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In der Erinnerungsreuse

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Lokaltermin des Berliner Feuilletons: Günter de Bruyns Besuch Unter den Linden

Seit Die Linden in Berlin preußischer Besitzstand sind, von heute aus gesehen also seit unvordenklichen Zeiten, gehört es zur Etikette, sich zu ihnen zu bekennen. Der Boulevard hat nach Meinungen verlangt. Er hat Haltungen abgerufen. Glaubensbekenntnisse hat er erwirkt. Desertieren ist für den Meinungssoldaten an diesem Ort lebensgefährdend gewesen.

Anfangs waren es aristokratische, später bürgerliche, zwischenzeitlich realsozialistische Appelle gewesen, die sich auf diese Straße richteten wie auf eine Mission. Als Eins-A-Adresse über Berlin hinaus lieferte sie Argumente, um preußisches Anspruchsdenken wach zu halten. Das war naturgemäß mit echten Belastungen verbunden, mit schweren Prüfungen für die politische und historische Perspektive. Wer den Weg durch die Linden-Literatur nahm, konnte die Erfahrung machen, dass dabei immer wieder Geschichtspolitik Spalier stand.

Jetzt hat Günter de Bruyn Die Linden - ja was: begangen, durchschritten? Er hat einzelnen Schauplätzen unter deren Berühmtheiten einen Besuch abgestattet. Bei Bauten und auf Plätzen hat der Autor verweilt, an ihren Fassaden vorbei ist er gebummelt und hat sich von Erinnerungen durch ihre Räume tragen lassen. Zum Streifzug gehört, dass de Bruyn ganz ohne Demonstrationsabsichten den Boulevard durchmessen hat. Und doch gehört zum Streifzug auch, dass der Sechsundsiebzigjährige zum Auftakt seiner Darstellung von der Katastrophe berichtet. Der Prolog zeigt den Himmel über Berlin waffenstarrend: "Am Vormittag des 3. Februar 1945, einem Sonnabend, wurden die Berliner zum zweihundertachtundachtzigsten Mal seit dem Beginn des Krieges durch auf- und abschwellende Töne der Sirenen vor einem Fliegerangriff gewarnt."

Eine solche Perspektive ist sehr weit entfernt von allen Anstrengungen der Zeitgeister und Zeitgeistlichen jüngeren Datums, die Berliner Republik als säkulares Erweckungserlebnis anzuempfehlen.

Mit dem Buch besucht der Leser einen Lokaltermin einer aus der Mode gekommenen Anschauung. Sie beruft sich auf eine Tradition, die nicht auf die systematisch erarbeitete Vollständigkeit aus ist, sondern aufs Anekdotische, das sich zur gelösten Erzählung verknüpft. Man kann in de Bruyns Parlando einen Bummel ohne argumentative Verve ausmachen. Auch geht dem Autor ein Begriff der modernen Architektur genauso ab wie seinem "schönheitsdürstenden Auge" der Blick für die zahllosen Beispiele schäbig-schändlicher Investorenarchitektur. Keine Bosheit, etwa gegen das peinlich-parvenühafte Hotel Adlon, wohl aber das argumentationslose Bekenntnis zum Neuaufbau des Hohenzollernschlosses. Und keine Ungezogenheiten, nicht einmal gegen die Showrooms der Generation Berlin. Alles in allem waltet ein Ton, den man sich in einem Medium über Berlin nur deshalb erlauben kann, weil mit einem verhalten vorgehenden Buch ein Ort aufgesucht worden ist, an dem die Verweilenden oder Skeptiker nicht unter die Räder kommen.

Bei de Bruyn sind Die Linden ein Charakterschauplatz, für den Sarkasmus ungebührlich erscheint. Spott wird delegiert, etwa an Zitate des Feuilletonisten Jules Laforgue, der im Brotberuf ein Vorleser der Kaiserin von 1881 bis 1886 war. Wilhelm I., eine Hohenzollerngeneration später, wird - nun doch von de Bruyn - ein "Prahlhans" genannt, und das ist vollkommen legitim. Denn dies ist eine vorschriftsmäßig-feuilletonistische Bezeichnung, die in der Tradition einer Einrichtung steht, die gerade in Berlin kaum noch gepflegt wird. De Bruyns Buch gibt Fingerzeige auf manches Vorbild, dessen Haltung der Autor insgeheim aufgelesen hat, und darüber ist man als Leser erfreut, etwa wenn ihn mit dieser Promenade ein Hessel-Gedankenflug streift.

Vom Brandenburger Tor bis zum nicht mehr existierenden Schloss ist die Via triumphalis zur Flaniermeile geworden. Mit de Bruyns "Bummelstil" nach berühmtem Vorbild (Fontane), bewegt sich der Leser durch eine pathosfreie Zone, in der bereits ein Wort wie "Vergangenheitsgrübeleien" schrill in den Ohren klingt. Als Erinnerungsreuse verfängt der Boulevard auch heute vom Schlossplatz bis zur Friedrichstraße. Von hier bis zum Brandenburger Tor, das weiß der Benutzer, sind Die Linden nach der Wende zu einem "Flanierkorso" der verpassten Chancen verkümmert, wenn man architektonisch von vielleicht drei, vier Ausnahmen am Pariser Platz (DG-Bank und hoffentlich auch der Akademie der Künste) absieht. Vor allem der abendliche oder nächtliche Lokaltermin (jenseits von einem Aufenthalt in de Bruyns Buch) stellt eine ganz kolossale urbane Ereignislosigkeit vor Augen.

Dennoch millionenfach richtet sich der Blick auch auf diesen Teil einer ehemaligen "Staatsstraße", wie er sich immer schon auf einen Prospekt aus Barock, Klassizismus und Historismus konzentriert hat. Der Lindenblick heftete sich gleichermaßen an architektonische Pracht und preußischen Dummstolz, er war sowohl an Entspanntheit als auch an Verbissenheit interessiert. Das eine wie das andere geschah vereinzelt, auch Schulter an Schulter. Immer wieder verlangte der Zeitgeist obendrein nach der Kolonne, mal im Dienste des Chauvinismus, mal während der Dienststunden der Reue.

Mit Günter de Bruyns historischem Spaziergang Unter den Linden ist die Ankunft in einer Gegenwart erreicht, die auf dieser "Staatsstraße" nach Gelassenheit Ausschau hält. Wenn der Leser es wünscht, kann er dieses Buch als einen Beitrag zur Entropie der Geschichtspolitik lesen. Darf es auch ein wenig mehr sein, dann weiß sich der Neugierige an der Schwelle einer Normalisierung, die er sich gefallen lassen kann.

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