Erhofftes Wiedersehen

Vom neuen Reiz der Werke Wolfdietrich Schnurres, der am Sonntag 90 geworden wäre. Zu seinen Ehren erscheint ein Erzählband.

Von Rolf-Bernhard Essig

Auch Haken zu schlagen kann Freiheit bedeuten, jedenfalls für Momente. So wählte Wolfdietrich Schnurre (1920 in Frankfurt geboren, 1989 in Kiel gestorben) das Bild der verzwickt verzweifelten Hasen-Flucht vor dem Tod als eine der zentralen Metaphern seines Romans „Der Schattenfotograf“. Der überrascht den Leser seinerseits wie ein fliehender Hase: Man fiebert mit, spürt Sympathie und ästhetisches Vergnügen.

Ohne Zweifel ist der „Schattenfotograf“ Schnurres bestes Buch. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Roman handelt? Für den neugierigen Leser eher nicht, der eine Wundertüte reichsten Inhalts findet, anfangs verwirrend, sehr bunt, höchst bereichernd: Autobiografisches steht neben Schreibreflexionen, mancher Brief an Kollegen neben Ideen für neue Werke, Aphoristisches neben Kommentaren zu Ereignissen der 70er Jahre oder Naturbeobachtungen. Das Jüdische spielt eine schillernde Rolle. Schon beim Durchblättern des Buches fallen die vielen Lücken zwischen den kurzen und kürzesten Abschnitten auf, die Denkfreiräume, die Sprünge erlauben.

Schnurre erweckt den Eindruck, „Der Schattenfotograf“ sei ein Notizbuch, das er als Lichtenberg-Verehrer in dessen Manier führe, indem er alles aufschreibe, was ihm durchs Gehirn schieße. Darin verborgen ist allerdings ein bis ins Detail komponiertes Werk. Über die Kapitel hinweg ziehen sich Motivketten, Figuren, Themen, und auch die Ansätze zu neuen Werken kann man sich hier zusammenlesen. Drei autobiografische Erzählstränge halten die 14 Kapitel zusammen: Schnurres Kindheit, Jugend und Soldatenexistenz, dann die Zeit seiner 18-monatigen Lähmung und langsam erkämpften Genesung, schließlich die Schreibzeit selbst, Mitte der 70er, in der er mit seiner damaligen Frau Marina und dem Sohn Nenad zusammenlebt.

Ein Autor mit aufklärerischen Absichten – das mag manchen heutigen Leser irritieren

Wolfdietrich Schnurre gehörte in dieser Zeit zu den angesehenen Autoren, aber nicht zu den großen. Arbeiten für Film und Fernsehen ermöglichten ein gutes Auskommen, seine Bücher wurden – nicht zuletzt als Schullektüre – auch lange nach Erscheinen gekauft. Allerdings waren das fast ausschließlich Erzählungsbände.

Der Berlin Verlag hat nun zum Jubiläum neben dem „Schattenfotograf“ auch den Erzählungsband „Funke im Reisig“ veröffentlicht. Leider sparte man sich Herausgeber, Erläuterungen, Erscheinungsdaten. Denn Schnurres Erzählungen behandeln zwar selten explizit Zeitfragen, wurzeln aber oft in ihrer Zeit. Das betrifft die berühmte, schnoddrig lakonische Geschichte „Ein Begräbnis“, mit der Schnurre die erste Sitzung der Gruppe 47 eröffnete, es gilt genauso für die böse Militärposse „Das Manöver“ von 1953, geschrieben ein Jahr nach dem Beitritt der BRD zur „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“. Die Kriegserfahrungen Schnurres spielen hier wie in die meisten Werke direkt oder indirekt hinein. Was er selbst mit der Wendung „sechseinhalb Jahre sinnlos Soldat“ bezeichnete, muss traumatisch gewesen sein.

Das Schuld-Bewusstsein war eine Quelle für den Moralisten Schnurre, eine zweite seine sozialistische Erziehung, eine dritte sein Vater. Verschiedentlich warf man ihm Harmlosigkeit und Humanismus vor, und tatsächlich kann einem Schnurre – wie alle guten Moralisten – manchmal auf den Wecker fallen. Das liegt schon an den Protagonisten seiner Erzählungen, häufig Kinder, die sich in der ungerechten Welt nicht einrichten können, die sich mit Behinderten, Mördern, Zigeunern, Juden, Außenseitern anfreunden. Doch er verniedlicht sie nie, zeigt auch ihre moralische Indifferenz, ihre Lust an Grausamkeit, ihre Gemeinheit – wie in „Steppenkopp“, „Die Tat“ oder „Reusenheben“. Schnurre verstand die Kurzgeschichte als „Kritik und Waffe“, wie ein programmatischer Essay heißt. Schon das mag heutige Leser irritieren, die auf Haltung und aufklärerische Absichten bei Autoren nicht eingestellt sind.

Die klare Handlung und Dialogführung – oft in Umgangssprache – haben die Kritik die sprachliche Genauigkeit und gestalterischen Finessen Schnurres übersehen lassen, der sich an Kleist wie Hemingway, Faulkner und Djuna Barnes geschult hatte. Er versteckte – frei nach Hofmannsthal – Tiefe an der Oberfläche. Parallelen mochte er, Umkehrungen, Binnenerzählungen, unauffällige Parodien, auch Melodramatisches und Überdeutlichkeit, wenn es nur Wirkung versprach. Und der Lyriker Schnurre begegnet dem Leser in so wissenden wie bildstarken Naturbeschreibungen, etwa in „Das Haus am See“.

Das alles findet sich im „Schattenfotograf“ wieder, fragmentarisiert und zugleich in der Gesamtkomposition aufgehoben. Schnurre hält hier Gerichtstag über sich selbst, spöttisch, skeptisch, illusionslos und gar nicht bitter: „Vermutlich wird man (wenn überhaupt) mit extrem anderem überdauern, als man es sich wünscht. Wie Morgenstern mit dem Palmström, ich mit dem Pudel Ali (einer Ästhetensatire in Notaten) wahrscheinlich, der, obwohl 1952 geschrieben, immer noch unverdrossen als Originalband und als Taschenbuch läuft.“

Schnurres Humor und Fantasie befreien sich im „Schattenfotograf“ auf schöne Weise, wenn er etwa Goethe einen Aaltraum in den Mund legt. Unpeinlich ehrlich und berührend legt er angesichts von Krankheit und Todesnähe Rechenschaft ab über seine Verfehlungen, seine Ehen, seine Schreibverfallenheit: „Zusammenfassung: Wer so porös geplant ist wie ich, der sollte sich beizeiten an Verdichtendes halten. Als da sind: Liebe, Philosophie – und der literarische Essigschwamm.“

Gerade die Einblicke in die intellektuellen Abenteuer wirken weiterhin, da Schnurre bei aller Bewunderung für die Denker unterschiedlichster Traditionen und Kulturen immer misstrauisch bleibt, sich und anderen gerne widerspricht. Unaufdringlich regt das zum Selberdenken an und zur Frage, ob der Eindruck des Altmodischen, der sich dann und wann einstellt, nicht weniger mit dem Buch zu tun hat als mit uns.

Wolfdietrich Schnurre: Der Schattenfotograf. Roman. Vorwort v. Wilhelm Genazino. 532 S., 28 Euro. Funke im Reisig. Erzählungen 1945-1965. 410 S., 26 Euro. Beide Berlin Verlag 2010.

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