Ilias

Die Erde, das Meer und der Himmel

  • Arno Widmann
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Zu Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Homers „Ilias“.

Die „Ilias“ habe ich zuletzt im Jahre 2008 verschlungen. In der Übersetzung von Raoul Schrott, der die Experten scharenweise vorwarfen, sie sei mehr von ihm als von Homer. Ich kann das so recht als Vorwurf nicht nehmen. Schließlich lese ich sie auf Deutsch und bin völlig außerstande zu beurteilen, wie treu eine Übersetzung aus dem Griechischen dem Original ist. Und was ist bei Homer das Original? Bei der Lektüre von Schrotts „Ilias“ kam ich außer Atem, so sehr nahm er mich mit ins Kampfgetümmel, und ganz ruhig wurde ich bei den Betrachtungen, an denen es in der „Ilias“ ja auch nicht fehlt. Das scheint mir schon einmal ein Qualitätsmerkmal. Freilich vielleicht mehr für eine Nachdichtung als für eine Übersetzung.

Im vergangenen Jahr erschien nun im Manesse-Verlag eine „Ilias“-Übersetzung des Schweizer Altphilologen Kurt Steinmann. Sie soll modern sein und Homer getreu zugleich. Wie gesagt, ich kann das nicht überprüfen. Ich habe sie nicht ganz gelesen, sondern nur in ihr. Als Guide nahm ich die erste Lektion aus „Dieci Lezioni sui Classici“ von Piero Boitani. Das Buch des siebzigjährigen römischen Literaturhistorikers erschien im vergangenen Jahr bei Il Mulino. Gäbe es noch so etwas wie eine europäische Kultur, es wäre längst übersetzt. Zehn Aufsätze auf 260 Seiten von Homer bis Ovid. Alles sehr konzentrierte Annäherungen. Bei der „Ilias“ nahm sich Boitani nur die ruhigen Stellen vor: den Frieden im Getümmel.

Der achte Gesang – bei Boitani heißen die Gesänge „Bücher“ – endet mit den Zeilen: „Wie wenn am Himmel die Sterne rings um den leuchtenden Mond sich / zeigen in strahlendem Glanz, wenn ohne Wind ist der Äther, / und klar treten hervor alle Warten und ragenden Gipfel / und die Schluchten, und oben reißt auf der unendliche Äther, / und man sieht alle Sterne; es freut sich im Herzen der Hirte: / So viele Feuer zwischen den Schiffen und Fluten des Xanthos, / die die Troer da brannten, leuchteten ihnen vor Troja. / Tausend Feuer brannten in der Ebne, an jedem / saßen fünfzig Mann im Schein des lodernden Feuers. / Und die Pferde rupften Spelt und weißliche Gerste, / standen bei ihren Wagen, harrend der thronenden Eos.“

Keine Ahnung, was hier im Griechischen steht. Bei Schrott lautet die letzte Zeile: „und sie warteten auf Eos, auf dass sie ihren Thron besteige.“ Das ist ein ganz anderes, viel bewegenderes Bild. Aber natürlich ergreift einen die Schönheit dieser Passage. Die Unendlichkeit des Weltraums und wir mittendrin mit dem Hirten. Ein Bild der Ruhe, einer erhabenen Ruhe. Darauf weist Boitani hin. Diese „Ilias“-Stelle ist einer der ersten Auftritte des Sublimen in der europäischen Literatur. Der italienische Dichter Giacomo Leopardi war ihnen, seit er diese Verse als Elfjähriger für sich entdeckt hatte, verfallen.

Im Gedicht über Krieg und Gewalt ist diese Stelle eine der wenigen Pausen. Sie ist eine Erinnerung daran, dass eine Welt ohne Angst möglich ist. Boitani weist hier hin auf das 18. Buch, in dem der Schild des Achill geschmiedet wird. Auf ihm wird eine ganze Welt dargestellt. Der Schmied setzt als Erstes die Himmelslichter. Bei Steinmann lesen sich die Verse so: „Auf ihm (dem Schild) schuf er die Erde und auf ihm das Meer und den Himmel / und den vollen Mond und die unermüdliche Sonne / und auf ihm alle Sterne, mit denen der Himmel umkränzt ist: / die Pleiaden, Hyaden und auch die Kraft des Orion / und die Bärin, die sie auch ,Wagen‘ mit Beinamen nennen, / die an Ort und Stelle sich dreht und äugt nach Orion / und allein nicht teilhat am Bad in Okeanos’ Fluten.“ Die Welt ist eingebettet in den Kosmos. Nur so kann sie verstanden, nur so richtig gesehen werden. Die Himmelsscheibe von Nebra grüßt aus ihrer noch drei, vier Jahrtausende weiteren Ferne. Zum Schild des Achilles gehört auch die Darstellung zweier Städte. Die eine ein Bild des Krieges, die andere eines des Friedens. Die zweite zeigt, dass der Friede keine ländliche Idylle, keine Bukolik unterm Sternenhimmel sein muss. Es gibt ihn auch für Städtebewohner. Er muss kein archaischer Traum, er kann auch eine zivile Errungenschaft sein.

Homer: Ilias. Übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann, 16 Illustrationen von Anton Christian, mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma. Manesse, München 2017. Großformat, 576 S., 99 Euro.

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