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Der Ernst des Clowns

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Charlie Chaplin mit Herrn und Frau Churchill und weiteren Partygästen im Haus der Churchills in Kent im September 1931.
Charlie Chaplin mit Herrn und Frau Churchill und weiteren Partygästen im Haus der Churchills in Kent im September 1931. © Imago

Verschiedene Methoden, um sich vom Suizid abzuhalten: Der ungewöhnliche Chaplin-Churchill-Roman „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier ist vor allem da berührend, wo er zu schweigen weiß.

Michael Köhlmeiers neues Buch ist ein stiller Roman von diskreter Traurigkeit. Er ist auch interessant, nicht nur durch das, was er erzählt, sondern durch das, über was er schweigt.

Erzählt wird von dem englischen Politiker Winston Churchill (1874–1965) und seinem berühmten Landsmann Charlie Chaplin (1889–1977). Sie sind die „Zwei Herrn am Strand“ aus dem Romantitel. Die nähere Bekanntschaft zwischen den beiden ist historisch verbürgt. Was sie aber auf ihren Spaziergängen besprachen, weiß allein der Erzähler im Detail.

Er verfügt über staunenswerte Quellen aus dem Nachlass seines Vaters, der sich intensiv, auch in zahlreichen, meist unveröffentlicht gebliebenen Aufsätzen, mit der Beziehung zwischen Chaplin und Churchill auseinandergesetzt hat. Mit einem Kenner der Materie, einem gewissen William Knott, hat er korrespondiert.

Hinzu kommt Josef Melzers Buch „Chaplins Tugend“, W. Kerr Verlag, Bern 1979, das der Erzähler „in einer Weise ausbeutet, die eigentlich unentschuldbar ist“.

Allerdings wird man vergeblich nach ihm suchen, ebenso wie nach Mr. Knott. Geschmeidig, fast unspürbar wie ein extrem elegantes Flugzeug verlässt „Zwei Herren am Strand“ den Boden der Tatsachen und erweitert die Realität beträchtlich, aber nicht abwegig.

Auch Quellen, die hier unten Bestand haben, kommen vor. Wer es fantastisch mag, ist vielleicht sogar enttäuscht darüber, dass vieles, aber nicht alles imaginiert ist. Aber diese realexistierenden Quellen können eben nicht im von Köhlmeier gewünschten Ausmaß belegen, dass die meist auf Entfernung gepflegte Freundschaft zwischen Churchill und Chaplin eine Verabredung gegen den Suizid war.

Denn darum geht es in erster Linie während der „talk-walks“ (Chaplin) beziehungsweise der „duck-walk-talks“, wie der behäbigere Churchill scherzt. Der Tramp wendet sich nach ersten Worten mit einem formellen Bekenntnis an den Politiker: „Ich gehöre zu der seltenen Sorte von Menschen, die schon im Alter von sechs Jahren ernsthaft darüber nachdachten, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.“

Erst einige Seiten später, so dass greifbar wird, wie sich solche Sätze nicht so einfach sagen lassen, bekennt der Politiker dem Tramp, dass er ebenfalls zu dieser seltenen Sorte von Menschen gehöre.

Über die Kontinente hinweg

Dass beide, nach außen vereint durch ihren Kampf gegen Hitler, an Depressionen litten, ist bekannt. Dass sie über die Kontinente hinweg, wo sie ihrer aufregenden, aufreibenden, im Lichte der Öffentlichkeit stehenden Arbeit nachgehen, Kontakt aufnehmen und um Hilfe rufen, weiß allein der Erzähler, „alles von meinem Vater“. Über die politische Haltung der beiden ist er im Bilde – 1931 setzt die Erzählung über Chaplin/Churchill ein, schaut dann zurück und nach vorn –, ebenso über ihre Arbeitsmethoden (vor allem Chaplins Avantgardismus interessiert ihn und Churchill).

Und nicht nur das: „Sie unterhielten sich über verschiedene Methoden, dem Selbstmord zu entgehen.“ Die umfassendste scheint die sowohl als Arbeits- als auch Antisuizidstrategie wirksame „Methode des Clowns“ zu sein, die auf der Kunst beruht, sich vor sich selbst lächerlich zu machen.

„Sie waren zur Begeisterung fähige Pragmatiker“, heißt es einmal etwas sentenzhaft, aber das ist nicht Köhlmeiers Schuld, sondern entspricht der Natur des Erzählers, der penibel liest. Der nämlich auch darunter zu leiden scheint, dass dem Vater der Ruhm seiner Forschungen – all die unveröffentlichten Aufsätze – versagt geblieben ist.

Das ist der Anteil, den Michael Köhlmeier am Rande mitlaufen lässt. Es handelt sich um ein einander eng verbundenes Vater-Sohn-Duo, ruhige, ernste Leute.

Der Vater, der seiner Leidenschaft im Verborgenen gefrönt hat und sich als Kind für eine Clowns-Ausbildung interessierte, und der Sohn, der Lehrer geworden ist, aber seinerseits mit komischen Programmen auftritt. Erst mit einer Frau, dann mit einer Puppe zusammen (das erwies sich für ihn als ideal). Inzwischen kann er davon leben. Sind die Programme eigentlich wirklich komisch?

Und was sollen wir dazu sagen, dass einer Seite um Seite beschreibt, wie sich Männer methodisch vom Freitod abhalten, und selbst die „Methode des Clowns“ eifrig anwendet?

Was sollen wir dazu sagen, außer, dass auch der Erzähler damit befasst ist, seinen Suizid zu verhindern? Aber dazu sagt er kein Wort.

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