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Erlebte Wirklichkeiten

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Von: Inge Günther

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In diesen Tagen im südlichen Gazastreifen.
In diesen Tagen im südlichen Gazastreifen. © rtr

Innenansichten aus den von Israel besetzten Gebieten, aufgeschrieben von 26 Schriftstellern in dem Band "Oliven und Asche"

Der Fall stach selbst während der „Messer-Intifada“ vor zwei Jahren heraus. Palästinensische Teenager machen Jagd auf Gleichaltrige aus der israelischen Nachbarsiedlung. So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen. Naor, das jüdische Opfer, wurde lebensgefährlich verletzt, Hassan, der Haupttäter, von Polizisten erschossen. Ahmed rannte vor ein Auto, wurde von der aufgebrachten Menge beinahe gelyncht. Zugestochen hatte er selber nicht, wurde aber als Mittäter zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

Geraldine Brooks, eine mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Literatin, hat die diversen Handlungsfäden recherchiert und verknüpft. Die realgetreue Erzählung heißt „Der Taubenzüchter“, in Anspielung auf das Hobby von Ahmed, einem zur Tatzeit 13-jährigen Kind, das bis dahin seine Nachmittage am liebsten im Taubenschlag verbrachte. Die Erzählung ist der fulminante Auftakt einer Anthologie aus Reportagen und Essays zum Palästinakonflikt – ein Thema, das die Welt entweder nicht mehr wahrnehmen will oder mit Begriffen wie Apartheid und Terror versieht. Dieses Buch setzt jetzt auf Tiefenschärfe.

Über 500 Seiten Zustandsaufnahmen

Brooks, die vor dem Romanschreiben als Nahostkorrespondentin für das „Wall Street Journal“ tätig war, gelingt das besonders überzeugend. Die Story von Ahmed, Hassan und Naor packt den Leser jenseits der üblichen Reaktionen von Schock, Entsetzen und billiger Parteinahme.

Nicht alle Kapitel des Sammelbandes „Oliven und Asche“, herausgegeben von dem jüdisch-amerikanischen Autorenpaar Ayelet Waldman und Michael Chabon, entwickeln eine solche Sogwirkung. Über 500 Seiten Zustandsaufnahmen aus der erlebten Wirklichkeit des Nahostkonflikts sind nicht gerade leicht konsumierbar, so glänzend vieles auch geschrieben ist. 26 international bekannte Schriftsteller aus aller Welt, Israel und Palästina inklusive, haben Beiträge geliefert, darunter Reflexionen ihrer Reisen nach Ost-Jerusalem und durch das Westjordanland. Bei der Wahl des Inhalts und ihres Stils hatten sie freie Wahl.

Ausdrücklich betonen die Herausgeber, „dass wir keine politischen Erwartungen an die Autoren hatten“. Initiiert hatte die Einladung allerdings Breaking the Silence, die engagierte, linke Organisation ehemaliger israelischer Soldaten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Vorgänge in den besetzten Gebieten schonungslos offenzulegen. Unparteiisch lässt das niemanden.

Israels Militärbesatzung dauert nunmehr fünfzig Jahre, in denen sich ein schwer durchschaubares Geflecht von Bestimmungen, Verboten, Vorschriften herausgebildet hat. Vieles wirkt willkürlich und irrational, aber dient dem Zweck, Herrschaftsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Das zu dokumentieren, macht selbst Texte auch begnadeter Schreiber streckenweise spröde. Spannender sind die literarischen Reportagen, die aus subjektiver Perspektive Einzelschicksalen nachgehen, so in „Mr. Nice Guy“ der US-Autorin Rachel Kushner, die ein Wochenende mit Baha im Flüchtlingslager Shuafat verbrachte. „Baha hatte ein rares Charisma. Er war der geborene Anführer von Jungs.“ Ein toller Kerl, aber mit „Mr. Nice Guy“ ist die synthetische Billigdroge gemeint, die hier schon die Jüngsten einwerfen. Baha setzt alle Energie daran, ihnen Alternativen zu zeigen, Und ahnt doch schon während Kushners Besuch, in welcher Todesgefahr er schwebt.

Großartig ist auch das Stück „Hundert Kinder“ von Eva Menasse, die in Wien geboren ist und in Berlin wohnt. Sie versetzt sich in die achtjährige Aya, deren Haus in dem Westbank-Dorf Walajeh von einem Monster-Bulldozer zerstört wird. Mit dem Stilmittel der Verfremdung – aus dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wird einer zwischen „Blauweißen und Rotgrünen“ – gelingt Menasse ein Blick aus der Distanz, der ganz nah dran ist.

Hoch aufschlussreich ist ebenso „Liebe in Zeiten von Qalandia“ von Taiyse Selasi, der afrikanisch-britischen Kosmopolitin. Inspiriert von dem offenen Geheimnis um den verstorbenen palästinensischen Nationaldichter Mahmud Darwish, der in jungen Jahren eine israelische Geliebte gehabt haben soll, begibt sich Selasi auf die Suche nach gemischten Paaren. Nicht zuletzt, weil sie in solchen Verbindungen einen Akt der Hoffnung zu erkennen glaubt. Ihre eigene Familie ist ein ethnischer Mix. So naiv die Autorin an die heikle Sache rangeht, Schicht um Schicht dringt sie zum Kern des Problems vor, den Machtverhältnissen, in denen menschliche Gefühle für die andere Seite zum Verrat umgedeutet werden.

Das „Pro-Israel-Lager“ wird sicher einiges an diesem Buch auszusetzen haben. In „Eine Reise ins Westjordanland“ beschreibt der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, wie aus ihm, dem Bewunderer Israels, ein Kritiker seiner Kolonialpolitik gegenüber den Palästinensern wurde. „Mein Bedürfnis, die Existenz dieses Staates zu verteidigen, und zwar eine Existenz mit sicheren Grenzen, hat dabei nicht im Geringsten nachgelassen.“ Aber im Anprangern der israelischen Regierungspolitik sehe er nicht nur eine moralische Pflicht, sondern „wie in meinem persönlichen Fall“, so Vargas Llosa, einen „Akt, der aus Liebe geschieht“.

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