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Am Ende ein Lachen

Beruhigend absurd: Der hinreißende Roman des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami

Von ISABELLE ERLER

An seinem 15. Geburtstag haut Kafka Tamura ab. Verlässt den allein erziehenden Vater. Der interessiert sich eh kaum für ihn, macht Kafka das Leben schwer, indem er ihm ein Ödipus gleiches, ja schlimmeres Schicksal prophezeit: Irgendwann werde Kafka den Vater umbringen und nicht nur mit seiner Mutter, sondern auch mit der älteren Schwester schlafen. An beide kann Kafka sich nicht erinnern. Zu lange ist es her, dass Mutter und Schwester verschwanden und Kafka bei dem Vater zurückließen. In jeder Frau, die dem jungen Mann auffällt, vermutet er deshalb Mutter oder Schwester. Nie aber erhält er eine Antwort auf die Frage, warum die Liebe seiner Mutter nicht groß genug war, ihn mitzunehmen.

Realistisch und nüchtern schildert Kafka Tamura die Geschichte seiner Reise, auf der er erstaunlich lieben und verständnisvollen Menschen begegnet. Allen voran der ein paar Jahre ältere Bibliothekar Oshima. Er organisiert Kafka Unterschlupf und Arbeitsplatz in der Privatbibliothek, in der er angestellt ist. Er beschützt ihn, als der Junge tatsächlich in Verdacht gerät, seinen Vater getötet zu haben. Und er bringt ihn - vielleicht etwas zu weise - auf die Spur, als er sich in die geheimnisvolle Bibliotheksleiterin Frau Saeki verliebt und die beiden ein Verhältnis beginnen.

Fügt man hinzu, dass der Ausreißer am Ende gereifter nach Hause zurückkehrt, könnte man Kafka am Strand fast für einen Entwicklungsroman klassischer Manier halten. Aber Haruki Murakami, der japanischer Bestsellerautor mit Kultstatus, durchzieht sein jüngstes Buch, wen wundert's bei diesem Titel, mit kafkaesk-abstrakten Ebenen. Realistische Absurditäten, vieldeutige Bilder, philosophische Blicke in fantastische Innenwelten. So schildert Haruki Murakami parallel zu Kafka Tamuras Reise den auf rätselhafte Weise geistig aus der Norm gekippten, aber liebenswerten alten Mann Nakata. Als er einen sich für Johnny Walker ausgebenden Katzenmörder umbringt, beginnt für ihn eine Mission, deren Ziel er nicht kennt, die er aber ergeben erfüllt.

So konsequent die Erzählstränge über fast 600 Seiten nebeneinander herlaufen, sich nur über vom Himmel fallende Blutegel und Polizeifahndungen berühren, so selbstverständlich werden sie am Ende miteinander verknüpft. Auf zwar geheimnisvolle Weise öffnet der Alte dem Jungen den Weg ins eigene Innere und zu einem Gefühl für sich selbst. Aber irgendwie ist man nach so vielen unfassbaren Ereignissen zu sehr daran gewöhnt, als dass einen das noch aus der Bahn werfen könnte. Das Leben ist eben absurd. Beruhigend absurd. Und das zaubert nicht nur dem nie lächelnden Kafka Tamura am Ende ein Lachen aufs Gesicht.

Nirgendwo auf dem jüngsten Buch von Haruki Murakami taucht der Hinweis "ab 15 Jahre" auf. Und dann die vielen "Stellen" - Passagen, in denen es einfach um Sex geht! Ist Kafka am Strand überhaupt ein Jugendbuch, wie vielerorts behauptet? Keinesfalls, wenn man darunter ein Werk versteht, das im Hinblick auf eine definierte Altersgruppe geschrieben wurde und in einem Jugendbuchverlag erscheint. Zweifellos, denn Kafka am Strand greift Fragen auf, die Jugendliche und junge Erwachsene beschäftigen. Tiefsinnig und sprachlich wunderbar klar zeigt Haruki Murakami, wie sein Protagonist Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach seiner Position zu finden beginnt.

Dazu gehören auch sexuelle Fantasien und Erlebnisse, die Murakami unverblümt, aber nicht reißerisch formuliert, berührend, aber nicht kitschig. Deshalb kann man froh sein, dass es kein "ab 15" gibt. Denn die fehlende Altersangabe ist - so war es immer schon - die beste Garantie dafür, dass eben auch Leser ab 15 Jahren Murakamis Kafka am Strand entdecken und erobern, mit ihm eintauchen in eine neue Welt. Eine Welt, in der man auch zwei Jahrzehnte später noch gern verschwindet.

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