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Er umfährt mit einem Autowrack die „gepriesene Hauptstraße der DDR-Lyrik“.

Adolf Endler

Endlich Endler

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Das Endlereske ist eine Kunstbewegung für sich: Die Gedichte als Gesamtausgabe.

Ein ganzes Leben auf Worte bauen, das ist nicht nur wie das tägliche Brot. Welcher zeitgenössische Dichter, ausgenommen vielleicht Enzensberger und umliegende Ortschaften, bekommt das: eine historisch-kritische Ausgabe aller nachweisbaren Gedichte? Von Adolf Endler (1930-2009) sind „Die Gedichte“ im Wallstein Verlag erschienen. Gedichte eines literarischen Outlaws, mit Anhang neunhundert Seiten. Wie in Endlers Leben beruht auch die Ausgabe seiner Gedichte auf dem Grundsatz, nichts auslassen. Die erlösende Meldung: Im November Platz 1 der SWR-Bestenliste.

Adolf Endler ist als Dichter ein Solitär, auch wenn er für die „Sächsische Dichterschule“ oder die „Prenzlauer Berg Connection“ als Namensgeber gilt. Sein unersättlicher Schreibdrang, sein einnehmendes rheinisches Temperament, die seltene Verbindung von Magie, logischem Ernst und Pointe, seine Skepsis ohne Larmoyanz und nicht zuletzt sein radikaler Individualismus machen ihn zu einer Ausnahmeerscheinung der ostdeutschen Literaturlandschaft. Das „Endlereske“ ist eine Kunstbewegung für sich. Der Dichter wird frei und hoch, wenn er schreibt. Nicht sofort wird alles kenntlich. Es ist ein weiter Weg, bis auch das Surreale die poetische Überlegenheit über den realistischen Augenblick gewinnt. Alles, was die sozialistische Utopie angeht, ist Vorgeschichte. Auf Umwegen geprüft.

1930 in Düsseldorf als Sohn einer belgischen Mutter und eines böhmischen Vaters geboren, hört der Heranwachsende „Feindsender“, erlebt Luftangriffe, leidet unter dem Drill der Kinderlandverschickung. Zwei Jahre nach Kriegsende veröffentlicht er sein erstes Gedicht „Große Stadt, Irgendwo“. Geschichte von unten, Borchert-Stil: „Hunger in den Taschen.“

Fortan bekommt alles mit allem zu tun: Die NS-Zeit, das Schweigen danach, das Wirtschaftswunder. Als Gegner der Wiederbewaffnung, aber auch als Brecht- und Huchel-Leser geht Endler 1955 in den Osten. Am Institut für Literatur in Leipzig wird er von den bald einsetzenden Schießübungen freigestellt – als Friedenskämpfer aus Westdeutschland. Noch glaubt er, nach dem NS-Debakel die „richtige Seite“ gefunden zu haben und ist erfüllt von der „Neuen Zeit“. Er steht mitten drin, seine Dichtung auch, serieller Agitprop darunter. Und doch gibt es selbst in seinen ersten beiden Gedichtbänden „Erwacht ohne Furcht“ und „Die Kinder der Nibelungen“, mitten in der Aufbruchsstimmung, immer mal ein Räuspern, wie das Selbstbild vom „hilflos niederfallenden Ast“. Der „Fortschritt“ liegt als schwere Hand auf der Schulter.

Endler ist auf Dauer nicht einzufangen in den Sozialistischen Realismus, dieser ewigen Vorstufe von Kunst. Anfang der Sechzigerjahre verändert sich sein Ton, er verlässt flagrant den realistischen Sektor und umfährt mit einem Autowrack in den Berliner Rieselfeldern die „gepriesene Hauptstraße der DDR-Lyrik“: „Du hast gewonnen. Ja, ich fahr mit dir … / O Auto ohne Räder, Wischer ohne Scheiben … / Denn du verlangst kein Aufenthaltspapier …“ Das Surreale gewinnt die poetische Überlegenheit über den realistischen Augenblick. Mit den überraschenden Gegenwärtigkeiten des Absurden rennt Endler hinfort immer heftiger gegen den schläfrigen Frieden an, der wie Blei über dem Ländchen liegt. Zuwider werden ihm alle roten Preußenpflichten.

