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Eric Pfeil: „Azzurro. Mit 100 Songs durch Italien“ – Wenn permanent die glutrote Sonne ins Meer plumpst

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Galionsfigur des Italo-Pop: Adriano Celentano 2012.
Galionsfigur des Italo-Pop: Adriano Celentano 2012. © Imago

Eric Pfeils „Azzurro. Mit 100 Songs durch Italien“. Von Jens Buchholz

Es gibt zwei Bücher, die man gelesen haben muss, wenn man die katholisch geprägte Seele Italiens verstehen will. Das eine ist der „Immerwährende Päpstekalender“ von Albert C. Sellner. Bei der Lektüre dieses Buches öffnet sich das Tor zur Hölle. Man erfährt Abgründiges und Grausames über das unheilige Leben der Päpste von der Antike bis zur Gegenwart. Das zweite Buch ist Eric Pfeils „Azzurro. Mit 100 Songs durch Italien“. Bei diesem Buch öffnen sich die Pforten des Paradieses. Es berichtet von den Heiligen und Märtyrern des Italo-Pop, aber auch von den Sündern und Häretikern. Bei Pfeils Buch lohnt sich nicht nur das Lesen, es lohnt sich auch das Hören. Denn das Buch öffnet seinen Leserinnen und Lesern einen ganzen sonischen Kosmos. Der Autor stellt 100 italienische Popsongs, ihre Interpret:innen und Autor:innen vor. Dazu kurz und prägnant den zeitgeschichtlichen Kontext.

Italienischer Pop, das lernt man bei Eric Pfeil, spielt sich zwischen zwei Polen ab. Zwischen den cantautori, also der italienischen Variante des Singer/Songwriters (und die Heiligen des Italo-Pop), und dem San Remo Festival (dem Vatikan des Italo-Pop). Über allem thront natürlich der göttliche Adriano Celentano. Nicht umsonst ist das Buch nach dessen berühmtestem Song „Azzurro“ benannt.

Revolutionär, Reaktionär

„Celentano ist Depp und Visionär, Revolutionär und Reaktionär, Mythos und Nervensäge, Christ und Clown, Prediger und Zwischenrufer, Exzentriker und Mann des Volkes“, beschreibt Pfeil ihn im Text zum Celentano-Hit „I want to know“. Ein Song, der in Deutschland nicht besonders populär war. Im Gegensatz zu „Azzurro“. Der unsterbliche Hit, den sein Komponist Paolo Conte im bewegten Sommer 1968 dem Interpreten Celentano erst einmal aufschwatzen musste. Conte war einer jener Musiker, die im „Clan Celentano“ (eine Art Italo-Pop-Apostel) zur Rechten des Chefs Platz nehmen und Songs liefern durften.

Ab Mitte der Siebzigerjahre machte der cantautori Conte dann mit seinen Songs selber Karriere. Unter anderem mit dem schönen „Un gelato al limon“, das im Buch ebenfalls beschrieben wird.

Das Buch

Eric Pfeil: Azzurro. Mit 100 Songs durch Italien. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 368 Seiten, 14 Euro.

Die musica leggera ist das italienische Pendant zur Popmusik. Und die findet besonders aufsehenerregend und quotenstark beim alljährlichen San Remo Festival statt. Dazu erzählt Pfeil die Geschichte des großen Häretikers und Märtyrers der musica leggera Luigi Tenco und seines Songs „Ciao Amore, Ciao“. Tenco erschoss sich in seinem Hotelzimmer, nachdem er mit seinem Song nicht das Finale des Wettbewerbs in San Remo erreicht hatte. „Ich tue das nicht, weil ich des Lebens überdrüssig bin (ganz im Gegenteil), sondern als Akt des Protests“, zitiert Pfeil den Abschiedsbrief des Sängers. Er protestierte gegen ein Publikum, das seiner Ansicht nach nur seichte Schlager ins Finale gewählt hatte. Tencos Song wurde später von Dalida, die im Fernsehen öffentlich um ihn weinte, zum Hit gemacht. Der Sänger selber wurde zum Heiligen und Märtyrer.

