1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Erinnerungen an die Liebe

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Ein Café in Paris, 1941.
Ein Café in Paris, 1941. © Imago

Ein einzigartiges Buch in der Holocaust-Erinnerungsliteratur: Der französische Jude Marcel Cohen rekonstruiert seine frühe Kindheit im besetzten Paris der vierziger Jahre. Was weiß man aus der Zeit als Fünfjähriger?

Von Cornelia Geissler

Ein einzigartiges Buch in der Holocaust-Erinnerungsliteratur: Der französische Jude Marcel Cohen rekonstruiert seine frühe Kindheit im besetzten Paris der vierziger Jahre. Was weiß man aus der Zeit als Fünfjähriger?

In dem Moment, da seine Eltern abgeholt werden sollten, war Marcel Cohen mit der Haushaltshilfe Annette im Park. Bei der Rückkehr verwehrte die Concierge der jungen Frau und dem fünfeinhalbjährigen Jungen den Zutritt. „Vom Gehsteig gegenüber sahen wir dann, wie die Familie einen Lastwagen bestieg.“ Das war am 14. August 1943. Marcel Cohen verdankt der beherzten Concierge, der Haushaltshilfe und einem Freund der Familie, der dem jüdischen Kind falsche Papiere besorgte, sein Leben.

Nachträgliche Erkundung

„Raum der Erinnerung. Tatsachen“, heißt das Buch, mit dem Cohen in jene Zeit zurückgeht. Er schildert alles „was ich erinnere, alles, was ich über meinen Vater, meine Mutter, meine Schwester, meine Großeltern väterlicherseits, zwei Onkel und eine Großtante, der Spuren sich 1943 und 1944 in Auschwitz verlieren, in Erfahrung bringen konnte“. Nur eine angeheiratete Tante kam zurück. Dieses Buch, 2013 in Paris und nun auf Deutsch erschienen, ist singulär in der Holocaust-Erinnerungsliteratur: Erst siebzig Jahre später fügt der Autor zum Bild zusammen, was er aus seinem emotionalen Gedächtnis holen konnte und nachträglich erkundete. Sein Verlust wiegt schwer. Deshalb schärft er bei den tastenden Schritten in jenem Raum der Erinnerung auch den Sinn des Lesers für Zeichen, wirklich erlebte und erzählte. Das Buch kann niemanden unberührt lassen.

Fünfeinhalb Jahre! Was wissen Kinder da vom Leben? Cohen erinnert sich an die Wege an der Hand seiner Mutter, daran, wie sie ihm oft die Kniestrümpfe hochzog. Wenn sie in den Park gingen, trug seine Mutter keinen Stern am Mantel. Sie riskierte, bei einer Kontrolle aufzufliegen. Cohen denkt an seinen Vater, wie er ihn mit Schwung vom Boden nahm und auf die Schultern hob. Wenn er heute ein Kind so getragen sieht, „sage ich mir, dass es wohl kein größeres Glück geben kann: der leichte Taumel und die Bangigkeit“. Er formuliert es nicht wörtlich, doch all die Gefühlsfetzen zeigen: Er erinnert sich, geliebt worden zu sein.

Die Deportation, als die Schwester "alt genug" ist

Die faktischen Quellen des Autors sind spärlich; er schöpft sie akribisch aus. So legte er zwei Fotos, die seinen Vater mit einer Geige zeigen, Violinisten vor, damit sie aus seiner Haltung schließen, wie er das Instrument beherrschte. Er kann sich nicht erinnern, ihn damit erlebt zu haben.

Oder er fragt Hautärzte, warum ihm seine Mutter so schnell gealtert erschien. Die 28-Jährige war mit Marcels am 14. Mai 1943 geborener Schwester Monique in einem Gefängnis-Krankenhaus festgehalten worden, dort hat er sie noch mit einem Onkel besucht. Das Baby sollte erst das für die Deportation „erforderliche“ Alter von einem halben Jahr erreichen. Der Mutter fielen die Haare büschelweise aus. Diffuse Alopezie lautet die rückwirkende Diagnose. „Diese ist immer mit einer schweren emotionalen Erschütterung verbunden und erfasst ganze Zonen der Kopfhaut.“ Maria und Monique Cohen gehörten zum Transport Nr. 63 vom 17. Dezember 1943; der Vater Jacques wurde bereits am 2. September deportiert.

Marcel Cohen erzählt auch vom Traum sephardischer Juden aus Istanbul, in Frankreich eine Heimat zu finden. 1939 wollte sein Vater sich mit einem Schwager freiwillig melden, „man sagt ihnen, die französische Armee brauche keine Juden“. Während der deutschen Okkupation empfehlen Freunde, aus Paris wegzugehen. Doch der Großvater erklärt: „Nur Diebe und Mörder verstecken sich.“ Und dann wurden sie wie Verbrecher abgeführt.

Auch interessant

Kommentare