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Von der Fähigkeit zu lieben

Engel verzehrt sich

Aufwühlend: Der Debüt-Roman von Gunther Geltinger. Keine ausschließlich angenehme Lektüre. Von Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Es wäre nicht richtig zu behaupten, "Mensch Engel" sei eine . Dazu zieht einen das Debüt von Gunther Geltinger viel zu sehr hinein in den Sog der - vermeintlichen - Ausweglosigkeit des Helden. "Mensch Engel" ist eine große Selbstsuche mit Hilfe der Literatur, und diese lässt die schöne Möglichkeit zu, zwischen Echt und Falsch, zwischen Realität und Wahn bis zur Unkenntlichkeit zu schwanken. Davon macht Gunther Geltinger häufig Gebrauch; er hat, mit Musil gesagt, einen starken Möglichkeitssinn.

Leonard Engel, der Held und Erzähler, weiß genau, was ihm fehlt: die Fähigkeit zu lieben. Kaum überkommt ihn die Zuneigung, tritt er sie mit Füßen. Was nicht daran liegt, dass er seit seiner ersten Verliebtheit in Marius auf Männer steht und ein unsicheres Verhältnis zu seiner sexuellen Identität hätte. Es liegt an etwas anderem, das ihn quält, aufreibt, antreibt. Neben der Liebesgabe fehlt ihm die Gabe des Schlafs; ihn kann er ausschließlich mit Tabletten erzwingen. Seiner schönen lethargischen Mutter ergeht es ähnlich (und das sagt natürlich alles); sie liegt meistens im abgedunkelten Schlafgemach des elterlichen Hauses, gegen Dauerkopfschmerz und Schlaflosigkeit anwimmernd, panisch bewacht vom Vater, einem Herrn Oberarzt, der hilflos zusieht. Die Lage ist so trüb wie der nahe Main: Die Gefühle im Hause Engel sind erschöpft vor Anspannung und Angst.

Eines Tages beginnt Engel in einer Wohnung in Köln, seine Geschichte aufzuschreiben, in der Hoffnung, sich aus dem Gefängnis seiner Seele und seines geschundenen Körpers zu befreien. In der Hoffnung, den Teufelskreis von Betäubung, Rausch und Selbstverletzung zu durchbrechen. In der Hoffnung, seines Freundes Boris so rührend normale Liebe endlich erwidern zu können. Das Ergebnis ist eine Education der besonderen Art. Gerade die Normalität, das regelmäßig tickende Uhrwerk aus Arbeit, Pflicht und Fürsorge, gilt einem Dropout wie Engel als abstoßend. Engel aalt sich in seinem Selbsthass, der jeden Moment gegen andere losbrechen kann: gegen den gutmütigen Schulfreund Volker, der ihm verfallen ist; gegen seinen französischen Schwager, den er so grobschlächtig wie sexy findet; oder eben gegen Boris, der den übernächtigten, ausgezehrten Engel in einem Waschsalon aufgabelt und aufnimmt in sein geordnetes Kölner Lehrerleben.

Es fließen nicht nur die Flüsse in diesem Buch - drei an der Zahl -, es fließt auch Blut: Engel gewöhnt sich an, sich ins eigene Fleisch zu schneiden, um durch den Schmerz Ruhe zu finden vor seinen Gespenstern. Es gefällt ihm, die anderen mit seinen Wunden zu erschrecken. Eine große Qualität des Romans besteht darin, die Fragwürdigkeit der Engelschen Feier des Kaputten herauszustreichen und dafür eine Form zu suchen, die einerseits eben das Kaputte spiegelt, andererseits es zu objektivieren versucht. Eine Fallstudie im Sinne der Psychoanalyse kann so ein Roman natürlich nicht sein, wenngleich Engels "Fall" durchaus transparent wird im Lauf der sieben Kapitel. Die schwierige Gratwanderung zwischen dem psychischen Dauerkonflikt des Helden und einer übergeordneten Poetik: Schafft der 34-jährige Debütant das?

Interessant, wichtig ist dies: Bei Geltinger geht es nicht (mehr) um die Eroberung von Räumen für das Verlangen. Diese Räume sind längst da, glitzern vulgär und verlockend und erheben die Unverbindlichkeit zum Prinzip: Die Wiener Schwulenbar etwa, in der der brasilianische Stricher Tiago in Engels Blickfeld tritt - eine grandiose Szene. Hier haben Scham und Schüchternheit keine Chance; hier wird der arme Volker, der Engel in die Donaustadt begleitet, um ihn seiner Schwester Feline vorzustellen, endgültig zum Ausgeschlossenen. Hier gerät Engel in die Fänge der Halbwelt, deren Schwingen weiterreichen, als man zunächst ahnt. Dass Engel in dem Ekel, der ihn unmittelbar nach der Geilheit überfällt, fast umkommt, ändert nichts, rein gar nichts an den Gegebenheiten. Sucht und Wiederholung sind untrennbar. Das Ergebnis heißt Klinik, Entzug, Psychiatrie.

Feline, Volkers Schwester, ist ebenfalls eine Flüchtende - und eine Figur, wie man sie in der jüngeren Literatur noch nicht gesehen hat: fettsüchtig, kunstbeflissen, intelligent, hinterhältig, apathisch, gespenstisch. Als Engel sie Jahre später mit seinem neuen Freund Boris besucht, ist sie dünn geworden, Mutter einer kleinen Tochter, Frau eines netten Mannes; und doch wittert Boris "eine unheimliche Frau", was wiederum Engel wütend macht, denn obwohl er sich mit der einst Vertrauten selbst nicht mehr verständigen kann, will er doch zu Boris' Normalität immer noch nicht gehören. Und das, obwohl Engel sehr wohl bemerkt, wie brüchig die neue spießbürgerliche Hülle Felines ist, eine durch Therapien antrainierte künstliche Haut, dem brodelnden Kern bloß übergestülpt.

Wie gut, dass Geltinger nicht versucht, die Wunden zu heilen! Mimetisch schmiegt er sich dem inneren Müll an, dessen Wahrhaftigkeit nie in Frage steht. Zugegeben, ein trauriges Buch. Und doch ist der Autor ein vitaler Schreiber, der die Liebes- und Lebenssehnsucht in jeder Zeile spürbar macht. Im Gespräch gibt er zu, dass er ein "vollkommen uncooles Buch" geschrieben habe. Dem ist, mit großem Respekt, zuzustimmen.

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