1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Ernest Wichner „Heute Mai und morgen du“: Das große Trotzdem

Erstellt:

Von: Björn Hayer

Kommentare

Redendes, schreiendes Gras.
Redendes, schreiendes Gras. © © epd-bild / Alabiso, Gustavo /

„Heute Mai und morgen du“ gibt Gelegenheit, die überzeugende Lyrik von Ernest Wichner zu studieren.

Als Ernest Wichner 1975 von Rumänien in die Bundesrepublik übersiedelte, hatte er vieles im Gepäck: eine Muttersprache, zahlreiche Dichter, die ihn prägten, und nicht zuletzt die Erkenntnis, gerade noch dem Schlimmsten entkommen zu sein. Denn während mit ihm befreundete Autoren wie Rolf Bossert grausame Erfahrungen mit dem berüchtigten Geheimdienst der Securitate machen mussten, konnte er sich dem Zugriff des Ceausescu-Regimes entziehen.

Dass ihm Berlin und das dortige Literaturhaus, das er von 2003 bis 2017 leitete, zu einer neuen Heimat wurden, mag vielleicht an einer spezifisch poetischen Weltsicht liegen: Statt an einem festen Ort wohnt Wichner in und mit Worten, die ihm zumindest imaginär ein ständiges Unterwegssein ermöglichen. Mal führen sie ihn in die Steppe oder ins ruhige Cornwall, mal gewähren sie ihm Einblicke in die „seltsame / grammatik des dorfes“, dessen Bewohner sich in stumpfsinnigem Ordnungswahn ergehen.

Die realen geografischen Fixpunkte erweisen sich im Werk des 1952 im Banat geborenen Schriftstellers allerdings lediglich als Kulisse. Wie die Sammlung ausgewählter Gedichte unter dem Titel „Heute Mai und morgen du“ dokumentiert, wirken seine Landschaften insbesondere durch ihre Stimmen. Man vernimmt in den Versen mitunter Oskar Pastior, neben Herta Müller der sicherlich wichtigste Vertreter rumänisch-deutscher Lyrik, Thomas Kling oder Konrad Beyer. Um diesen zeitweiligen Gefährten immer wieder kleine Denkmäler zu errichten, nähert sich Wichner ihnen mit seiner Sprache an, was bisweilen leider schon fast an Selbstaufgabe grenzt. Zu sehr eifert er hier und da dem Stil anderer – wie Ernst Jandl oder Elke Erb – nach.

Das Buch:

Ernest Wichner: Heute Mai und morgen du. Gedichte. Schöffling & Co., Frankfurt 2022. 288 Seiten, 26 Euro.

Wo er sich hingegen ganz seinem eigenen Ton vertraut, erzeugen die Texte eine ungemeine Innigkeit. Sie erzählen von der schleichenden Entfremdung eines Paares, vom „redenden schreienden Gras“ als Sinnbild des Vergessens, vom fernen Gott und allzu oft von schmerzvollen Abschieden – auch von den durch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts eingetrübten Illusionen. Es gilt eben: „Die Welt ist ein betrunkener Lederstiefel der Marke Aufbau“. An jeder Ecke und damit ebenso in jedem Gedicht lauern Gefahren oder ereignen sich Katastrophen, wenn etwa ein Kind von einer herabfallenden Kastanie getötet wird oder eine Frau am Telefon kurzerhand beschließt, den Freitod zu wählen,

Nicht an all dem Unrat zu verzweifeln, bedeutet für den Lyriker stets auf das „Aberglück“ zu setzen, ein laut hörbares Trotzdem. Weiterschreiben lautet die Maxime seines Werks, und zwar mit sprudelnder Geisteskraft. Seien es Texte mit durchschnittenen Wörtern, Prosagedichte im Blocksatz oder Begriffsneuschöpfungen à la „Märzung“ oder „Krückung“ – in Wichners Poemen, selbstironisch charakterisiert als „Bedeutungsruinen auf strahlendem Weiß“, wohnt der Drang zum Experiment. Schade, dass man in dem Übersetzer, Kurator und Herausgeber, zu lange vor allem den Literaturvermittler gesehen hat. Spätestens mit dieser Kompilation seiner Poeme werden wir jedoch auch eines ernst zu nehmenden Dichters gewahr.

Auch interessant

Kommentare