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Veränderung des Leistungsprinzip

Erfolg, der zählt

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Immer mehr Leute sind erfolgreich, ohne etwas im traditionellen Sinne geleistet zu haben. Und Leistung wird nicht zwangsläufig mit Anerkennung belohnt. Sighard Neckels Soziologie des kulturellen Kapitalismus.

"Seit wann wird denn ein Vorstand", fragte Wendelin Wiedeking, der Vorstandsvorsitzende von Porsche, noch vor der Finanzkrise in einem Interview, "nach Stunden bezahlt? Auch bei einem Michael Schumacher, einer Julia Roberts oder einem Thomas Gottschalk wird es niemandem einfallen, den Stundenlohn auszurechnen." Abgesehen davon, dass derlei Rechenschiebereien für irgendwelche Boulevard-Rankings gewiss schon praktiziert wurden, kann man Wiedekings Äußerung historisch nennen. Das Zugehörigkeitsgefühl der Manager zum Starsystem dürfte sich angesichts der globalen Wirtschaftskrise kaum noch so ungeniert artikulieren.

Im Kontext soziologischer Beobachtung lässt sich an dem Statement ablesen, dass die Maxime des Leistungsprinzips, derzufolge Aufwand und Ertrag in einem Entsprechungsverhältnis stehen, ihre Bedeutung weitgehend verloren hat. Immer mehr Leute sind erfolgreich, ohne etwas im traditionellen Sinne geleistet zu haben. Und Leistung wird nicht zwangsläufig mit Anerkennung belohnt.

Wie kein anderer hat der Soziologe Sighard Neckel in den letzten Jahren auf Paradoxien dieser Art aufmerksam gemacht und sie zu einer Soziologie der Gefühle verdichtet. Neckels Arbeiten über Begriffe wie Neid, Unterlegenheit und Scham ergeben längst ein Glossar zur Kultursoziologie moderner Gesellschaften.

In dem Band "Flucht nach vorn" sind jüngere Arbeiten Neckels zusammengefasst, die einen kulturellen Kapitalismus in den Blick nehmen, für den Erfolg die zentrale Kategorie ist. Es gilt ein performatives Leistungsverständnis, bei dem es vor allem darauf ankommt, gut auszusehen. So wird die Produktion von Gefühlen nicht mehr nur den dafür geschaffenen Branchen wie Film oder Musik überlassen.

Viele Managementtheorien lesen sich wie Ratgeber für esoterische Erweckungskünste, das Selbstmanagement des Gefühls wurde zum normativen Programm erhoben. "Die Ökonomie der Gefühle und der symbolischen Zeichen", schreibt Neckel, "scheint immer größere Teile der Wirtschaft in dem Maße zu durchziehen, wie die unkalkulierbaren Bewegungen von Aktienmärkten und Anlagekapital, von Konsumkonjunkturen und globalen Wettbewerben das ökonomische Schicksal bestimmen."

Die gesteigerte Aufmerksamkeit für Sieger und eine Hypertrophie des Gewinnens haben die soziale Erfahrung des Verlierens beinahe zum Verschwinden gebracht und neue Mechanismen von Deklassierung und Exklusion erzeugt. Die einfache Unterscheidung von oben und unten, die nicht zuletzt Zugehörigkeiten ausgebildet hat, ist einer diffusen Verpflichtung zum unternehmerischen Selbst gewichen. "Aus dem kollektiven Empfinden gesellschaftlicher Benachteiligung", so Neckel, "ist eine gefühlte Abwertung geworden, welche die Individuen hauptsächlich für sich allein zu bewältigen haben."

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