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Epochenverschlepper

Eine verdienstvolle Werkausgabe des begnadeten Anachronisten Gregor von Rezzori

Von STEFAN DORNUF

Der polyglotte Dauerstaatenlose Gregor von Rezzori (1914 - 98), in seiner Wahlheimat Italien mit Ehrungen überhäuft und im US-Prominentenmagazin VanityFair ein gern gesehener Gast - den "lieben Deutschen" (Goethe) war er bislang nicht recht geheuer. Ein Österreicher, Altösterreicher, um genau zu sein, was seine Musikalität erklärt. Jemand, mit dem der Weltgeist sich einen Jux erlaubt und ihn, den zeitlebens politisch Desinteressierten, an die Peripherie von historischen "Großereignissen" gestellt hatte: so 1938 als Augenzeuge bei Hitlers Einzug in Wien oder 1945 als Berichterstatter beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Damit war dem oft verletzend präzisen Beobachter wie von selbst eines seiner Zentralthemen zugefallen: die kollektive Hysterie - und wie sie Individualität einäschert. Noch in der Rechenschaft Greisengemurmel (1994) ist man verwirrt ob der anscheinend willkürlich wechselnden Schauplätze, auf denen das Alter ego des Autors sich herumtreibt: ob inmitten des "Anschlusses", ob in Ashram von Sri Aurobindo oder während des Kölner Karnevals - bis man merkt, dass die Klammer der diversen narrativen Blöcke das Phänomen des Massenwahns ist, dem sich die geschilderten Begebenheiten zwanglos einfügen.

Lob verdient daher das ambitionierte Unterfangen des Berliner Taschenbuch Verlags, einem der hinreißendstenErzähler des letzten halben Säkulums eine Werkausgabe zu widmen. Rezzori ist nämlich der Inbegriff dessen, was man, in anderem Kontext und sehr prosaisch, "a displaced person" genannt hat: jemand, dem die angestammte Landschaft seiner Jugend durch "höhere Gewalt" urplötzlich und unwiederbringlich abhanden gekommen ist. Und wenn dieser Jemand viel Talent hat, wird er versuchen, sich das Versunkene verbal zurückzuerobern - wohl wissend, dass er nur einen traurigen Ersatz zustande bringt.

Der Fremdkörper in derPhase des Wiederaufbaus

Das klingt nach Speak, Memory von Nabokov, dessen Lolita Rezzori mitübersetzt hat, nicht minder als nach Prousts Recherche. Und dessen überfeinerte, nervös vibrierende frühkindliche Sensibilität fließt denn auch direkt in die Anfangkapitel des Hermelin in Tschernopol (1958) ein, der mit seiner elegischen Beschwörung der Bukowina ansonsten eher eine Antizipation des Spätwerks darstellt, das mit den Denkwürdigkeiten eines Antisemiten (1979) sozusagen "offiziell" einsetzt. Rezzori hat für sich selber die Formel vom "Epochenverschlepper" geprägt. Man dürfte kaum fehlgehen, wenn man die sprunghafte Rezeption dieses Belletristen in Zusammenhang sieht mit der Tatsache, dass er in die Wiederaufbauphase der Bundesrepublik als Fremdkörper hineinplatzte, konstitutionell unfähig zur Anpassung. Als kakanischerKleinadliger ohnehin zum "vaterlandslosen Gesellen" prädisponiert, weder Kriegsteilnehmer noch Widerständler, sondern Mitläufer und Drückeberger; fürs hohle Pathos des NS-Regimes ebenso wenig empfänglich wie für dessen verlogene "Bewältigung" in Gestalt des platten Materialismus der Adenauer-Ära, mit Ludwig Erhard als fleischgewordenem Symbol der "Fresswelle" - schwer, unter solchen Umständen keine Satire auszuschwitzen. So steht denn Rezzoris Schaffen in den Fünfzigern im Zeichen der Dominanz jener Gattung. Seine einschlägigen Eingaben heißen Ödipus siegt bei Stalingrad (1954), Männerfibel (1955) und Idiotenführer durch die deutsche Gesellschaft (1958 zunächst als Radiosendung), allesamt taufrisch geblieben.

Die erste Lektion, die der seiner ideologischen Scheuklappen Ledige von diesem bestrickenden Wortalchimisten spielerisch lernen kann, ist die: das satirische Genre braucht mitnichten "kritisch" eine wie auch immer "demokratischere" Zukunft anzuvisieren, sondern kann durchaus rückwärts gewandt konservativ sein, ohne an ätzender Schärfe einzubüßen. Die zweite Lektion betrifft die Sinnlichkeit, von der sich hartnäckig das Gerücht hält, es handle sich bei ihr um ein besonders "progressives", "emanzipatorisches" Moment. Jeder auch bloß oberflächliche Blick in die historischen Annalen würde das erste Gegenteil erweisen, nämlich dass alle echten Revolutionäre, einerlei ob bürgerlich oder sozialistisch, ausgesprochene Asketen waren, von Cromwell und den Puritanern über Robespierre bis hin zu Lenin. Bei Rezzori hingegen reißt das Sinnliche des Erzählens auf jeder Ebene Abgründe auf, die sich nicht wieder schließen wollen.

Gregor von Rezzori: "Werkausgabe." Hrsg. von Gerhard Köpf, Heinz Schumacher und Tilman Spengler. Bisher erschienen "Ein Hermelin in Tschernopol" (463 S., 11,90 Euro), "Denkwürdigkeiten eines Antisemiten" (334 S., 9,90 Euro), "Ödipus siegt bei Stalingrad"(366 S., 10,50 Euro). Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2004/2005.

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