Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Enthüllen, sichten, verbergen

Die "Augenzeugenschaft" von Bild und Text: Peter Burke bekämpft das visuelle Analphabetentum in der Geschichtswissenschaft

Von Martin Hartmann

Gemeinsam mit dem Sherpa Tensing Norgay hat Sir Edmund Hillary 1953 den Mount Everest bestiegen. Das gilt als eine Tatsache, an der niemand ernstlich zweifelt. Und doch muss sich Hillary auch 50 Jahre nach dem denkwürdigen Ereignis immer wieder fragen lassen, warum denn kein Bild von ihm auf dem Gipfel des Everest existiert. Hillarys stereotype Antwort: Tensing habe den Umgang mit der Kamera nicht beherrscht. Folglich gibt es nur ein Bild von Tensing, das selbstverständlich Hillary selbst geschossen hat. Ein bisschen böswillig könnte man sagen: Nur weil es ein Bild von Tensing auf dem Gipfel gibt, glaubt die Weltöffentlichkeit, dass auch Hillary tatsächlich oben war, denn er ist auf dem Bild Tensings gewissermaßen indirekt anwesend.

Bilder, das zeigt auch diese Episode, dienen als Beweismittel, sie sind in einer zunehmend visualisierten Zeit Träger von Evidenz und Wirklichkeit. Umso verwunderlicher ist es, dass eine Disziplin wie die Geschichtswissenschaft, die darum bemüht ist, Ereignisse der Vergangenheit so wahrheitsgetreu wie nur möglich zu rekonstruieren, den Informationsträger Bild noch nicht entdeckt hat. Das jedenfalls behauptet der renommierte britische Historiker Peter Burke in seinem jüngsten Buch Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen. "Es gibt kaum eine historische Fachzeitschrift mit Illustrationen", so Burke, "und nur wenige Autoren nutzen die Möglichkeit der Bebilderung, wenn sie sich ihnen bietet." Es ist die Textfixiertheit der Geschichtswissenschaft, die Burke mit seinem Buch aufbrechen will, das "visuelle Analphabetentum" der Historiker, mithin Annahme, dass Texte näher an die Wahrheit heranführen als Bilder.

Provokant wird Burkes These nun vor allem, weil seine Rede von Bildern keinesfalls nur auf Fotografien zielt. Auch Gemälde, Zeichnungen oder Holzschnitte können uns dabei helfen, Erkenntnisse über vergangene Zeiten zu sammeln - das ist der wesentliche Punkt von Augenzeugenschaft. Diese Kunstwerke halten, so Burke, "Aussagen von Augenzeugen fest" und können mit Blick auf diese Aussagen rekonstruiert werden. Burke ist sich natürlich darüber im Klaren, dass Bilder - ob als Fotografie oder als Gemälde - die Wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden, dass es also keinen "völlig objektiven, von jeglichen Erwartungen oder Vorurteilen freien Blick" gibt. Aber gerade in dem, was sie auslassen, in den Idealisierungen oder Verzerrungen geben Bilder Aufschluss über vergangene Mentalitäten, und das auf eine Weise, die vielleicht überhaupt nicht in Worte gefasst werden kann oder nie in Worte gefasst wurde.

Was bedeutet es etwa, wenn sich ein Monarch wie Louis Philippe im Jahre 1831 ohne Königskrone und in der Uniform der Nationalgarde porträtieren lässt? Nach Burke drückt sich darin eine "absichtlich bescheidene" Art aus, die Volksnähe suggerieren soll. Das Porträt Louis Philippes offenbart dem wachsamen Auge damit etwas darüber, wie sich der Monarch selbst gerne gesehen hätte. Sozialhistoriker wiederum können sich auf Bilder stützen, um etwas über die Tätigkeiten zu lernen, die Frauen in vergangenen Zeiten ausgeübt haben, Tätigkeiten, die in kaum einem Text erwähnt werden, weil die Verrichtungen des Alltagslebens nun einmal nicht "geschichtsträchtig" genug waren. Wie Europäer den Orient wahrgenommen haben oder die amerikanischen Indianer, auch das lässt sich nach Burke besonders gut mit Hilfe der Bilder lernen, die Europäer von diesen Fremden angefertigt haben.

Diese Beispiele machen allerdings auch deutlich, dass nur der Bilder gut lesen kann, der schon viel weiß. Denn wie gelangen wir dazu, die in Bildern enthaltenen Vorurteile oder Idealisierungen als solche zu identifizieren? Wir müssen offensichtlich die Wahrheit oder das, was wir dafür halten, schon kennen, um die möglicherweise verzerrten Wahrnehmungen einer Epoche benennen zu können. Wie aber gelangen wir zu dieser Wahrheit? Burke sieht das Problem, gibt aber am Ende des Buches eine überraschend defensive Antwort: Bilder können die "Beweiskraft schriftlicher Dokumente sowohl ergänzen als auch bestätigen". Diese Dokumente scheinen damit gegenüber den Bildern einen privilegierten Status zu behalten, da sie einen, wie es einmal verräterisch heißt, "direkteren" Zugang zur sozialen Welt liefern als Bilder, die uns nur den Zugang zu "zeitgenössischen Sichtweisen" bestimmter Ereignisse erleichtern. Warum aber sollten Texte weniger verzerrt oder idealisierend sein als Bilder?

Um auf diese Frage zu antworten, hätte sich Burke offensichtlich auf schwierige methodologische und erkenntnistheoretische Diskussionen einlassen müssen, die er gleichwohl um jeden Preis vermeidet. Der Ehrlichkeit halber sei gleich hinzugefügt: Augenzeugenschaft wird durch diesen Theorieverzicht zu einem ungemein gut lesbaren Buch, das darüber hinaus durch zahlreiche Abbildungen glänzt.

Für die aber, die gerne etwas tiefer schürfen, bleibt zu vieles im Vagen, da Burke in fast allen Kapiteln dazu neigt, zahllose Beispiele für seine Grundthese anzuhäufen, ohne eines davon einmal ausführlicher zu diskutieren. Dass uns Bilder Auskunft über vergangene Mentalitäten liefern können, dürfte - allemal nach diesem Buch - unbestritten sein. Aber könnte nicht die Diskussion der Frage, ob Bilder als historische Quellen dienen können, auch dazu beitragen, den Status anderer Quellen der Informationsvermittlung noch einmal zu thematisieren? Burke ebnet mit seinem Buch einen Weg, auf dem er selbst oder andere weiter gehen sollten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare