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Auch Goldfische schwimmen mit.

Thomas Pynchon

„Die Enden der Parabel“ als Hörspiel: Steigt dabei in eine Kloschüssel ...

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Thomas Pynchons Riesen-Roman „Die Enden der Parabel“ nun als Mammut-Hörspiel in SWR2.

Für eine Begegnung mit Thomas Pynchon – oder soll man lieber sagen: Konfrontation? – ist diese Zeit genauso gut wie jede andere und vielleicht ja besser. Denn wer sich separieren muss, wird nicht ganz so erschrecken ob eines 14-Stunden-Mammuthörspiels, wird womöglich sogar zwei Nächte relativ froh damit verbringen. Wird außerdem leichter eine gewisse Wurstigkeit entwickeln können, die im Umgang mit Texten Pynchons allgemein anzuraten ist: eine Gleichgültigkeit die Frage betreffend, ob das alles überhaupt zu „verstehen“ sei. Ist es sowieso nicht.

Wer das nicht glaubt, möge das „pynchonwiki“, in dem die hartgesottensten Fans alles zu Pynchons Büchern zusammentragen, möge dort „Gravity’s Rainbow“ aufrufen und ein bisschen durch das alphabetische Register klicken und scrollen. Eben.

Denn schon da bricht die Fülle der Welt, bricht eine fabelhafte Maßlosigkeit über einen herein. Im Roman ein wenig kanalisiert nur durch die Tatsache, dass „Die Enden der Parabel“ (ins Deutsche übersetzt übrigens von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz) mehr oder weniger 1944/45 in London und Deutschland spielt. Aber eine Inhaltsangabe? Nicht möglich. Als „obszön und unlesbar“ lehnte 1974 die Pulitzerpreisjury „Gravity’s Rainbow“ ab; die des US-amerikanischen National Book Award bewies dagegen im gleichen Jahr Abenteuerlust und Urteilsvermögen und zeichnete den Roman aus.

Nachdem der SWR-Dramaturg Manfred Hess auf geheimnisvollen Wegen Pynchons Einverständnis für ein „Enden der Parabel“-Hörspiel eingeholt hatte – Pynchon ist, obwohl er nicht unter Pseudonym schreibt, neben Elena Ferrante der größte Unbekannte der Weltliteratur –, beschäftigte sich der Regisseur Klaus Buhlert zweieinhalb Jahre mit dem Buch. Buhlert hatte sich bereits an James Joyces „Ulysses“ herangetraut, jetzt baute er seine „Parabel“-Fassung nach dem bravourösen Motto „Keine Prinzipien – nur Nerven“. Mit „Nerven“ meint der Hörspielmacher vermutlich etwas Ähnliches wie Bauchgefühl. Denn Pynchon ist einerseits ein Fest für Exegeten, andererseits bleiben noch jede Menge Bilder und Assoziationen übrig, selbst wenn, notgedrungen, viele Anspielungen unerkannt vorbeischwirren.

Meister der Puppenspieler

So ist dieses Hörspiel zwar ein größenwahnsinniges Unterfangen. Aber ohne ein wenig Größenwahn kommt man einem Pynchon-Roman schon mal gar nicht bei, oder einem Autor, der nicht daran denkt, sich irgendwie zu beschränken. Man muss sich Pynchon als Puppenspieler vorstellen, der an Dutzenden von Fäden gleichzeitig ziehen kann – und Buhlert als seinen gelehrigen Schüler.

Und nun? Es knurpselt, knistert, wispert, raunt, scheppert, donnert, bellt (Dr. Pointsman möchte Hunde fangen für Experimente, steigt dabei aus Versehen in eine Kloschüssel, bleibt mit dem Fuß drin stecken). Es geht vom Bananensandwich über Thermodynamik, Goldfische, Kraken, Ejakulationen, die als Rakete niedergehen, bis zu einer Aufführung von „Hänsel und Gretel“. Als Sprecher sind unter anderen Golo Euler, Jens Harzer, Thomas Thieme, Corinna Harfouch dabei. Franz Pätzold ist Erzähler, Bibiana Beglau ist Erzählerin und dazu Agentin Katje – aber was heißt das schon in einem Textfluss, der ständig über die Ufer tritt. Der eine permanente Überflutung ist. 400 Figuren soll es in „Gravity’s Rainbow“ geben, die Verfasserin hat nicht nachgezählt, 1200 Seiten sind es in der rororo-Ausgabe.

Das „Enden der Parabel“-Hörspiel hat eigentlich nur eine Chance, aber es nutzt sie: nämlich beherzt in den pynchonesken Fluss zu steigen und mit der mächtigen Strömung zu schwimmen. Schwimmen Sie mit!

„Die Enden der Parabel“,SWR2, 17. April, 20.03–6 Uhr, 18. April, 20.03–4 Uhr. Deutschlandfunk: 18. April bis 5. Mai. Als Stream ab 18. bis 26. April in der SWR2 App. CD bei Hörbuch Hamburg.

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