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Engel überreichen das Gewünschte

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Olga Martynova neben ihrem Arbeitsplatz zuhause im Frankfurter Ostend.
Olga Martynova neben ihrem Arbeitsplatz zuhause im Frankfurter Ostend. © Andreas Arnold

Romanfiguren treten an eine Schriftstellerin heran, die daraufhin an einem neuen Buch arbeitet und sich sicher ist: "Diesmal wird keiner denken, mein Buch sei autobiographisch.“

Von Olga Martynova

Noch bevor ich den letzten Punkt des Romans „Mörikes Schlüsselbein“ setzte, trat aus den Manuskriptblättern Caspar Waidegger hervor und fragte, warum ich ihn als einen narzisstischen Egoisten und dazu noch in einem so komischen Licht gezeigt hatte. Er hatte seine Lebensgeschichte mitgebracht, und ich dachte, ja, er ist eigentlich tatsächlich ein liebenswerter Mensch, und Mitgefühl verdient er sowieso, wie wir alle. So ist er zum Protagonisten des Buches geworden, an dem ich gerade schreibe. „Gut, gut“, sage ich mir, „diesmal wird keiner denken, mein Buch sei autobiographisch.“

Dem auf diese Weise angekommenen Waidegger folgte Laura, die in meinem ersten Roman „Sogar Papageien überleben uns“ einen kleinen Auftritt hatte, einen um etwas größeren in „Mörikes Schlüsselbein“, in beiden sinn- und hoffnungslos in Caspar Waidegger verliebt.

Das, was sich zwischen ihnen nun abspielt, ist kompliziert genug, aber es gibt einen weiteren Strang, der in Caspar Waideggers Lebensgeschichte nicht zu übersehen und nicht zu umgehen war. Dabei geht es um die Euthanasie im Dritten Reich. In der nächsten Umgebung meines Schreibtisches liegen die Bücher von Götz Aly und Ernst Klee und einige andere, die gelesen und mit bunten Lesezeichen versehen sind.

Ich komme sehr langsam voran. Ich wache jeden Morgen mit dem Gedanken auf, dass es nichts Wichtigeres gibt als das. Aber es geht mir nicht darum, irgendwelches Wissen zu vermitteln, es gibt genug Wissen darüber auf der Welt. Es geht mir um unbegreifliche Geschichten, wie die der kranken Kinder, die nur deshalb getötet wurden, weil Ärzte ihre Gehirne präparieren und untersuchen wollten. Wie kann man darüber überhaupt schreiben? Ich meine: literarisch.

In „Sogar Papageien überleben uns“ sollte die Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen im Laufe des Zweiten Weltkrieges erwähnt werden, während der mehr als eine Million Menschen verhungerten. An dieser Stelle wechselte mein Buch ins Mythische, ins Metaphorische, ins Märchenhafte (wir wissen ja, wie unheimlich Märchen sein können, die Spuren welcher Grausamkeiten sie tragen: Denken wir nur an den Kleinen Däumling, der in Zeiten der Hungersnot mit seinen Brüdern von den Eltern im Wald ausgesetzt wurde). Ich werde weder die Zeit noch den Ort erwähnen. „Das Dritte Reich“ werde ich nicht sagen, auch „Aktion T4“ nicht. „Es ist ebenso vernünftig, eine Art Gefangenschaft durch eine andere darzustellen, wie irgendetwas wirklich Vorhandenes durch etwas, das es nicht gibt“, sagte Daniel Defoe, wiederholte Albert Camus, werde auch ich lautlos wiederholen.

Die alten Griechen wussten, was sie taten, wenn sie alle Gewalttaten hinter der Bühne erledigten und nur den Boten und den Chor über sie berichten ließen. In meinem Buch werden Engel die Funktion des Boten und des Chors übernehmen. Über sie muss ich etwas mehr erzählen: Es gibt in Russland in einer Kirche eine Krypta, wo eine Wandmalerei zugemauert gewesen war, bis Archäologen sie entdeckten und sagten, es sei von Anfang an so gedacht gewesen, das Bild sei nur für die Augen Gottes bestimmt gewesen. Und für die Engel. Kunstwerk als Einsiedler. Dieses Fresko und diese Engel habe ich in einem Artikel erwähnt, um die Situation des Künstlers zu beschreiben, der zwischen dem Wunsch, Einsiedler zu sein, und dem Wunsch, den anderen sein Werk zu zeigen, oszilliert.

