elmar Bauch, hat berechtigte Zweifel an der offiziellen Version (nicht dass es hier noch offizielle Stellen gäbe, aber man sagt halt so). Elmar Bauchs Anwesenheit und die der Literaturwissenschaftlerin Frances Ford, die er um Hilfe gebeten hat, verspricht – wie auch die allererste klassische Thrillerszene – in den Anfangsphasen des Buches einen handlungsgetriebenen Plot. Es gibt weitere Tote, weitere Verschwundene, es gibt Mordszenen, in die Ehrlich literarisch stark investiert hat. Dazu kommen erhebliche Geheimniskrämereien und wichtige unsinnige Andeutungen wie im schönsten David-Lynch-Film.

Aber das sensationelle Geschehen dient lediglich dazu, Verwirrung zu stiften. Dahinter zeigt sich die Verlorenheit in einer menschenfeindlichen und immer menschenfeindlicher werdenden Umgebung. Die Verwandlung eines sogenannten Urlaubsparadieses in eine Hölle ist das perfekte Schreckensterrain dafür. Die Natur wie der Mensch selbst setzen sich dabei gegen den Menschen zur Wehr. Die Niederländerin Hedi Peck, an die Folgen steigender Meeresspiegel schmerzlich gewöhnt, arbeitet derweil an einem neuen Projekt für eine künstliche Abfallinsel, analog zu heutigen ähnlichen Unterfangen. Die Frauen im Roman sind insgesamt weniger passiv als die Männer, sowohl was den Drogenhandel als auch was Projekte für die Zukunft betrifft. Auch wenn einem schon das Wort Zukunft nicht leicht von der Zunge geht. Für Peck war der Malediventourismus „der maximal widerliche“, „stellvertretend für die Vernichtung des Schönen auf der Welt durch die Ignoranz, die kleingeistige Engstirnigkeit und ängstliche Egozentrik der Menschen, die das Privileg des Reisens für sich in Anspruch nehmen, ohne dabei die Erfahrung der Fremde machen zu wollen.“

Dass die durchaus „gesprochene“ Sprache in „Malé“ gleichwohl künstlich bleibt, gehört zu Ehrlichs durchschaubarer, aber dennoch fesselnder Taktik, die Realität zu unterlaufen. Der Roman selbst ist eine künstliche Insel, und sie schwimmt. Während man staunt, wie souverän Ehrlich auf den Straßen von Malé navigiert, fällt einem wieder ein, dass ein rascher Blick auf Google-Maps dafür ausreicht. Dem ist dann auch so. Während Hedi Pecks verhasste Touristen reisten, ohne etwas zu sehen, erledigt sich das heute – und heute ja wirklich und mit guten Gründen – vom Handy aus. Außer dem Tod ist alles Kunst und Künstlichkeit. Erst der herrschende Gleichmut darüber aber verwandelt Ehrlichs Tropen in einen wirklichen Alptraum.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare