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Erich Fried vor einer Lesung in seinem Todesjahr, 1988.
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Erich Fried vor einer Lesung in seinem Todesjahr, 1988.

Lyrik

Erich Fried zum 100. Geburtstag: Liebe, und immer wieder Liebe

  • VonBjörn Hayer
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Er galt als Moralist und vielen als Protestlyriker und suchte doch in allem das Mitgefühl. Zum 100. Geburtstag des Dichters Erich Fried.

Am Anfang ist die Angst, eine Einsamkeit so groß wie Europa. Nachdem sein Vater infolge eines Verhörs durch die Gestapo 1938 stirbt, muss der gerade einmal 17-jährige Jude Erich Fried nach London fliehen. Wenn der Lyriker in späteren Texten über diese traumatischen Umstände schreibt, dominieren Motive der Heimatlosigkeit und der Beklemmung. Es gibt für ihn wie für viele andere emigrierte Zeitgenossen, darunter Paul Celan oder Wolfgang Hildesheimer, bald nur noch ein Mittel zum Überleben: das Schreiben als Suche nach dem verlorenen Ort, als Bewältigung des Schreckens.

Für Fried, am 6. Mai 1921 in Wien geboren, bedeutet diese poetische Autotherapie im Laufe der Zeit vor allem den Angriff. Seine dichterischen Zeugnisse, vor allem seit den 60er Jahren, stehen daher selbstbewusst im Zeichen der politischen Kritik. Zu den prominentesten zählen mithin seine Vietnam-Gedichte (1966) oder all jene, die unter dem Schlagwort „Protestlyrik“ verhandelt werden. Mal findet sich in solchen Texten, zuhauf abgedruckt auf Flugblättern, die Bewunderung für Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof, mal ein Abgesang auf die Demokratie zu Zeiten des Deutschen Herbstes. Sie sei, wie es in „Winterreise“ (1976) heißt: „gekentert / bedeckt mit Blut / und Papier“.

Nicht wenige werfen dem Dichter Polemik vor oder diffamieren seine Werke als Agitation. Dass Fried, gewiss ein Ethiker der Literatur, es sich jedoch nie einfach machte, zeigte insbesondere seine Skepsis gegenüber der israelischen Politik. Mit seiner Kritik am Zionismus und der Gewalt gegen die Palästinenser positionierte er sich für die Entrechteten, wobei er auch seinen jüdischen Hintergrund mitreflektierte: „Nicht als (…) Feind / von Hass gegen euch entzündet / ich spreche als einer von euch / der auch Irrwege kennt“, schreibt er in dem mittlerweile kanonischen Poem „Höre, Israel!“ (1974).

Wer wie der Schriftsteller selbst so viele aus Ausgrenzung und Entwurzelung hervorgegangene Narben mit sich trägt, kann dem Zorn verfallen oder – im Gegenteil – ein ausgeprägtes Mitgefühl empfinden. Fried wählt die zweite Möglichkeit und müht sich in all seinen Werken um Empathie, die nicht mit Verzeihung gleichzusetzen ist. Sogar das Handeln jener, die für sein familiäres Unglück Verantwortung tragen, versucht er zu verstehen.

Zuletzt wird dies in dem soeben erschienenen Band „Der Dichter und der Neonazi“ von Thomas Wagner deutlich (Klett-Cotta, 176 S., 20 Euro). Der Autor dokumentiert hier die bislang kaum bekannte jahrelange Korrespondenz zwischen dem inhaftierten Rechtsextremisten Michael Kühnen und Fried. Von Feindseligkeit ist darin so wenig zu spüren wie übrigens in dem einzigen Roman des Büchner-Preisträgers, „Ein Soldat und das Mädchen“ (1960). Geschildert wird in diesem mutigen Frühwerk die letzte Nacht einer zum Tode verurteilten KZ-Aufseherin mit einem amerikanischen Soldaten. Kann hinter einem Monster ein guter Mensch sein? Möglicherweise ja. Nichts ist Fried so fremd wie die Annahme einer kollektiven Schuld.

Sein Blick hat stets das individuelle Wesen im Blick – eine zutiefst humanistische Haltung, die auch seine Liebeslyrik prägt. Indem sich Fried ihr Ende der 70er Jahre verstärkt zuwendet, verbreitert er nicht nur den Kreis seines linksprogressiven Publikums um bürgerliche Leserinnen und Leser, sondern zeigt sich auf der Höhe seines Schaffens. Hierin entfaltet der Dichter seinen an Brechts Lakonie geschulten Stil. Das Credo lautet: Je kürzer und pointierter die Verse ausfallen, desto existenzieller und intensiver wirken sie.

Sie sind durchdrungen von sämtlichen amourösen Erfahrungen, von der ersten Verzückung bis hin zum Trennungsschmerz. Und immerzu besteht der Anspruch in der Wahrung der Integrität des Einzelnen und seiner uns oft verborgenen Geschichte: „Das Leben / wäre vielleicht / einfacher / wenn ich dich / nicht getroffen hätte // Es wäre nur nicht / mein Leben“ (1983). Mögen die entlarvenden politischen Miniaturen, wie Peter Rühmkorf es einmal sagte, einem „Dechiffriergerät“ gleichen, so wohnt seinen gefühlvollen Versen zumeist ein Geheimnis inne – eben all die Leerstellen, in denen wir all unsere eigenen Liebesmomente zu erkennen glauben.

Doch mit diesem unergründlichen Zentrum hat es möglicherweise noch eine andere Bewandtnis. Offenkundig wird sie in seinem Poem „Du“ aus dem berühmten Band „Liebesgedichte“ (1979): „Wo keine Freiheit ist / bist du die Freiheit / Wo keine Würde ist / bist du die Würde / Wo keine Wärme ist / keine Nähe von Mensch zu Mensch / bist du die Nähe und Wärme / Herz der herzlosen Welt“.

Sicherlich dürfte dieses Beispiel für manche den Fried oft entgegengebrachten Kitschverdacht erklären. Sieht man allerdings von dieser simplen Aburteilung ab, so sagen diese Antithesen viel über dessen Denken aus. Nachlesbar in den Büchern, die der Wagenbach-Verlag seit Jahrzehnten herausgibt und pflegt, veranschaulichen sie zum einen die dialektischen Verfahren dieses Autors, dessen Tendenz zum erkenntnisstiftenden Abwägen unterschiedlicher Pole, zum anderen verdeutlichen sie den hehren Begriff der Liebe des mehrfach geschiedenen Vaters an sich.

Wo die Welt zusammenzustürzen droht, bietet sie den letzten Schutzraum. Sein Fundament ist nichts mehr und nichts weniger als die Poesie selbst. Sie hat Fried, der bis zu seinem Tod 1988 fast jährlich einen neuen Band publiziert, durch sein äußerst bewegtes Leben getragen.

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