Die Engel, die das zugemauerte Bild für sich allein hatten (ob der Herrgott die Krypta je besucht hat, ist ungewiss), bis es entdeckt wurde, blieben in meinem Bewusstsein und kamen in den Roman. Allerdings brachten sie vieles mit, was dorthin nicht gehörte. Ich zögerte, weil ich mir überlegen musste, wohin damit. Ein Theaterstück rettete die Lage, es nahm alles auf, was in den Roman nicht passte. Auch die Engel nahmen dort ihren Platz ein (ohne den Roman zu verlassen, Engel vermögen solche Dinge).

Das Stück heißt, in Anlehnung an den Titel einer von Paul Klees Zeichnungen, „Engel überreichen das Gewünschte“. Es liefert einige Gemälde der Einsamkeit und der Aufmerksamkeit eines einzigen Betrachters aus. Damals beschäftigten sich alle Zeitungen mit der umstrittenen Kunstsammlung Cornelius Gurlitts, der fast seine ganze Zeit selbander mit dieser Sammlung verbrachte und sich kein anderes Leben wünschte.

Mich hat das Thema Mensch allein mit der Kunst schon immer fasziniert. Als Teenager habe ich ein halbes Jahr als Saalwärterin im „Russischen Museum“ in Leningrad (St. Petersburg) gearbeitet. Das ist eine prächtige Sammlung der russischen Malerei, der Job war gut und wäre herrlich gewesen, wären die Besucher nicht da gewesen. Es gibt einen posthum veröffentlichten Roman von Erich Maria Remarque, „Schatten im Paradies“, von dem ich überhaupt nichts mehr weiß, außer, dass jemand, der sich verstecken muss, bei den Bildern in einem leeren Museum übernachtet. Diese Vorstellung hat mich fasziniert.

Mein Theaterstück ist um Gottes Willen kein Stück über Cornelius Gurlitt, seiner Geschichte aber verdanke ich die Entscheidung, es zu schreiben. Im Stück verbringt ein Mensch sein ganzes Leben – von der frühen Kindheit bis zum hohen Alter – unter Bildern, die seine einzige Gesellschaft sind (der erste Titel war „Zugemauert“). Ich frage mich, ob sich je ein verrückter Regisseur findet, der es aufführt.

Wie auch immer, jetzt bin ich zurück bei den anderen Bildern, die mich nicht loslassen. Vor kurzem stand ich in Berlin vor der neuen Gedenkstätte für die Euthanasie-Ermordeten, hinter der Philharmonie, Tiergartenstraße 4. Das ist eine längliche Tafel mit Informationen. Die Menschen vor der Tafel spiegeln sich in einer durchsichtigen blauen Mauer, die einige Meter weiter steht. Blau wie das „B“ von Zyklon B, obwohl die Blausäure, die die Menschen verschwinden ließ, farblos ist. Andere Menschen, die hinter dieser Glasmauer vorbeilaufen, unterscheiden sich von den Spiegelbildern kaum, alle sind sie dunkelblau und unscharf. Aus einiger Entfernung und seitlich die blaue Wand betrachtend kannst du, wer Spiegelbild und wer real, d. h. wer auf welcher Seite ist, nur dadurch erkennen, dass die einen Figuren ihren Gang außerhalb der Mauer fortsetzen und die anderen verschwinden.

Die Menschen, die die T4 (und später andere Stellen) verschwinden ließ, wurden „erledigt“, so stand in ihren Akten. „Wer hinnimmt, dass die eigenen Angehörigen halböffentlich ermordet werden, der bleibt gleichgültig, wenn später sechs Millionen Juden in den Tod deportiert werden und zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Lagern verhungern“, hat Götz Aly in einem Interview gesagt. Höchstwahrscheinlich wird dieser Satz zu einem Motto in meinem Buch werden.

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