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Enttäuschend

"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten": Der Briefwechsel von Ernst Jünger und Martin Heidegger.

Von THOMAS MEYER

Die Neigung, Briefwechsel zu publizieren, weil ein Interesse bei der gebildeten Bevölkerung bestehen könnte an dem was sich die Meisterdenker zu sagen haben, und eben nicht, weil die Sache selbst die Veröffentlichung rechtfertigt, ist um ein weiteres Beispiel bereichert worden. Was sich Martin Heidegger und Ernst Jünger schreiben, ist entweder belanglos, längst bekannt oder lediglich für Spezialisten aufschlussreich. In einem umfangreichen, wissenschaftlich kommentierten Zeitschriftenbeitrag wären die insgesamt 79 Briefe und Beilagen gut aufgehoben gewesen.

Stattdessen bekommt man nun die leicht erreichbaren Beiträge "Über die Linie" und "Federbälle" (Jünger) sowie Heideggers Festschriftsbeitrag für den Schriftsteller, "Zur Seinsfrage", in der vorliegenden Edition mitgeliefert - wohl um das Vorhaben zu rechtfertigen. Allerdings werden nicht einmal die originalen Aufsätze, sondern überarbeitete Versionen geboten, was ebenso willkürlich ist wie manch andere unbegründete Entscheidung des Freiburger Philosophen und Herausgebers Günter Figal.

Seinsgeschichtliche Aufladung

Sicherlich zuzustimmen ist Figal hingegen, wenn er schreibt, dass Heideggers Jünger-Bild immer durch den Großessay "Der Arbeiter" geprägt gewesen sei. Mit dem Buch, dessen Einfluss auf die "Bewegung" Jünger zufolge immer überschätzt wurde, hatte sich Heidegger seit seinem Erscheinen intensiv beschäftigt. Auch Heideggers Bemerkungen zu dem verschlüsselten Widerstandsbuch "Die Marmorklippen" sind ganz aus der Perspektive einer seinsgeschichtlichen Aufladung der "Arbeiter"-Typologie verfasst. Die entsprechenden Überlegungen kann man seit vier Jahren in Band 90 der Heidegger-Gesamtausgabe auf über 470 Seiten nachlesen. Zuletzt hat der Berliner Historiker Daniel Morat diesen Zusammenhängen eine ausführliche Studie gewidmet (FR v. 27. Juni 2007).

Nach dem Gesagten verblüfft es zunächst, dass der Briefwechsel erst im Juni 1949 einsetzt. Der erste erhaltene Brief, Jünger wägt darin Chancen und Risiken einer vom Verleger Ernst Klett angeregten, schließlich nicht erschienenen neuen Zeitschrift namens "Pallas" ab, erweckt jedenfalls durch seine Unmittelbarkeit den Eindruck, als habe es zuvor schon Kontakte gegeben. Darüber, ob möglicherweise Teile der Korrespondenz verloren gingen oder die Vorlässe manipuliert wurden, wie es bei Heideggers Austausch mit der Philosophenwitwe Maria Scheler der Fall ist, erfährt der Leser kein aufklärendes Wort.

Vielmehr kann er sich in die Lektüre der Briefe zweier Männer vertiefen, die ihre jeweils anders gelagerten Fragestellungen und ihre unterschiedlichen Ansichten mehr (Heidegger) oder weniger (Jünger) deutlich artikulieren. Der Philosoph kann recht süffisant werden, wenn er die dauernden Denkanstrengungen seines Briefpartners mit scholastischer Exaktheit korrigiert, weil ihm Metaphysik für Anfänger geboten wird. Auch offensichtlich erwünschten Reaktionen weiß der politisch vorsichtiger gewordene Heidegger gekonnt gerade nicht zu entsprechen. Als Jünger sich gegen eine Ehrung Heinrich Heines durch Karl Jaspers ausspricht, entfährt Heidegger nur ein "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten". Jünger kommt natürlich nicht in den Sinn, dass der Philosoph möglicherweise auch den Kopf über den Schriftsteller schüttelt. - Das aber ist alles in allem doch recht wenig. Denn die Briefe tragen nichts dazu bei, das Bild von konservativen Denkern in der Bundesrepublik zu ergänzen oder plastischer werden zu lasen. Das Fehlen tieferer Einsichten wird auch nicht durch den Kommentar aufgewogen, der zwar in der Regel verlässlich ist, aber kaum zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden vermag.

Es ist wie so oft: Auch wenn sich bedeutende Persönlichkeiten austauschen, heißt das für die Nachwelt noch nicht viel. Der Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Ernst Jünger gehört zu den Enttäuschungen auf dem Gebiet der Ideengeschichte.

Ernst Jünger / Martin Heidegger:Briefwechsel 1949 - 1975. Verlag Klett-Cotta 2008, 317 Seiten, 29,50 Euro.

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