Anrührend ist die Geschichte der Sängerin Mina, deren Stimme drei Oktaven umfasste, sodass sich sogar Louis Armstrong veranlasst sah, sie als „the greatest white singer in the world“ zu bezeichnen. Nicht nur deshalb wurde sie „die Tigerin von Cremona“ genannt.

Mina hatte es gewagt, ein Kind ihres verheirateten Lovers zur Welt zu bringen und sich nicht dafür zu schämen. Ein absolutes Tabu im erzkatholischen Italien der Sechzigerjahre. Der Fernsehsender RAI boykottierte daraufhin die junge Sängerin. Ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit machte sie zum Rollenmodell für viele junge Frauen in einer ähnlichen Situation. Sie entwickelte sich zur großen Diva der musica leggera. Über ihren Hit „Il Cielo in una Stanza“ schreibt Eric Pfeil: „Wem hier nicht alle Kronkorken der Begeisterung rausknallen, der ist wohl für die italienische Populärmusik verloren und sollte es vielleicht mit norwegischem Doom-Metall versuchen.“

Richtig lustig wird es immer dann, wenn Pfeil seinen Emozioni stilistisch freien Lauf lässt und liebevoll die Sünder der musica leggera beschreibt. Beispielsweise, wenn er über Al Bano und Romina Power meint: „Das Paar gehört in den 80ern mit seinen von allen Subtilitäten befreiten Schlagern zu den ungeniertesten Verkäufern eines Italienbildes, in dem permanent irgendwo die glutrote Sonne ins Meer plumpst und sich immer wieder amore auf dolore reimt.“ Die beiden seien das Touristenmenü des Italo-Pop. Herrlich auch, wenn er, einen alten Werbespruch für „die längste Praline der Welt“ aufgreifend, über Italo-Disco schreibt: „Für die einen ist Italo-Disco die unschuldigste Verführung seit der Erfindung der pinken Wasserpistole, für die andern stellt das Genre den Untergang des Abendlandes mit Schulterpolstern dar.“

Eric Pfeils Stil ist nicht einfach eine rhetorische Marotte. Er vermittelt die manchmal schrille und manchmal stille Ironie der italienischen Popkultur, die emotional immer einen halben Millimeter über der roten Linie in Richtung Wahnsinn ist. „Ein Sänger ist jemand, der ein Gefühl vermittelt…“, zitiert der Autor den von ihm als Leonardo da Vinci der italienischen Popmusik betitelten Sänger Lucio Battisti. Pfeil versammelt die Vergangenheit und die Gegenwart der musica leggera in seinen 100 Songs. Er durchstreift Italien von Süden nach Norden und von Norden nach Süden. Und alle sind da. Bekannte und Unbekannte. Neben Adriano Celentano auch Eros Ramazotti („der Phil Collins des Latin Pop“) über Gianna Nanini bis zur blitzsauberen und skandalfreien Eurovision Song Contest Moderatorin Laura Pausini. Nichts ist ihm zu anspruchsvoll und nichts zu flach. Es ist Allerheiligen im Lande der musica leggera.

Bleibt noch die Frage, wie der aus Bergisch Gladbach stammende „Rolling Stone“-Kolumnist und Sänger Eric Pfeil zu seiner Italienliebe kam? Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ist schuld! Er organisierte die Italienreise, auf die die Eltern Pfeil den Teenager Eric mitnahmen. Eine Reise mit allem Pipapo sei es gewesen, schreibt er: „Papstaudienz, Kolosseum-Besichtigung, acht Kugeln gelato vorm Pantheon und dergleichen.“ Und da passierte es: „Hier, auf einer Fahrt mit der CDU-Ortsgruppe Bergisch Gladbach nach Rom, entflammte meine große Leidenschaft für Italien.“ Ein Glück für die Leserinnen und Popmusikfreunde, mit denen er jetzt in „Azzurro“ seine Leidenschaft teilt. Wer nach diesem Buch keine Italo-Pop-Epiphanie erlebt, soll für immer im Fegefeuer des norwegischen Doom-Metall schmoren!

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