Schrift und Schriftlichkeit

Ernest Fenollosa: „Das chinesische Schriftzeichen“ – Die Produktivität des Missverständnisses

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Ernest Fenollosas berühmter Essay über chinesische Schriftzeichen.

Der Essay „Das chinesische Schriftzeichen als poetisches Medium“ des US-amerikanischen Gelehrten Ernest Fenollosa (1853–1908) wurde dank Ezra Pound berühmt, der ihn in Fenollosas Nachlass gefunden und laut eigener Auskunft für die Herausgabe (1918) nur geringfügig überarbeitet hatte. Wie der Titel andeutet, beschäftigt sich Fenollosa darin mit den poesiefördernden Eigenschaften, die er im chinesischen Schriftzeichen gefunden zu haben meint; dies wird von allgemeinen Überlegungen zu Sprache und Dichtung sowie sogar Natur und deren Erkenntnis begleitet.

Literaturhistorisch ist dieser Aufsatz nicht nur wegen seines Einflusses auf Pounds Poetik bedeutsam, sondern auch, weil der Dichter Eugen Gomringer, in dessen Übersetzung von 1972 wir den Text nun erneut vorgelegt bekommen, ihn damals in seiner editorischen Bemerkung als äußerst erhellend im Hinblick auf die Konkrete Poesie geadelt hat.

Als Kernthese von Fenollosas doch etwas chaotischem Text kann man ansehen, dass die chinesische Schrift, im Vergleich zu etwa der lateinischen, durch eine dynamische Bildlichkeit (heute würde man an einen Comicstrip denken) die Natur adäquater erfasse und näher an den Urgründen von Sprache und Poesie sei. Fenollosas Ausführungen sind oft eher durch Emphase und Pathos als durch stringente Argumentation gekennzeichnet. Viele seiner Aussagen über die chinesischen Schriftzeichen sind missverständlich, gewagt oder schlichtweg falsch, worauf auch die Sinologin Monika Motsch in ihrem für diese neue Ausgabe geschriebenen Nachwort eingeht.

Motsch verweist auf psychologische Untersuchungen, die nahelegen, dass die Vorstellung, dass die Wahrnehmung beim Lesen von Sätzen in chinesischer Schrift im Vergleich zu Sätzen in lateinischer Schrift bildlicher sei, größtenteils ins Reich der Fabel gehört. Fenollosa suggeriert eine völlig bildliche Entstehung der chinesischen Schrift, die aufgrund des phonetischen Anteils, der bei den weitaus meisten chinesischen Schriftzeichen vorhanden ist, schlichtweg nicht gegeben ist. Damit hängt auch das Defizit zusammen, dass Fenollosa zwischen Sprache und Schrift (insbesondere auch zwischen Zeichen- und Wortetymologie) nicht oder nur wenig trennt.

Ernest Fenollosa: Das chinesische Schriftzeichen als poetisches Medium. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 95 S., 12 Euro.

Aber unabhängig von der Faktenlage zu Sprache und Schrift der Chinesen ist Fenollosas Aufsatz ein interessanter und komplexer Versuch, eine ziemlich allgemeine philosophische Theorie zu entwickeln. Unter seinen Ausführungen findet sich die sehr treffende und berührende Beschreibung eines besonderen Zustands bei Spracharbeit und insbesondere Übersetzung als „die innere Gedankenwärme, die Wärme, welche die Wortarten schmilzt, um sie nach Belieben umzuformen“; mit der Sentenz „Die wahre Formel für Denken ist: Der Kirschbaum ist alles das, war er tut“, kommt er der Dichterin Elke Erb („Das Gedicht ist, was es tut“) erstaunlich nahe.

Insgesamt ist Fenollosas Text eines von vielen Beispielen für kreative und letztlich bereichernde Missverständnisse gegenüber fremden Kulturen; man denke nur an fehlerhafte Bibelübersetzungen – so wurde ein armes Kamel statt eines Taus durchs Nadelöhr geschickt, und Moses bekam vom heiligen Hieronymus statt Lichtstrahlen Hörner verpasst, die man etwa am Moses von Michelangelo sehen kann.

Die Produktivität des Missverständnisses hängt wohl auch in großem Maße von der Ernsthaftigkeit des Versuchs ab, das „Fremde“ zu verstehen. So sind in diesem Sinne Fenollosas Theorien einer simplen Ästhetisierung, wie man sie oft findet (selbst bei der kyrillischen Schrift, die der lateinischen sehr ähnlich ist, ist mir eine solche schon begegnet), bestimmt bei weitem vorzuziehen. Außerdem war er, wie im Text deutlich wird, offenbar in der Situation, gegen eine eklatante Geringschätzung vieler Zeitgenossen gegenüber ostasiatischen Kulturen ankämpfen zu müssen (man schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man bei ihm liest, welch geringen Wert selbst einige Sinologen damals anscheinend der chinesischen Dichtung beimaßen).

Und so kann man in gewissen Aspekten in Fenollosa auch heute noch ein Vorbild sehen. Zwar sind wir inzwischen in vielem entschieden weiter, wie man zum Beispiel im deutschsprachigen Raum an den deutlich besser reflektierten Versuchen der Dichterin Ann Cotten, sich von den chinesischen Schriftzeichen inspirieren zu lassen, sehen kann. Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass die Tendenz, in anderen Erdenvölkern Außerirdische ausmachen zu wollen, völlig verschwindet.

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