Eliot Weinbergers Essays

Enzyklopädie à la Pesto

Geballtes Wissen kann ermüdend sein. Und wenngleich Eliot Weinberger in den Essays "Das Wesentliche" streng genommen nur Wissen zusammen trägt, verführt er damit den Leser.

Von TOBIAS WENZEL

Zaunkönige sind unergründlich." Ein lapidarer Satz, der aufhorchen lässt. Wem, abgesehen von Ornithologen und Fernglasguckern, sollte dieser Allerweltsvogel mehr als ein Gähnen abringen? Drei Seiten des New Yorker Essayisten Eliot Weinberger genügen, und auch wir kommen zum Schluss: Zaunkönige sind unergründlich.

Geballtes Wissen kann ermüdend sein. Und obwohl Eliot Weinberger auch in "Das Wesentliche" streng genommen nur Wissen, nämlich Geschichten, Gedanken und Erzählungen anderer, zusammen trägt, verführt er damit den Leser. Das schafft er einerseits, indem er uns Faszinierend-Fremdes näher bringt, die lautmalerische Sprache eines Volkes in Papua-Neuginea ebenso wie die mannigfaltigen Bedeutungen des Windes im alten China.

Anderseits folgen wir gerne jener Methode, mit der Weinberger augenzwinkernd Widersprüche aufdeckt. Denn zwar nimmt sich der Autor selbst zurück - nur an zwei Stellen gesteht er sich das Wörtchen "ich" zu. Aber dafür tritt Weinberger immer dann umso stärker in Erscheinung, wenn er unvereinbare Aussagen oder Quellen aneinander reiht: "Vierhundertundvierundzwanzigtausend Jahre vor der Erschaffung der Himmel oder der Erde oder des Lichthimmels oder des Throns oder der Gesetzestafel oder der göttlichen Feder oder des Paradieses oder der Hölle erschuf Gott das Licht Mohammeds."

Ein Verfahren, das Weinberger schon in seinem bekanntesten Text "Was ich vom Irak hörte" anwendete. Monatelang saß er vorm Fernseher, durchblätterte Berge von Zeitungen, notierte akribisch Aussage um Aussage jener führenden US-Politiker, die sich für den Irak aussprachen. Um sie schließlich mit ihren eigenen, widersprüchlichen Worten zu entlarven.

Im Band "Das Wesentliche" erweist sich Eliot Weinberger einmal mehr als Aufklärer. Als ein angenehm unaufdringlicher. Ganze Bücherregale hat er gelesen, um das Kondensat seines Wissens, einem Enzyklopädisten gleich, in einen raffinierten Essay von nur wenigen Seiten zu überführen.

So ist auch Weinbergers neues Buch wie ein gutes Pesto: zu reichhaltig und zu intensiv, um auf einmal konsumiert zu werden. Dabei spricht Weinberger nicht nur den Kopf an. Und auch in dem Essay "Die Sterne" wird der Denker zum Dichter. Eliot Weinberger ist einfach unergründlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare