Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Can Dündar im Buchladen ... Foto: Özgürüz Press
+
Can Dündar im Buchladen ...

Gezeichnete Biografie

„Erdogan“: Geschichte eines autoritären Machthabers als Graphic Novel

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
    schließen

„Erdogan“ – eine Graphic Novel über den türkischen Präsidenten von Can Dündar und Mohamed Anwar.

Wie bekämpfe ich meinen Feind so erfolgreich wie möglich? Indem ich ihn an einer empfindlichen Stelle treffe. Dieser Gedanke stand am Anfang – am Ende steht eine Graphic Novel: „Erdogan“. Mit harten Schwarz-Weiß-Illustrationen schildert der Band den Aufstieg des türkischen Staatspräsidenten bis auf den Gipfel der Macht.

Recep Tayyip Erdogan hasst Karikaturen. Im Allgemeinen. Und im Besonderen hasst er, selbst karikiert zu werden. Als ein Zeichner den Präsidenten als Katze porträtierte, ließ der ihn vor Gericht zerren. Ist es da nicht überaus passend, dachte Can Dündar, über den Karikaturverächter Erdogan in genau dieser Kunstform zu erzählen? Und ließe sich so nicht auch ein Publikum interessieren, das für die gängige Machart von Biografien nichts übrig hat? Drei Jahre und viel Arbeit später kann die Graphic Novel im gemeinnützigen Verlag Özgürüz Press erscheinen. Dieser Tage ist sie in einer deutschen und einer türkischen Ausgabe in den Buchhandel gekommen – nur in Deutschland versteht sich. Angesichts der politischen Verhältnisse in der Türkei würde dort niemand wagen, „Erdogan“ zu veröffentlichen.

Can Dündar: eines der vielen Opfer Erdogans

Can Dündar, Journalist und Filmemacher, ist eines von vielen politischen Opfern des türkischen Autokraten. Als Chefredakteur der regimekritischen Zcumeitung „Cumhuriyet“ wurde er wegen Enthüllungen über den türkischen Geheimdienst zu 27 Jahren Haft verurteilt. Und als wäre das nicht genug, entging er während des Revisionsverfahrens nur knapp einem Mordanschlag. Erdogans Verfolgungswahn trieb Dündar ins Exil nach Deutschland. Ist es da zu dick aufgetragen, von einer Erzfeindschaft zwischen den beiden Männern zu reden?

Niemand wird als Tyrann geboren. Selbst ein despotischer Präsident war einst ein Kind, das Umfeld und Elternhaus prägten. Recep Tayyip wuchs in einer brutalen Männerwelt auf, vom cholerischen Vater an Körper und Seele gequält, von seinen Lehrern mit Prügeln gezüchtigt. Nur beim Fußball spürt der Junge echte Lebensfreude und lernt dabei alle Tricks, um seine Gegenspieler auszuschalten.

Recep Tayyip Erdogan: die Geschichte eines misshandelten Kindes

So beginnt die Geschichte eines misshandelten Kindes aus armer Familie, die Can Dündar mit Worten und Mohamed Anwar mit Bildern ausmalen. Autor und Zeichner entwerfen das Psychogramm eines erbitterten Kämpfers, der immer wieder zu Boden geht und immer wieder aufsteht. Der nie aufhören wird, um die Gunst seines leiblichen Vaters und weiterer Vaterfiguren zu buhlen. Der seine Zuflucht in Fußball und Religion sucht, um dann beides der Politik zu opfern. In Erdogan wütet ein unstillbarer Durst nach Anerkennung, ein unglaublicher Hunger nach Macht. Das muss eine Seele vergiften.

Dunkle Schatten, aufgepeitschte Menschenmassen, drohend erhobene Fäuste ... die düstere Atmosphäre, der scharfe, konturenbetonte Strich, die Stärke des Ausdrucks in den Gesichtern ... Spannung und eine stetig wachsende Unruhe treiben die Erzählung voran. Nur selten gönnt Mohamed Anwar den Betrachtern und Betrachterinnen eine Atempause, ein gelassenes, fröhliches Bild. Aggression, Bedrohung, Verzweiflung prägen die Präsentation. Ein Gefühl der Unentrinnbarkeit macht sich breit.

Das Buch

Can Dündar/Anwar: Erdogan. Özgürüz Press, Essen 2021. 320 S., 25 Euro.

