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Maxie und Fred Wander, 1976.

Maxie und Fred Wander

Zum Entdecken freigegeben

Ein ungewöhnlicher Blick auf die DDR: Die Archive von Maxie und Fred Wander liegen jetzt in der Akademie der Künste in Berlin und werden erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Von Cornelia Geissler

Ein Buch hat Maxie Wander veröffentlicht, das machte sie berühmt: „Guten Morgen, du Schöne“. Die zu Porträts geronnenen Protokolle aus Gesprächen mit 19 Frauen unterschiedlichen Alters, verschiedener Berufe, Herkunft und Interessen regten vor allem Leserinnen an: zur Selbstbefragung, zum Zwiegespräch, zu Briefen an die Autorin. Maxie Wander starb kurz nach Erscheinen des Buches 1977 in Potsdam an Krebs.

Mehrere Bücher brachte Fred Wander heraus, zweifellos sein wichtigstes war der Roman „Der siebente Brunnen“. Darin gibt er, der Holocaust-Überlebende, den Häftlingen verschiedener Konzentrationslager eine Stimme. Es war „der Stoff seines Lebens“, wie Christa Wolf sagte. Doch wurde sein Werk nie so bekannt, wie er es verdient gehabt hätte. 2006 starb er in Wien, begraben ist er wie Maxie Wander in Kleinmachnow bei Berlin. Jetzt wird in der Akademie der Künste in Berlin an beide Schriftsteller erinnert. Und das könnte ein Beginn sein, ihre Bücher wieder zu lesen, ihre Lebensgeschichten zu ergründen. Denn die Berliner Akademie hat den Nachlass beider erworben.

Sabine Wolf, Leiterin des Literaturarchivs, hat schon zu Lebzeiten Fred Wanders versucht, an das Material zu kommen. Es ist ja keine Seltenheit, dass Schriftsteller ihren Vorlass freigeben. Gerade wurde die Archivübergabe von Alexander Kluge gefeiert, gerade meldete die Akademie den Erwerb von Volker Brauns Archiv. Es kommt in ein passendes Umfeld, etwa zu den Nachlässen von Heiner Müller und Christa Wolf. Mit Christa und Gerhard Wolf waren auch die Wanders eng befreundet, sie wohnten in der Nachbarschaft in Kleinmachnow.

Fred Wander war aus Wien an das Literaturinstitut Johannes R. Becher nach Leipzig gekommen, studierte im ersten Jahrgang zusammen mit Adolf Endler, Ralph Giordano, Erich Loest, heiratete 1956 die Wienerin Elfriede (Maxie) Brunner. Sie war seine zweite Ehefrau. Er ging mit ihr auf Reisen, baute sich mit ihr ein Leben in der DDR auf – durch die gemeinsamen Kinder blieb viel vom Alltag an ihr hängen. Während er immer schon der Schriftsteller war, blieb sie lange eine Suchende, die fotografierte, sich Notizen machte, aber auch als Sekretärin Geld verdiente.

Um mehr über das Leben der beiden zu erfahren, kann man Fred Wanders Autobiografie „Das gute Leben“ lesen, und Maxie Wanders Tagebücher und Briefe, die in zwei Bänden erschienen sind – „Leben wär’ eine prima Alternative“ und „Ein Leben ist nicht genug“, von Fred Wander posthum herausgegeben. Es gibt über sie auch eine Biografie von einer Journalistin, die sich einfühlte und Fakten sehr frei interpretierte. Fred Wander hatte gegen das Buch protestiert.

Fred Wander, der als Sohn von aus Galizien gekommenen Juden schon als Jugendlicher in Wien arbeiten musste, der vor den Nazis nach Frankreich floh, aber von dort nach Auschwitz und schließlich Buchenwald deportiert wurde, hat es am Ende doch noch geschafft, das „gute Leben“ zu führen. Der Mann, der eigentlich Fritz Rosenblatt hieß, sah sich oft als Wanderer, seine Sesshaftigkeit in der DDR währte ein paar Jahre, glückliche und schwierige. Mit seiner dritten Frau ging er nach Wien zurück.

Die Witwe verwahrte seine Bibliothek, seine Aufzeichnungen, und auch die von Maxie Wander. Jetzt entschloss sie sich, alles nach Berlin zu geben. Derzeit sichte und ordne sie nur eine erste Lieferung, sagt Maren Horn, die in der Akademie mit dem Fred-und-Maxie-Wander-Archiv betraut ist. Viele Briefe aus der Zeit, als Fred Wander in Leipzig studierte und Maxie noch in Wien wohnte, seien dabei. Etliche Fotos, von denen die wenigsten in Bücher oder Zeitschriften Eingang fanden.

Ärger mit der „Märkischen Volksstimme“

Maren Horn betreut auch Inge und Heiner Müller, Imre Kertesz und Arnold Zweig. Dass sie nun den Nachlass der Wanders auswerten dürfe, sei für sie ein Glücksfall. Sie zeigt, was am Abend der Archivpräsentation in Vitrinen zu sehen sein wird: Ausweise, handschriftliche Blätter, Alben. Zu einem Foto aus der Turkmenischen Sowjetrepublik gibt es einen Brief Maxie Wanders an die „Märkische Volksstimme“, die in Potsdam erscheinende SED-Bezirkszeitung. Die Autorin wollte eine Reisereportage, die bereits in der „Wiener Volksstimme“ erschienen war, auch in der Zeitung veröffentlichen, die sie und ihre Nachbarn lasen. Sie wehrt sich gegen Streichungen und Entstellungen. Nun werde ihr klar, schreibt sie, warum die Zeitungen in der DDR so uninteressant seien.

Fred Wander hinterlässt Vorstufen von Büchern, aber auch „Allerlei Gedanken“, die er in Kladden notierte. Das Schreiben gehörte zu seinem Leben dazu, war Überlebensmittel. Das spüre man, wenn man das Archiv sichte, sagt Sabine Wolf. Eine Ausgabe von Erich Fromms „Ihr werdet sein wie Gott“, der Auseinandersetzung des Psychoanalytikers mit dem Alten Testament, hat Wander regelrecht durchgearbeitet. Auf etlichen Seiten finden sich Anstreichungen unterschiedlicher Art, dazu Randnotizen.

Weil sie in der DDR lebten, wurden Maxie und Fred Wander vom Westen aus oft als DDR-Autoren angesehen. Archivchefin Wolf betont: „Sie waren Österreicher und hatten nicht nur mehr Freiheiten als die übrigen Bürger, sie hatten auch einen besonderen Blick auf die Verhältnisse.“ Was aus dem Material wird, können die Mitarbeiterinnen der Akademie nicht sagen. Sie seien nur dafür da, dass es aufbereitet und aufbewahrt wird. Entdecken müssen es andere.

Akademie der Künste, Berlin: Archivpräsentation und Lesung am 24. September. www.adk.de

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