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Anti-Gentrifizierungsprotest an einer Berliner Hauswand.

Roman

„Die Entmieteten“ von Synke Köhler: Im Hamsterrad der Gentrifizierung

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Ein Roman aus dem Berlin der Gegenwart: „Die Entmieteten“ von Synke Köhler.

Wann ist eigentlich dieses Verb in den deutschen Wortschatz gekommen: entmieten? Es beschreibt den Vorgang, der einer Grundsanierung eines Wohnhauses oder seinem Abriss vorausgeht. Die Mieter müssen raus, der Vermieter wendet Tricks an, um sie davon zu überzeugen oder sie dazu zu zwingen. Nun hat der Begriff Eingang in die Literatur gefunden. „Die Entmieteten“ heißt (nach Gedichten und Erzählungen) das Romandebüt von Synke Köhler. Angesiedelt ist es im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg – auch in der Realität einem der Hauptschauplätze der – noch so ein junges Wort – Gentrifizierung.

Der Konsum heiligt die Mittel

Das Personal des Romans besteht aus dem Hausbesitzer, einer Hausverwalterin und einigen Bewohnern. Die Adresse ist fiktiv, Marner Straße, doch durch ihre Nähe zum Wasserturm und der Husemannstraße zeigt die Autorin, welches attraktive Viertel sie vor Augen hatte: den Kollwitzkiez. Sie konzentriert zwei Handlungsstränge in ihrem Haus. Der eine bleibt bei den Bewohnern, die sich unterschiedlich stark zum Widerstand aufraffen. Bei den traurigen Zusammenkünften hat jeder seinen Platz: als Aktivist, als stummer Zuhörer, als treusorgender Gastgeber oder hilfloser Chaot. Parallel dazu folgt die Erzählung der Hausverwalterin, deren Aufgabe es ist, das Haus leerzubekommen. Sie ist eine traurige Gestalt, die ihren eigenen Klischeevorstellungen nacheifert.

Im Haus zoomt sich der Blick immer näher an ein ungleiches Paar: Die Doktorandin Kathleen, die kaum merkt, dass bei einer Räumaktion ihre eigenen Sachen im Müll landen, und den Musiker Grozki.

Synke Köhler: Die Entmieteten. Roman. Satyr, Berlin 2019. 250 Seiten, 23 Euro.

Der ist bei seiner Freundin rausgeflogen und nistet sich jetzt in seiner alten Wohnung ein – während das Haus bereits immer leerer wird, bald gar Heizung und Wasser abgestellt werden. Er hat Spaß an dem Ganzen, was dem Buch satirische Schärfe gibt. Seine Band kommt zum Solidaritätskonzert und Grozki ruft aus: „Willkommen bei: Die Tribute von Prenzlauer Berg!“, an den dystopischen Roman von Suzanne Collins erinnernd. Die Passanten fordert der Musiker zum Wohnungskauf auf: „Der Konsum heiligt die Mittel.“

Das Haus verändert sich: „Jalousien waren heruntergerissen worden, zerfetzte Münder, schreiender Verfall.“ Bald ist das einzig Solide die Studiobox des Musikers, eine Wohnung in der Wohnung. In ihr riecht es in Synke Köhlers bildhafter Sprache nach „abgestandenem Mann“.

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Der Roman zeigt eine kleine Gruppe der Gesellschaft mit unterschiedlichen Rollen im Hamsterrad des vermeintlichen Fortschritts. Die Möglichkeiten zu gewinnen oder zu verlieren werden für einzelne Personen mehrmals neu gemischt, was sehr für das Buch spricht. Die Nebenfiguren haben zwar stark vereinfachte Züge, doch mit dem protesterfahrenen Grozki und der dahintreibenden Kathleen hat die Autorin zwei in ihrer Unterschiedlichkeit interessante Helden. Und das Ende – so vorhersehbar es anfangs scheint – überrascht.

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