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Engel hat sich der Dichter abgewöhnt

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Von: Dirk Pilz

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Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Thomas Rosenlöcher, der das Hoffen so wenig wie das Zweifeln aufgegeben hat.

Von den vielen seiner Bücher trägt der vor 15 Jahren erschienene Gedichtband den treffendsten Titel: „Hirngefunkel“. Denn dass die geglückte Dichtung dem Leser nicht nur unerwartete Gedanken und Gefühle ins Hirn sendet, sondern diese auch funkeln, flimmern, zittern lassen, gehört zu den schönsten Erfahrungen beim Lesen von Thomas-Rosenlöcher-Texten.

Wobei das Schöne voller Zweispalte, Risse und Auseinandergelegenheiten ist. Man liest Rosenlöcher und weiß sich zwischen alle Stühle gesetzt. Es kann einem geschehen, dass man sich danach nicht wiedererkennt, aufschrickt, in Assoziationen und Erinnerungen verhakt. Schöneres gibt es nicht.

Die Gedichte, Geschichten und Gedankensammlungen Thomas Rosenlöchers sind stets frei von Heimeligkeit, nie machen sie es sich in liebgewonnenen Überzeugungen gemütlich – auch das macht ihre Strahlkraft aus. Aber sie haben das Hoffen so wenig aufgegeben wie das Zweifeln, das Selbstbezweifeln eingeschlossen. „Engel hab ich mir abgewöhnt“ verkündet einer seiner Essays, aber „glücklich unter Rosen hocken / hält selbst das Weltende auf“, antwortet ein Gedicht.

Als Rosenlöcher 1982 mit 35 Jahren debütierte, mit dem Band „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz“, hatte er bereits einen dichterischen Ton, eine sprachliche Temperatur gefunden, die das Alltägliche vom Allgemeinen nicht abschnitt, das Politische nicht vom Persönlichen trennte, das Poetische nicht vom Konkreten.

Rosenlöcher wisse seinen Gedichten „eine unaufdringliche, unversehens und leicht geschürzt daherkommende Gleichniskraft mitzugeben“, hat sein Kollege Wulf Kirsten über ihn geschrieben. Und er weiß dabei um die „Stockwerke des Dunkels“ wie um die „Wunder“ einer einzelnen Blüte. Wunder ja, aber keine Blüte ist unschuldig, kein Gedicht steht bei ihm außer der Welt.

Rosenlöcher ist, gerade in seinen Essays, ein schonungsloser Selbst- und damit Weltbeobachter. Er wurde in Dresden geboren, gehörte im „Dreibuchstabenland“ DDR zur SED, studierte Betriebswirtschaft, arbeitete als Ingenieurökonom, kam ans Leipziger Institut für Literatur – und beschrieb den Umschwung von 1989 mit seinem Dresdener Tagebuch „Die verkauften Pflastersteine“, das eines der ehrlichsten, widerspruchsreichsten, besten Wende-Chroniken überhaupt ist. Ein Buch über Mitschuld und Wendehoffnungen zugleich, über Enttäuschung und Euphorie; man sollte es gerade heute wieder lesen, um die feineren Tiefenspannungen des wiedervereinigten Deutschland zu begreifen. Thomas Rosenlöcher, der sächsische Meister, entdeckt sie in sich selbst, in Winzigkeiten wie in den größten Weltzusammenhängen.

Als er einmal zur Elbfähre lief, so hat Wulf Kirsten übermittelt, fragte ihn ein vor einem Kneipengeländer lehnender hochprozentiger Zeitgenosse: „Nu, Rosenlecher, dichdesd de wieder?“ – „Ach was, spaziern geh ich.“ – „Klar dusde dichden: De Veechl sing im Gezweich.“ – „Noch nie war mein Gesamtwerk so treffend charakterisiert worden“, sagte sich Rosenlöcher auf dem Weg zur Fähre hinunter. Am heutigen Samstag wird dieser Dichter 70 Jahre alt, wir danken und gratulieren.

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