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Entspannung in Rheinsberg

Meisterlich erzählt und erklärt Johannes Kunisch das Leben Friedrichs des Großen

Von ARNE KARSTEN

Lange Zeit wurde die Beschäftigung mit den "Großen Männern" in Deutschland als anachronistische Form der Geschichtsschreibung betrachtet. Über Jahre war eine "Geschichte von unten" derart prägend, dass ein noch bei Jacob Burckhardt selbstverständliches Nachdenken über Größe als verdächtig erschien. Strukturen galt es zu analysieren, nicht Lebensgeschichten zu erzählen. Mit besonderer Spannung durfte vor diesem Hintergrund die Biographie Friedrichs des Großen von Johannes Kunisch erwartet werden. Aus zweierlei Gründen: Das Leben des Preußenkönigs ist zum einen ein Klassiker der traditionellen Geschichtsschreibung; der Autor Johannes Kunisch ist zum anderen ein Kenner der Materie mit hohem Renommee, der mit seinen bisherigen Publikationen jedoch kaum dem breiteren Publikum bekannt geworden ist. Ein herausragender Vertreter der "Strukturgeschichte" nimmt sich nun also des Genres Biographie an. Um es vorweg zu nehmen: mit glänzendem Ergebnis.

Im Vorwort des Buches ist noch das leise Unbehagen des Verfassers gegenüber dem Genre zu spüren, doch was dann folgt, ist eben nicht nur die Schilderung eines individuellen Lebensschicksals, sondern weit mehr, nämlich das reflektierend-analytische Bild einer ganzen Epoche. Am Leser zieht der Werdegang des Königs vorbei: die grauenvoll unglückliche Kindheit und Jugend unter der Fuchtel eines ebenso pflichtversessenen wie verständnislosen Vaters, dessen unkontrollierte Wutausbrüche so weit reichen, dem Sohn nahezulegen, sich umzubringen ob der Verachtung, die ihm von seiner, des Vaters Seite, zuteil wird. Die Entspannung dann, die das Verhältnis zwischen Vater und Sohn gegen Ende der Herrschaft Friedrich Wilhelms I. erfährt, als der Kronprinz sich den "Musenhof in Rheinsberg" schaffen kann und dort die wohl glücklichsten Jahre seines Lebens verbringt.

Wir erfahren von dem Regierungsbeginn mit dem rücksichtslosen Einfall in Schlesien, durch den Friedrich einen europaweiten Krieg vom Zaun bricht, durch nichts anderes motiviert als persönliche Ruhmsucht. Sodann bricht eine kurze Zeit des Friedens an zwischen den ersten beiden schlesischen Kriegen, die Friedrich selbst kaum mehr als ein Intermezzo erscheinen. Und tatsächlich geht dieses über in die Jahre der Bewährung im Siebenjährigen Krieg, in der des Königs Zähigkeit ihn einer weit überlegenen Koalition von Feinden standhalten lassen. In der späten Phase seines Lebens müht sich der "Alte Fritz", die durch seine Kriege verursachten Schäden zu heilen.

Ruhmsucht und Verhaltenskodex

Bei der Schilderung dieses Lebens verliert Kunisch zu keinem Zeitpunkt die Strukturen aus dem Auge, die dem individuellen Handeln Schranken auferlegen, es beeinflussen und prägen. Die Ruhmsucht des Königs wird erklärt vor dem Hintergrund des gültigen Verhaltenskodex der europäischen Adelsgesellschaft, seine Selbstbehauptung im Siebenjährigen Krieg nicht nur als Leistung des Königs, sondern ebenso als Versagen seiner Gegner analysiert. Ein Versagen, das seine Ursache in den Eigentümlichkeiten der Diplomatie und vor allem der Kriegsführung im Ancien Régime findet. Bei alledem geht es dem Autor darum, Verständnis zu erzielen, nicht Wertungen vorzunehmen, denn, so sein überzeugendes Credo, "die durchaus begrenzte Aufgabe (des Historikers) kann nur darin bestehen, sich in die Vorstellungswelt der Zeit zu versetzen, über die er zu berichten sich vorgenommen hat".

Diesem Verständnis sind Grenzen gesetzt, und eine weitere Stärke des Buches besteht darin, dass der Autor die Widersprüche, auch das schlechterdings Unverständliche nicht wegzuerklären versucht. Etwa den Gegensatz zwischen den philosophisch-humanitären Idealen, die Friedrich nicht nur in seinen Schriften proklamierte, sondern zumindest in den Rheinsberger Jahren auch lebte, und der brutalen Machtpolitik, die er, kaum auf den Thron gelangt, verfolgte. Und es sind gerade diese Widersprüche, die das Leben des Königs so faszinierend erscheinen lassen.

Im Übrigen gelingt die Auflösung des Wissensstoffes in die Erzählhandlung nicht immer, einzelne Abschnitte stehen als exkursartige Blöcke unübersehbar für sich, aber selbst hier folgt man Kunischs Darstellung gern und mit Gewinn. Die umfangreichen Ausführungen etwa über das Verhältnis zwischen Friedrich und seinem bewunderten Philosophenfreund Voltaire lohnen in ihrer sensibel-aufmerksamen Feinfühligkeit schon allein die Lektüre dieses Buches, gerade weil Kunisch zu keinem Zeitpunkt die kritische Distanz verliert und die Schattenseiten des Königs, seine Boshaftigkeit, seine Herrschsucht, seine verletzt-verletzende Misanthropie ebenso schildert wie die negativen Aspekte seiner Herrschaft, zu denen auch das paradoxe Resultat gehörte, "dass eine so pointiert modernisierungsorientierte, im eigentlichen Sinne eben der Aufklärung verpflichtete Herrschaftsperiode in Stagnation und Ratlosigkeit endete".

Mit seiner Biographie des Preußenkönigs ist Johannes Kunisch ein großer Wurf gelungen, nicht weniger als ein glänzend erzähltes Epochengemälde. Das mit Abbildungen und Karten schön ausgestattete Buch verdient ohne Zweifel die Aufmerksamkeit des breiten Publikums.

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