Neal Shusterman

Es ist endlos da unten

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„Kompass ohne Norden“: Neal Shusterman findet Worte für einen Fall von Schizophrenie. Ein Jugendbuch? Offenbar auch.

Zwei Dinge weißt du. Erstens: Du warst da. Zweitens: Du kannst nicht da gewesen sein.“ Der US-Schriftsteller Neal Shusterman hat Erfahrung mit Paradoxen. Er erfindet sie seit Jahren für seine Science-Fiction-Jugendbücher, von denen einige auch auf deutsch erschienen sind („Vollendet“, „Scythe“). Die ersten Worte seines Romans „Kompass ohne Norden“ aber markieren keine neue Fiktion, sondern eine Wahrnehmungsfalle, in der sein eigener Sohn viele Jahre gesteckt hat. Trotzdem ist das Buch keine Dokumentation. Es handelt sich vielmehr um ein poetisches Prisma, dessen Struktur so anspruchsvoll ist wie sein Sujet. Es ist Literatur. Aber auf der Grundlage authentischer Erfahrung.

Ein Jugendlicher, eine Künstlernatur, sinkt in die Tiefe. Er rutscht aus dem Koordinatensystem der Weltvorstellung, die die anderen Menschen teilen, und ertrinkt in einem eigenen Universum aus Bildern, Klängen und wabernden Konsistenzen. „Unser Hotel lag irgendwo in der linken Achselhöhle eines fetten Typen in Queens.“ Das Hotel ist echt, Queens ist echt, der Besitzer ist wirklich fett und hat eine linke Achselhöhle. Aber die Konkretheit des Gefühls, genau dort zu siedeln, zieht Caden unter Wasser.

Caden leidet an Schizophrenie. Er verbringt einige Wochen auf einer psychiatrischen Jugendstation, erlebt das Auf und Ab des ärztlichen Herumexperimentierens mit Medikamenten, lernt Gleichaltrige in ihren je eigenen Situationen kennen und kann die Einrichtung am Ende wieder verlassen. Nicht geheilt („,Es ist endlos da unten‘, sagt der Kapitän. ,Und lass dir von niemandem was anderes einreden‘“). Aber stabilisiert. Er wird klarkommen können, so wie Shustermans Sohn Brendan in Wirklichkeit auch.

Das Buch, das im Original „Challenger Deep“ heißt, also eine Raumfahrt in die Tiefe ankündigt, operiert genretreu mit einer Entdeckungsdramaturgie. Die Wahnwelt, die bei Caden auf See angesiedelt und mit maritimen Figuren bevölkert ist, spiegelt durchaus die realen Ereignisse seiner Therapie, aber den Entpixelungscode bekommt man nur Stück für Stück in die Hand. Ein Papagei und ein Schiffsjunge treten auf, ein Steuermann, eine Galionsfigur. Der Kapitän aber spielt erwartungsgemäß die wichtigste Rolle.

Ein seltsames Buch, ein schönes Buch, dessen von Ingo Herzke wunderbar rhythmisiert ins Deutsche übertragene Sprache fast süchtig macht.

Ein Jugendbuch? Ich wollte es eigentlich nur testlesen, um zu entscheiden, ob es sich für eine 14-Jährige eignen könnte. Und während ich zum Schluss kam, dass das eigentlich nicht der Fall ist, fing meine Tochter bereits an, das spielerisch assoziative Sprechen des Steuermanns zu imitieren.

Literatur, die im allerbesten Sinne an einem vorbeizieht.

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