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Erholung vom  „Schmuddeljob“:  Astrid Lindgren (Mitte) mit ihrer besten Freundin und einer weiteren Kollegin von der Postkontrollstelle, 1945.
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Erholung vom „Schmuddeljob“: Astrid Lindgren (Mitte) mit ihrer besten Freundin und einer weiteren Kollegin von der Postkontrollstelle, 1945.

Astrid Lindgren: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“

Die entsetzte Zeugin

Astrid Lindgren für Erwachsene: Notizen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Von Cornelia Geissler

Astrid Lindgren war eigentlich keine Tagebuchschreiberin. Doch was sie während der Zeit des Zweiten Weltkriegs in 17 Kladden notierte und sammelte, reicht für ein dickes Buch. Astrid Lindgren (1907-2002) ist bis heute die weltweit bekannteste Schriftstellerin für Kinder. Ihre Bücher haben Mädchen und Jungen in 96 Sprachen erreicht. Wer sie nie gelesen hat, weiß doch ungefähr, was für eine Superheldin sie mit Pippi Langstrumpf geschaffen hat. Und wer mit ihnen aufgewachsen ist, erinnert sich an viel Spaß und an starke Gefühle. 1978 erhielt Astrid Lindgren in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, geehrt wurde sie vor allem für ihren Einsatz gegen die Gewalt, die Kindern angetan wird. Über ihre antimilitaristische Haltung erfährt man jetzt mehr, da die Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1945 veröffentlicht wurden.

„Die Menschheit hat den Verstand verloren“ heißt die Buchausgabe. Das Zitat stammt vom 12. Mai 1942. Astrid Lindgren wählte damals schon eine expressive Sprache. Sie hält fest, wie die Kriegsparteien sich mit dem Einsatz von Giftgas drohen. „Jetzt stehen sie alle da, England, Amerika, Russland und Deutschland, und schreien, wie unheimlich viel tödliches Gas sie auf Lager haben – als wollten sie damit angeben, während sie doch zu Beginn des Krieges vereinbart haben, kein Gas einzusetzen. (Ha, ha!)“

Als Deutschland Polen überfiel, war Astrid Lindgren 32 Jahre alt, verheiratet, Mutter eines Sohns und einer Tochter, ausgebildete Sekretärin. Ihr Mann verdiente beim Königlichen Automobilclub genug, sodass sie nur noch frei arbeitete, etwa bei Konferenzen protokollierte. Die Familie lebte in Stockholm, besuchte öfter die Großeltern in Näs bei Vimmerby. Astrid Lindgren traf sich mit Freundinnen, mit ihren Geschwistern, wenn die Tochter ihre Freunde zum Spielen empfing, kamen auch deren Mütter dazu. Darüber, warum sie am 1. September 1939 begann, Tagebuch zu schreiben, gibt sie keine Rechenschaft. So, wie sie es führt, erscheint es als selbstgestellte Aufgabe: Sie will dokumentieren, Zeugin sein. Sie notiert den Lauf der Ereignisse, trägt nach, wenn sie einige Tage das Schreiben versäumte, klebt Zeitungsberichte und Fotografien ein.

Ihre Biografin Margareta Strömstedt hat die Tagebücher schon für ihr 1997 (und 2001 auf Deutsch) erschienenes „Lebensbild“ ausgewertet. Sie zitiert die Autorin auch mit dem Satz: „Ich begann diese Tagebücher zu schreiben, um mein Gedächtnis zu unterstützen und um ein Gesamtbild der Weltereignisse zu bekommen und zu sehen, wie sie auf uns wirkten.“ Nun stehen sie dem allgemeinen Publikum offen.

Das ist Astrid Lindgrens Buch für Erwachsene. Aufschlussreich sind ihre Beobachtungen zur Rolle Schwedens und seiner fragilen Neutralität. Bewegend sind ihre knappen Faktensammlungen über zerbombte Städte in Finnland, England, Deutschland, über gefallene Soldaten, Kindertransporte. Lindgren notiert mit zunehmendem Entsetzen, welchen Feldzug Hitler gegen die Juden führt, sammelt, was sie über Konzentrationslager erfährt. Dabei nutzt sie nicht nur das Radio und ihre Tageszeitung „Dagens Nyheter“, sie verfügt noch über eine brisante exklusive Quelle: Seit dem Sommer 1940 arbeitet sie in der Abteilung für Briefzensur des Nachrichtendienstes. Sie kontrolliert, ob kriegswichtige Nachrichten verschickt werden. Dieser „Schmuddeljob“, wie sie ihn nennt, unterlag natürlich strengster Geheimhaltung. Ihre Kinder wussten nicht, was die Mutter tat.

Doch in ihr Tagebuch nimmt sie manches auf, einige Briefe kopiert sie sogar. Das sind vor allem Nachrichten über die Vernichtung der Juden, mitgeteilt von Menschen, die fliehen konnten. Im Oktober 1943 hält sie fest: „Die schwedischen Antisemiten hetzen, so gut sie können, und verschicken Flugblätter, in denen sie Flüchtlinge als eine Schar von Mördern und Vergewaltigern darstellen.“

Im Jahr darauf durchleidet sie eine schwere Krise: Ihr Mann Sture verschwindet zu einer anderen Frau. Astrid Lindgren erlebt das Verlassensein als Erdrutsch. Mit „der Bitterkeit der Verzweiflung im Herzen“ und unter großer Nervenanspannung kommt sie kaum zum Schreiben. Doch während die Alliierten voranschreiten, vermeldet sie im März 1945: „Mein eigener Privatkrieg scheint nahezu beendet zu sein – mit einem Sieg für mich.“

Im Lauf der Kriegstagebücher wird Astrid Lindgren zur Schriftstellerin. Sie übt sich im Formulieren, im Gewichten und Auswählen. Es zeigt sich ihr Gespür für Dramaturgie, wenn sie wechselt zwischen ausführlichen und kurzen Passagen. Sie schreibt in Satzschlangen auf einen empörten Ausruf zu. Und sie schildert dankbar das friedliche Leben, das sie in Schweden führt. Das Essen, die Spiele, die Geschenke, die bald die Würze in ihren Kinderbüchern ausmachen, weil sie das Leben schmecken lassen, sind auch hier unterhaltsame Zutaten.

Astrid Lindgren vermerkt, dass sie mal „lauter Kleinkram zusammengeschrieben und eingeschickt“ hat, manches wird von den Redaktionen genommen, anderes kommt zurück: „etwas zu wirr und zu wenig wirklichkeitsgetreu“. Dann nutzt sie die Zeit, da sie mit verstauchtem Fuß ans Haus gefesselt ist, ihre Pippi-Langstrumpf-Geschichten aufzuschreiben. Ihre Kinder und deren Freunde kannten die schon von vielen Erzählnachmittagen und Abenden.

Dem Buch angefügt ist der Brief, den Astrid Lindgren im April 1944 an den Bonnier Verlag schickte, samt Absage. Für ein anderes Manuskript gewinnt sie bei einem Wettbewerb den zweiten Preis. Das Buch „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ ebnete auch „Pippi Langstrumpf“ den Weg. Am 2. Juni 1945 schreibt Astrid Lindgren: „Es macht wahnsinnigen Spaß, ,Schriftstellerin‘ zu sein.“

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