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Michael Schumanns kritische Industriesoziologie

Von Malcolm H. Dunn

Im Jahr 1970 erschien die weithin beachtete industriesoziologische Studie Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein von Horst Kern und Michael Schumann, in der die damals vorherrschende tayloristisch-fordistische Organisation industrieller Arbeit empirisch untersucht und auf ihre Konsequenzen für das Arbeiterbewusstsein hin analysiert wurde.

Kennzeichen der damaligen Organisationsphilosophie sei die systematische Untersuchung der Arbeitsabläufe mit der Zielsetzung gewesen, durch deren Zerlegung in einzelne Bestandteile die "totale Herrschaft über die Arbeit" zu erlangen. Der Handlungsspielraum der Arbeiter sollte eingeschränkt, Drückebergerei, Faulheit, mangelnde Disziplin und Aufmüpfigkeit an der Wurzel bekämpft werden, indem den Arbeitern das von ihnen verborgen gehaltene Produzentenwissen entzogen wurde. Für die Arbeiter war die Durchsetzung dieses Organisationskonzepts daher vor allem mit "Dequalifizierung, Degradierung und Entmachtung" verbunden.

Doch Mitte der achtziger Jahre trat in vielen deutschen Betrieben ein dramatischer Wandel hin zu einer "postfordistischen Arbeitsorganisation" ein. Von "lean-production" und "teamwork" war plötzlich die Rede. In Abkehr von der tayloristischen Arbeitsteilung galten nun "Reprofessionalisierung", "Abbau von Hierarchien" und "Selbstverantwortung" als Bausteine effizienter Arbeitsorganisation. Nicht mehr der angepasste, sondern der flexible, zur Selbstorganisation fähige Facharbeiter wurde als Leitbild propagiert.

Konnte die Entfremdung der Industriearbeit dadurch gemindert und daher ein gesellschaftlicher Fortschritt erreicht werden - oder diente das neue Produktionskonzept lediglich der betrieblichen Effizienzsteigerung mit der Folge zunehmenden Leistungsdrucks und wachsenden körperlichen und psychischen Verschleißes? Der Beantwortung dieser Fragen widmen sich mehrere Aufsätze, die Michael Schumann (teilweise zusammen mit Horst Kern, Detlef Gerst und Martin Kuhlmann) seit Mitte der achtziger Jahre bis heute veröffentlicht hat. Sie wurden überarbeitet, um einige Beiträge ergänzt und in dem Sammelband Metamorphosen von Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein nun einem breiten Publikum erneut zugänglich gemacht.

Der theoretische Bezugspunkt all dieser Aufsätze ist die Kategorie der "Entfremdung", die bekanntlich ihren historischen Ausgangspunkt in der Marxschen Analyse des Industriekapitalismus hat. Überhaupt wird die Marxsche Diktion in diesem Buch recht häufig bemüht. Von "Arbeitern" (statt "Mit"arbeitern), "Kapitalismus" (statt "Marktwirtschaft"), "Ideologiekritik" und ähnlichem mehr ist oft die Rede. Kein Zweifel, der Autor trägt sein Herz offen links.

Umso überraschender ist die zentrale These dieses Buches, denn Schumann beantwortet beide Fragen positiv und hält diese Ambivalenz auch 175 Seiten lang konsequent durch: Ja, auch die neuen dienen - so Schumann - dem Zweck, die Produktivität und damit den Gewinn der Unternehmen zu steigern, indem die Leistungsbereitschaft, die Arbeitsflexibilität und der Druck erhöht wird, sich aktiv an betrieblichen Optimierungen zu beteiligen. Schumann macht keinen Hehl daraus, dass die Gruppenarbeit häufig zu einem beachtlichen Leistungsdruck führt, der vor "Selbstausbeutung" nicht Halt macht. "Industriearbeit bleibt Lohnarbeit", stellt er kritisch fest.