Erdogan als Graphic Novel aus Berlin

Der Zeichner Mohamed Anwar hat sein Handwerk in Ägypten gelernt. Er gehörte zu einer Gruppe junger politischer Karikaturisten, die sich zu Beginn der 2000er Jahre in privaten Medien etablieren konnten. Anwar arbeitete für verschiedene Tageszeitungen, zuletzt für „Almasry-Alyoum“, das auflagenstärkste Blatt in Ägypten. Doch auch dort herrscht ein autokratisches Regime, das die Kritik des Künstlers an staatlicher Willkür, Unfreiheit und Zensur alles andere als schätzt. Obwohl Anwar 2017 als bester politischer Karikaturist ausgezeichnet wurde, ließ ihn die Obrigkeit zwei Jahre später verhaften und aus Ägypten deportieren.

Wie Can Dündar ist Mohamed Anwar inzwischen in Berlin gelandet, der Stadt der Exilantinnen und Exilanten. Bei Correctiv, dem gemeinnützigen Journalismusprojekt, trafen die beiden zusammen und machten sich an die Arbeit. Recherche, so Dündar, stand für ihn an erster Stelle. Jedes biografische Detail sollte stimmen, er wollte sich nicht angreifbar machen. „Über eine Person zu schreiben, die dich hasst und die du ebenfalls hasst, die dein Leben und dein Land zerstört hat, ist herausfordernd. Doch als Journalist und Aktivist musste ich versuchen, meine Gefühle zurückzuhalten“, so Can Dündar auf der Buchmesse in Frankfurt.

Grenzen und Verbote prägen den jungen Erdogan

Während Dündar recherchierte und schrieb, begann für Anwar die Auseinandersetzung mit Erdogans Physiognomie. „Monatelang würde er endlose Tage und schlaflose Nächte lang Erdogan zeichnen, nach anderthalb Jahren würde er das mit geschlossenen Augen können“, heißt es im Vorwort des Buchs.

Es ist ein freudloses, getriebenes Leben, das Autor und Zeichner auf mehr als 300 Seiten festhalten. Ein Leben voll von Grenzen und Verboten, die vor allem den jungen Erdogan prägen. Doch kaum an der Macht, beginnt der Unterdrückte andere Menschen mit all dem zu strafen, was er selbst an Repression, Unrecht und Mangel an Freiheit erlitten hat. Er ist ein Wiederholungstäter der besonderen Art.

Erdogans Werdegang in Graphic Novel kritisch reflektiert

In seiner ersten Rede als Provinzvorsitzender seiner Partei beklagt Erdogan laut, dass seine Zunge, „nicht jeden Gedanken meines Herzens übersetzen darf“. Als er wegen einer Gedichtrezitation ins Gefängnis muss, verkündet er öffentlich: „Ich strebe für uns alle nach Gerechtigkeit und der Freiheit, die Wahrheit zu sagen. Ich strebe nicht nach Despotismus, sondern nach Demokratie.“ Einige Jahre später wird er die Türkei zum größten Gefängnis für alle machen, die sich seinem Despotismus nicht unterwerfen.

Der Anspruch von Dündar und Anwar an ihr Projekt war von Beginn an hoch. Ihr Buch sollte nicht nur Erdogans Werdegang kritisch reflektieren, sondern auch die Entwicklung des politischen Islam in der Türkei. Das ist, trotz aller Verkürzung und Verknappung, die das Genre erfordert, eindrücklich gelungen. Manche Episode – wie zum Beispiel Erdogans Missionierungsversuch unter Prostituierten – kommt in Zeichnung und Text zwar eher holzschnittartig daher. Dennoch sind solche Szenen wichtig für das Bild, das wir uns vom schillernden Charakter der Person Erdogan machen können.

Graphic Novel „Erdogan“: bei aller Düsternis auch Unterhaltung

Zweifellos ist hier die Aufklärung über einen autoritären Machthaber faszinierend gelungen. „Man muss diese Mechanismen verstehen, um das System wirksam bekämpfen zu können,“ sagt Can Dündar. Ästhetisch ist das Buch eine Freude, anschaulich und eindrücklich. „Erdogan“ ist Erkenntnisgewinn und bei aller Düsternis auch Unterhaltung.

Nur der Ausblick, der sich am Ende bietet, ist unschön: Recep Tayyip Erdogan, der sich mit allen Mitteln nach oben gekämpft hat, wird den Gipfel der Macht nie freiwillig räumen. Er nutzte die Politik für religiöse Zwecke, um irgendwann den Spieß umzudrehen und Religion für seine Politik zu missbrauchen. Dabei war Demokratie nie sein Ziel, sondern stets nur Mittel. Er selbst glaubt noch immer, Opfer zu sein. Glaubt, sich nach Mühsal und Qual die Herrschaft verdient zu haben. Bis in alle Ewigkeit. (Bascha Mika)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare