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Erdstoß und Tintenfraß

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Von: Harry Nutt

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Bücher aus vergangenen Jahrhunderten werden im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte restauriert.
Bücher aus vergangenen Jahrhunderten werden im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte restauriert. © FR/Kraus

Tinten- und Säurefraß, Hochwasser und Feuer - der Schriftstücke größten Feinde? Nichts geht über menschlichen Kleingeist. Wider diesen übergab die "Allianz" dem Bundespräsidenten eine Denkschrift.

Es steht nicht gut um Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe. Die originalen Notenblätter des Komponisten sind von kleinen Löchern durchsiebt, und wenn man ein Blatt anhebt, rieselt trotz aller Vorsicht der Papierstaub herunter. Obwohl die verheerenden Schäden, die die unsachgemäßen Bewegungen des Kölner Erdreichs am 3. März im dortigen Stadtarchiv verursacht haben, noch immer nicht zu überschauen sind, dürften die schleichenden Folgen von Tinten- und Säurefraß, denen alte Handschriften und anderen sensiblen Archivbestände ausgesetzt sind, weitaus größer sein. Es muss nicht immer donnern, krachen und brennen, wenn bedeutsames Kulturgut verschwindet.

"Defizite erkennen - gemeinsam handeln", lautet daher die Devise der so genannten Allianz Schriftliches Kulturgut erhalten, die am Dienstag in Berlin Bundespräsident Horst Köhler eine Denkschrift mit dem Titel "Zukunft bewahren" übergeben hat.

Die Allianz ist 2001 als Zusammenschluss von deutschen Archiven und Bibliotheken mit umfangreichen historischen Beständen entstanden. 11 bedeutende Institutionen, darunter die Staatsbibliothek zu Berlin, die Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt, die Bundesarchive Koblenz und Frankfurt sowie die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar sind seither eine verschworene Gemeinschaft zur Rettung des bedrohten Papiers. "Die Allianz", heißt es in der Denkschrift, "will die in ihrer Existenz gefährdeten Originale der reichen kulturellen und wissenschaftlichen Überlieferung in Deutschland sichern und diese Überlieferung als nationale Aufgabe im öffentlichen Bewusstsein verankern."

Tinten- und Säurefraß sowie Hochwasser und Feuer sind aber nicht die einzigen Feinde der fragilen Kulturträger. Die Initiative ist nicht zuletzt angetreten, den föderalen Konkurrenz- und Kleingeist zu überwinden. Weil nicht alles, und nicht alles mit gleicher Anstrengung zu retten ist, bedarf es einer bundesweiten Koordinierung. Zahlreiche Schriften, die beispielsweise in mehrfachen Exemplaren über die Landesbibliotheken verteilt sind, bedürften schließlich nur der einmaligen Digitalisierung. Man muss sich also nur noch darüber verständigen, wer wann was digitalisiert.

Digitalisierung ist ein Zauberwort zur Rettung des zerbröselnden Kulturerbes, ist - siehe den Beitrag von Umberto Eco - aber kein Allheilmittel. Die Allianz legt daher Wert auf die Verknüpfung von Digitalisierung und Originalerhaltung. Noch immer sind umfangreiche Bestände aufgrund von Kriegsschäden nicht benutzbar und so der Forschung entzogen. Der erste Sinn der Allianz besteht so gesehen in den klassischen Formen der Arbeitsteilung. Man freue sich, so Michael Knoche von der Anna Amalia Bibliothek, im Bundespräsidenten nun einen Ansprechpartner gewonnen zu haben.

Der h-Moll-Messe von Bach kann die Allianz übrigens auch helfen. Im so genannten Papierspaltungsverfahren wächst das Rettende für die kostbaren Noten.

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