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Vorsicht, Senioren!

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar ...

Endlich Ruhe

Dimitri Verhulsts unlustiger Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“.

Von Sabine Vogel

Seit dem irren Erfolg des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ gelten Romane mit umständlichem Relativsatztitel, der den Inhalt zusammenfasst, als Garanten für lustige Wohlfühlbücher. Diese Erwartungen erfüllte zuletzt die ziemlich geistreich gekalauerte Flüchtlingsodyssee „Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte“ des französischen Debütanten Romain Puertolas. Dabei hatte der Ursprung der Relativsatztitelei, die Fällesammlung des amerikanischen Neurobiologen Oliver Sacks – „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ – von 1985 so gar keine komischen Absichten gehabt.

Das kann man bei dem flämischen Schriftsteller Dimitri Verhulst wiederum nicht so klar ausschließen. Schließlich landete der 1972 geborene Autor mit dem Hau-Rein-Titel „Die Beschissenheit der Dinge“ schon mal einen Bestseller, der auch gleich verfilmt wurde. Nun reiht sich sein „Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ auch noch in das wachsende Genre der Altersheimklamotten ein. Weil demente Alte in vollen Windeln manchmal tatsächlich auch (unfreiwillig) komisch sein können – oder weil Gelächter manchmal hilft, die Beschissenheit des Lebens zu ertragen – ist das für Unterhaltungsliteratur ein fies glitschiges Terrain.

Einen auf Alzheimer machen

Eine Methode, den debilen Kranken ihre „Würde“ zu lassen, besteht darin, sie ihre Rolle als vergessliche Tattergreise scheinbar spielen, ihre Hilfsbedürftigkeit bei vollem Bewusstsein nur vorgaukeln zu lassen und sie zum Ich-Erzähler zu machen. Das geht dann etwa so: Lasst uns einen auf Alzheimer machen und Vollpension auf Krankenschein kassieren! Diese Konstruktion der betrügerischen lustigen Rentnerinnen hatte Anita Augustin in ihrer schrillen Komödie „Der Zwerg reinigt den Kittel“ zu einem grandios bösen Höhepunkt getrieben.

Verhulsts Bibliothekar beschließt, wie der Titel ja klarstellt, einen auf dement zu mimen, um endlich Ruhe vor den Zumutungen des Sozialen zu haben. Welch selige Rache ist es, seine nervige Gattin „zu vergessen“. Er lernt, ins Bett zu machen, Unsinn zu brabbeln, verachtete Schlager zu singen, er simuliert den Angstblick des Verunsicherten, der nichts mehr erkennt, er begrüßt die existenzielle Nacht und triumphiert ein letztes Mal über sein missglücktes Leben. Das ist überhaupt nicht lustig und das ist das Beste, was man über das Buch sagen kann.

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Luchterhand, München 2014. 159 S., 12,99 Euro.

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