+
Erika Mann im Jahr 1953.

Literatur

Erika Manns „Zehn jagen Mr. X“: Die Kinder der Vereinten Nationen

  • schließen

Zur Neuausgabe von Erika Manns Roman für junge Leser „Zehn jagen Mr. X“.

An diesem Buch hängt viel Geschichte. Doch um daran Freude zu haben, dem Spannungsbogen zu folgen und seine Helden liebzugewinnen, braucht man keinerlei Vorwissen. Es ist für Kinder geschrieben, und die wenigen Dinge, die sich nicht von selbst erklären, sind in einem Glossar aufgelöst.

„Zehn jagen Mr. X“ ist ein Abenteuerbuch: Die jungen Helden lehnen sich gegen Erwachsene auf, die Unrechtes getan haben. Dieses realistische, sozialkritische Handlungsmuster gibt es in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa mit Wolf Durians „Kai aus der Kiste“ (1927), Erich Kästners „Emil und die Detektive“ (1929) und Lisa Tetzners Serie um die „Kinder aus Nr.67“ (ab 1933). „Zehn jagen Mr. X“ ist im Herbst 1942 erstmals herausgekommen, und er passt gut in diese Reihe.

Erschienen ist der Roman damals allerdings auf Englisch, in New York. Die beiden Verleger Fritz Landshoff und Gottfried Bermann Fischer kannten die Autorin und ihre Familie, sie waren Emigranten wie sie: Erika Mann, die Tochter von Katia und Thomas Mann, lebte seit 1936 in den USA. Erika Mann hatte schon in den dreißiger Jahren Bücher für Kinder geschrieben, etwa „Stoffel fliegt übers Meer“ (1932 erschienen), sie widmete sich dann aber stärker der Publizistik und dem Kabarett.

Erika Mann: Zehn jagen Mr. X. A. d. Engl. v. Elga Abramowitz. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 270 S., 15 Euro.

„Zehn jagen Mr. X“ spielt in einer fiktiven Stadt in Kalifornien, der Zweite Weltkrieg tobte in Europa, die USA sind bereits den Alliierten beigetreten. Die Ich-Erzählerin, eine junge Journalistin, hat zu einer Gruppe von Kindern Kontakt, die immer größer wird: Ihre Eltern sind aus Europa geflohen. Bei ihren Treffen bilden sie Mini-UN, eine Versammlung gleichberechtigter Stimmen. Und darin wirkt das Buch sehr aktuell. Björn denkt gern an die Berge Norwegens, aber ungern an die Umstände der Flucht. Iwan und Madeleine müssen die Sprache noch lernen. Und als die Kinder ein Treffen mit den Hymnen ihrer Länder beginnen, ist Frank der einzige, der nicht singen will, denn „er wollte kein Deutscher mehr sein, war aber noch kein Amerikaner“.

Vereint sind die Kinder darin, einen Spion zu enttarnen. Sie sehen das als ihre Aufgabe im Krieg und begeben sich dafür auf eine Jagd mit brenzligen Situationen, von Erika Mann rasant erzählt. Erst viele Jahre nach ihrem Tod 1969 gab es das Buch in einer deutschen Ausgabe. Das war 1990 im Kinderbuchverlag der DDR und wurde damals kaum wahrgenommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion