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Kam unschuldig ins Gefängnis: Leberecht von Kotze.

Historisches Sachbuch

Das Ende der Standesmoral

Wolfgang Wippermanns „Skandal im Jagdschloss Grunewald“ erzählt vom Ende des Systems privater Rechtsfindung durch Duelle und der damit verbundenen atavistischen Vorstellungen von Ehre und Männlichkeit.

Von Rudolf Walther

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann entfaltet in seinem Buch die Geschichte und die Bedeutung eines Skandals im wilhelminischen Deutschland, der Fachhistorikern gut bekannt ist durch die monumentale Biografie Wilhelms II. von John C. G. Röhl und die Spezialstudien von Ute Frevert und C. Bringmann zum Duellwesen. Historisch interessierte Laien wissen dagegen nichts Genaues, weshalb es erfreulich ist, dass Wippermann den Fall auf handlichen 160 Seiten nacherzählt.

Der Skandal zog sich von 1891 bis 1896 hin und begann als zunächst harmlose Sexaffäre am Hofe des ehrgeizigen deutschen Kaisers Wilhelm II. Im Januar 1891 feierte eine illustre Gesellschaft von 15 adligen Damen und Herren im Jagdschloss Grunewald nach einer nächtlichen Schlittenfahrt eine Sexparty. Unter den Teilnehmern waren Personen aus der Nähe des Kaisers, darunter sein Schwager Ernst Günther, Herzog von Schleswig-Holstein. Mit dabei war auch Friedrich Karl von Hessen, der mit einer Schwester des Kaisers verheiratet war sowie das Ehepaar Friedrich und Charlotte von Hohenau. Er war als Homosexueller bekannt, und sie genoss den Ruf, „mit allen Prinzen in möglichst nahe bzw. geschlechtliche Beziehung zu treten“.

Diesen Satz sowie Namen und Details über die Teilnehmer an der Sexparty im Jagdschloss erfuhren Adressaten des Hochadels durch 246 anonym verschickte Briefe zwischen 1891 und 1894. Die Episteln wurden illustriert mit pornografischen Fotos, auf denen die Köpfe ausgeschnitten und durch die Namen der Teilnehmer an der Party ersetzt wurden. Gerüchte zirkulierten in den Salons der besseren Kreise, aber nicht in der Öffentlichkeit.

Das änderte sich schlagartig nach dem 16. Juni 1894. Auf Befehl des Kaisers ließ Wilhelm von Hahnke, Chef des Militärkabinetts, den Zeremonienmeister Leberecht von Kotze aufgrund von gezielt gestreuten Gerüchten wegen „Beleidigung und der Verbreitung unzüchtiger Schriften“ verhaften. Das war ein spektakulärer Doppelfehler: Erstens handelte es sich hier um Antragsdelikte und zweitens war dafür, falls überhaupt jemand Anzeige erstattet hätte, nicht der Kaiser zuständig, sondern die Staatsanwaltschaft.

Hinzu kam, dass der verhaftete Zeremonienmeister nach drei Wochen aus der Haft entlassen werden musste, weil er seine Unschuld glaubhaft machen konnte und weil weitere anonyme Briefe während seiner Haft auftauchten. Der Autor der anonymen Briefe wurde nie ermittelt. Vieles spricht dafür, dass Wilhelms Schwager Ernst Günther mit dem Spitznamen „Herzog Rammler“ der Autor war.

Die spektakuläre Verhaftung und der Rechtsbruch des Kaisers waren nicht mehr zu verheimlichen. Um den Kaiser aus der Schusslinie zu nehmen, mussten zwei hohe Beamte zurücktreten. Aber der Konflikt schwelte weiter, denn der Kaiser verweigerte dem Zeremonienmeister Kotze eine standesgemäße Rehabilitation.

Nun nahm der Zeremonienmeister die Verteidigung seiner Ehre und seiner Männlichkeit selbst in die Hand – und damit wurde aus dem Sexskandal ein politischer Skandal von erheblicher Tragweite. Kotzes Verteidiger Fritz Friedmann lenkte den Verdacht auf Kotzes Rivalen und Kollegen Karl Frh. von Schrader. Am 21. Januar 1895 kam es zu einem nach dem wilhelminischen Ehren- und Männlichkeitsverständnis obligaten Duell zwischen Kotze und Schrader, das unblutig endete.

Ein erstes militärgerichtliches Verfahren sprach Kotze am 7.März 1895 frei. Wiederum intervenierte der Kaiser und verlangte von den Denunzianten Kotzes, darunter seinem Schwager Ernst Günther, dass sie sich bei Kotze entschuldigten. Drei andere Denunzianten taten dies jedoch nicht, was Kotze nach dem Ehrenkodex das Recht gab, sie zum Duell zu fordern. Durch ein kollektives Mandat einigten sich die drei auf den Oberhofmarschall Hugo Frh. v. Reichschach als Duellpartner Kotzes, der von seinem Gegner leicht verletzt wurde.

Nachdem Kotze seinen Widersacher von Schrader wegen Verleumdung beim zuständigen Gericht verklagt hatte, kam der Fall vor das militärische Ehrengericht, weil Kotze die private Duellentscheidung nicht akzeptierte. Er wollte den Ausgang des Prozesses abwarten, von Schrader aber ein Duell. Ein Ehrengericht sprach daraufhin Kotze die Ehre ab wegen Satisfaktionsverweigerung und schloss ihn aus der Armee aus. Der Kaiser akzeptierte das nicht und leitete den Fall an ein zweites Ehrengericht weiter. Es gelangte zum gleichen Urteil, aber der Kaiser entließ Kotze nicht aus der Armee, sondern verwarnte ihn nur. Dadurch wurde Kotze wieder satisfaktionsfähig und musste sich mit von Schrader duellieren.

Beim Duell am Karfreitag 1896 wurde von Schrader tödlich verletzt, Kotze bekam eine Strafe von zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis wegen „Tötung im Zweikampf“, aber der Kaiser begnadigte ihn nach einigen Monaten. Wenige Tage nach dem Duell verabschiedete der Reichstag einstimmig eine Resolution gegen das „mit den Strafgesetzen im Widerspruch befindliche Duellwesen“. Das markierte das Ende des Klassenprivilegs privater Rechtsfindung durch Duelle und die damit verbundenen atavistischen Vorstellungen von Ehre und Männlichkeit. Das gut lesbare Buch ist für historisch Interessierte empfehlenswert.

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