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Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Silvia Bovenschen, hier auf einem Empfang in Frankfurt im Jahr 2011, starb am 25. Oktober 2017.

Silvia Bovenschen

Am Ende kriegen wir keinen durch

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Von der Trauerfeier für die Schriftstellerin Silvia Bovenschen.

Vor der Kirche auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin steht ein hochmoderner Rollstuhl, der eher ein Rollmobil ist. So einen hat doch Silvia Bovenschen, denke ich. Aber es ist ja ihre Beerdigung, zu der ich gegangen bin. Innen sind alle Plätze besetzt. In der einen oder anderen Ecke müssen ein Dutzend Menschen noch stehen. Kaum jemand ist unter 50. Silvia Bovenschen hatte fünfzig Jahre lang Multiple Sklerose, zweimal den Krebs besiegt und ich weiß nicht wie viel andere Attacken überlebt, bis sie am 25. Oktober starb. Jetzt steht da eine Urne. Von oben hören wir Tae Eun Kim Händels „Lascia ch’io pianga…“ singen. Mit Händels „Ombra mai fu“ wird sie uns verabschieden.

Die Trauerrede hält der Sprecher der Geschäftsführung des S. Fischer Verlages, Jörg Bong. Er kannte Silvia Bovenschen, seit er Anfang der 90er bei ihr ein Seminar über die Frühromantiker besuchte. Er spricht von den zehn Büchern, die sie geschrieben hat, zitiert aus „Älter werden“ und aus dem neuesten, das wir erst Anfang 2018 werden kaufen können. Er preist ihre Liebe zur Genauigkeit, ihre Zusammenarbeit mit vielen Autoren des Verlages. Hinter mir saß einer von ihnen: Ingo Schulze. Bong erinnert an Sarah Schumann, die Lebensgefährtin Silvia Bovenschens. Sarah ist Malerin. Eine der großen Figuren der feministischen Kunst der 70er Jahre. Es spricht nicht für die Gegenwart, dass diese dabei ist, sie zu vergessen.

Jörg Bong spricht auch über Bovenschens Zorn, Wut und Groll über die jüngsten Entwicklungen. Es war nicht der übliche Ärger des Alters über die ihr davonlaufende Jugend. Silvia Bovenschen, die bei Theodor W. Adorno nicht nur studiert, sondern auch von ihm gelernt hatte, war wütend über den Schmackes, mit dem der Staat sich zurückzog und die Menschen, die er in Ich-AGs zu verwandeln suchte, den ihre Gefräßigkeit immer ungehemmter auslebenden Vertretern des großen Kapitals zur Beute vorwarf. Sie fühlte sich hilflos. Denn zur neuen Unverschämtheit gehörte, dass es keiner sonderlichen Verstandesleistung mehr bedurfte, zu durchschauen, was geschah. Jeder sah es. Aber keiner scheint in der Lage, etwas dagegen zu tun.

Silvia Bovenschen, die von Simmel und Barthes gelernt hatte, die gesellschaftlichen und erotischen Codes zu entziffern, mit denen zum Beispiel die Mode uns verführt und manipuliert, die es verstand, der Melodie einer Satzfolge – wenigstens in Gedanken – nachzutanzen, fühlte sich von der Brutalität der jüngsten Entwicklungen unterfordert. Ihr analytischer Verstand war nicht mehr gefordert. Vielleicht wandte sie sich auch darum dem Schreiben von Romanen zu.

Wir alten Leute sitzen in der kleinen Kirche, hören Jörg Bongs Rede, dämmern hinüber in unsere Erinnerungen und Gedanken. Sehen zu unseren Nachbarn. Da sitzt zum Beispiel mir gegenüber Lothar Menne, der, bevor er viele Jahre lang einen großen Publikumsverlag sehr erfolgreich leitete, Che Guevaras Tagebücher nach Deutschland brachte. Er kannte Silvia Bovenschen seit 1967. Mit ihr ist jemand gestorben, der in dem alten Mann noch den jungen von damals hätte erkennen können. So geht es vielen von uns. Männern wie Frauen.

Bong erzählt einen Witz, den Silvia Bovenschen ihm erzählte. Ihr Vater hatte ihn ihr erzählt, als er erfuhr, dass seine Tochter Multiple Sklerose hatte: Ein uralter Mann sitzt mit seiner uralten Frau am Sarg des Kindes, das mit 70 starb und meint tröstend: Wir hatten doch gleich gesagt, den kriegen wir nicht durch.

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