Spätestens 1979, mit dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, sind für Endler fast alle Publikationsfäden in der DDR „behördlich“ zerrissen. Aber er bleibt nicht blind für die eigene Gefährdung, er ist darüber hinaus. Er vertieft sich nicht nur unverdrossen in seine unabschließbare „Tarzan am Prenzlauer Berg“-Prosa, sondern schreibt weiter seine Gedichte und Capriccios in der Vorahnungsstille vor dem Mauerfall und als Wellenbrecher für überraschende Moralstürme danach.

Wie weit diese spiralförmige Bahn führt, zeigt Endlers lyrisches Hauptwerk „Der Pudding der Apokalypse, Gedichte von 1963-1998“ als vom Dichter „sowohl reduzierte als auch komplettierte Sammlung“. In dem Band „Krähenüberkrächzte Rolltreppe“ (2007) durchbricht er diese Strenge für eine Ausgabe älterer und neuerer Kurzgedichte; Frühes und Spätes, ein halbes Jahrhundert, korrespondiert hier miteinander.

Mit diesen beiden Bänden eröffnen die Herausgeberin Astrid Köhler und ihr Kollege Robert Gillett – unter der Mitarbeit von Brigitte Schreier-Endler – die Gesammelten Gedichte des Adolf Endler. So beginnt der Band mit dieser „Späten Auslese“ nicht nur auf der Höhe, sondern respektiert auch des Dichters Wertsetzung in Reihenfolge und Fassung. Danach macht man sich ein Bild vom langen Weg des Dichters. Und es lässt sich erkennen, dass auch die überschäumende Agitprop-Lyrik eine der Voraussetzungen für Endlers späteren schwarzen Humor wird, denn alles kann sich in sein Gegenteil verwandeln.

Köhler und Gillett – mit Meriten als Mitherausgeber der „Mutmassungen über Jakob“ von Uwe Johnson in der historisch-kritischen Rostocker Ausgabe – haben alle publizierten Gedichte zusammengeführt und zeigen sie in der Gestalt, die Endler zuletzt publizierte. Ihr fast dreihundertseitiger Anmerkungsapparat schafft Ordnung im wuchernden Varianten- und Beiwerk. Und es zeigt sich, ein Werk ist kein Handstreich, erst Intervalle geben es frei. Peter Geist hat ein werkvertrautes Nachwort geschrieben, verlässt aber die Höhe seiner Lesarten zu guter Letzt für eine Leitartikel-Pointe: Er sieht Endlers Figuren „ungreifbar für alle neu-ideologischen Zurüstungszumutungen für die kapitalistischen Verwertungsmaschinerien“. Bei solchem Geschütz würde Endler wohl den „Oberkommandierenden Gefreiten Breton“ zum „Uhrenvergleich“ rufen.

Zur Hauptsache: „Die Gedichte“ von Adolf Endler müssen keinen Uhrenvergleich scheuen. Seit 2016 angekündigt, ist dieser Band eine editorische Großtat. Sein lyrisches Gesamtwerk lag in guten Händen. Das braucht es auch bei einer „Sensiblen Armee“, die Endler vor fünfzig Jahren noch für den Rückzug bereit hielt: „E bündelt die Verse zu einer Armee / E führt sie rasch fort durch den Klee in den See / Dies Heer hob er einzig für Rückzüge aus / Beim Vormarsch würds schamvoll erröten“. Jetzt ist die gesammelte Vers-Armee auf dem Vormarsch. Es erröten nur Rezensenten, ob des Übersehenen.

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