Allerdings hält er dies nicht für einen Einwand gegen die neuen Formen der Arbeitsorganisation und begründet das damit, dass diesen Gefahren auch Vorzüge gegenüberstünden: Die Arbeit werde abwechslungsreicher, weise weniger destruktive Züge auf, erweitere die Chancen, sich auch als Subjekt in ihr wiederzufinden, so dass sich die Arbeiter nicht mehr per se als Rationalisierungsverlierer verstehen.

Sehr tröstlich hören sich diese vermeintlichen Chancen moderner Arbeitsorganisation auch in den Worten Schumanns nicht an. Da scheint doch vielleicht eher "Ideologiekritik" angesagt zu sein! Stattdessen überrascht Schumann den Leser erneut damit, was er für kritikwürdig hält und was nicht. Am Verhalten der Arbeiter hat Schumann schon mal gar nichts auszusetzen. Das verwundert, immerhin machen sich diese den Betriebserfolg auch zum eigenen und nehmen dafür laut Schumann häufig eine "intensive Arbeitskraftvernutzung", "Entlohnungsungerechtigkeit" und "Beschäftigungsunsicherheit" billigend in Kauf. Wäre das nicht mal ein guter Grund, das "Arbeiterbewusstsein" zu kritisieren?

Und einen grundsätzlichen Einwand gar gegen die moderne Arbeitsorganisation, die all diese Konsequenzen zeitigt, sucht man ohnehin vergeblich. Schumann kann der Gruppenarbeit einfach zu viel Positives abgewinnen und verweist dabei ausgerechnet auf die wachsende Arbeitersolidarität als sozialen Lernprozess. Zu Unrecht, denn die Solidarität der Arbeiter wiederum verweist stets auf unerfreuliche Verhältnisse, gegen die man sich nur gemeinsam wehren kann und muss. Ein positiver Wert ist diese Solidarität gewiss nicht!

Wirklich kritisch wird die Industriesoziologie Schumanns erst gegenüber den Unternehmen. Diese hätten unter dem Druck der Globalisierung, des "share holder value"-Kalküls und "short-terminism" die erreichten Produktivitätsvorteile der neuen Arbeitsorganisation in den letzten Jahren vermehrt kurzfristigen Profitinteressen geopfert und seien allzu oft zu den alten, längst überholt geglaubten tayloristischen Konzepten zurückgekehrt. Als Vertreter einer kritischen Industriesoziologie sieht Schumann in dieser Entwicklung große Gefahren. Es fragt sich allerdings: für wen?

Einmal für die Unternehmen, die auf den größeren Produktivitätsvorteil des postfordistischen Produktionssystems und damit auf langfristig höhere Renditen leichtfertig verzichten. Denn da ist sich Schumann ganz sicher: Unter der neuen Arbeitsorganisation lässt sich die Arbeitsleistung zum Nutzen der Unternehmung erheblich steigern.

Gefahren ergeben sich aber auch für die Arbeiter - zwar nicht wegen der höheren Arbeitsbelastung, die ist bezweckt und muss wegen der Produktivitätssteigerung schon sein! -, sondern weil es den Arbeitern und der Unternehmensleitung dann nicht mehr gelingt, "fremdbestimmte Lohnarbeit" und "selbstbestimmtes Arbeitsverhalten" "zu verkoppeln". Als Arbeiter sich den Betriebserfolg auch zum eigenen machen und sich dafür intensiv vernutzen lassen soll "selbst"bestimmtes Arbeitsverhalten sein?

Nicht zuletzt sieht der kritische Industriesoziologe, der seine "Empathie für das Schicksal der Beherrschten" einfach nicht verleugnen mag, auch große Gefahren für den Industriestandort Deutschland. Der droht nämlich, seine "dauerhafte Konkurrenzfähigkeit" ohne zusätzliche Investitionen in das Human-Kapital seiner Industriearbeiter und die dadurch gestiftete soziale Konsensfähigkeit zu verspielen. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die ausländischen Unternehmen nicht auf die gleiche prima Idee kommen, postfordistische Produktionssysteme einzuführen - oder?

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